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Schweinestau bereitet Bauern große Sorgen

Wegen der Corona-Pandemie fehlt es an Schlachtkapazitäten. Um ihre Tiere loszuwerden, suchen Halter nach Lösungen. Ferkelerzeuger haben es besonders schwer.

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Neue Ferkel: Sören Meyer leitet die Jungtiere aus eigener Erzeugung in den Maststall. Dass es darin Platz für neue Schweine gibt, ist derzeit nicht selbstverständlich. Foto: Tzimurtas

Neue Ferkel: Sören Meyer leitet die Jungtiere aus eigener Erzeugung in den Maststall. Dass es darin Platz für neue Schweine gibt, ist derzeit nicht selbstverständlich. Foto: Tzimurtas

Es ist kurz vor 12 Uhr, Sören Meyer hat eine Lieferung Ferkel für seine Mastanlage in Lutten erhalten. Die Jungtiere, die er mit Bedacht aus dem Lkw in den Stall leitet, sind auch aus eigener Erzeugung, 400 an der Zahl. Dass sie an diesem Freitag überhaupt "eingestallt" werden können, wie Meyer es in der Fachsprache ausdrückt, liege hieran: Am Mittwoch sei es gelungen, "glücklicherweise" Tiere verkaufen zu können. "Es gibt wieder Platz im Stall", sagt der 35-jährige Landwirtschaftsmeister.

Wieder Platz im Stall zu bekommen, darauf hoffen die Schweinebetriebe Land auf, Land ab. Es herrscht ein "Schweinestau" in den Ställen in Niedersachsen. Das betrifft insbesondere die Betriebe im Oldenburger Münsterland, wo es etwa fünf Millionen Schweine gibt. Der Grund: Schlacht- und Zerlegebetriebe haben die Produktion gedrosselt, aus Gründen des Infektionsschutzes für die Mitarbeiter. Denn Schlachtunternehmen sind immer wieder zu Corona-Hotspots geworden.

"Wir melden jetzt schon Tiere für Dezember beim Viehhändler an, in der Hoffnung, dass es klappt."Sören Meyer, Landwirtschaftsmeister aus Lutten

Solch einen Fall gibt es derzeit in Sögel. Der Schlachthof Weidemark (Tönnies) ist vom Landkreis Emsland nach mehr als 100 infizierten Beschäftigten für drei Wochen geschlossen worden. Und nun gibt es auch im Vion-Schlachthof in Emstek mehr als 60 Corona-Fälle. Hier gelten vorerst Einschränkungen.

Die Corona-Infektionen in Sögel und in Emstek verschärfen die Lage für die Schweinebauern enorm. Denn dadurch entfallen nach Angaben des Agrarministeriums in Hannover 120.000 Schweineschlachtungen in der Woche. Beide Betriebe stellen zusammen 40 Prozent der Schlachtkapazitäten für Schweine in Niedersachsen.

Die Sauen sind bereist besamt, die Produktion läuft weiter

Meyer sagt: Der Engpass werde sich bereits kommende Woche noch weiter verschärfen. "Wir melden jetzt schon Tiere für Dezember beim Viehhändler an, in der Hoffnung, dass es klappt" – mit der Schlachtung, berichtet er. "Feste Lieferbeziehungen bewähren sich in dieser Zeit", sagt er mit Blick auf den gerade neu geschaffenen Platz für die 400 Ferkel.

Allerdings: Das Problem des "Schweinestaus" in den Ställen trifft insbesondere die Ferkelerzeuger hart, die Schwierigkeiten haben, Abnehmer zu finden. Und: Die Sauen sind bereits besamt, die Produktion geht also weiter. Meyer erzeugt ein Drittel seiner Ferkel für die eigene Mast, die anderen zwei Drittel gehen an Betriebe in der Region. Während sich Mäster angesichts der geringeren Schlachtkapazitäten dazu entschließen könnten, nicht mehr einzustallen, brauche die Ferkelerzeugung eine Vorlaufzeit, erklärt Meyer die schwierige Lage.

Er verdeutlicht es anhand dieses Szenarios: "Wenn wir mit der Besamung der Sauen aufhören würden, aber in sechs Monaten wieder mit normaler Kapazität geschlachtet würde, würde es bei neu einsetzender Besamung noch weitere sieben Monate dauern, bis das Tier zum Mäster kommt und nochmals circa vier Monate, bis es zum Schlachter kommt." Insgesamt gehe es also um etwa elf Monate.

Höhere Futterkosten schlagen zu Buche

"Wie wir uns verhalten sollen, wissen wir noch nicht", sagt Meyer. Aber fest stehe dabei: "Wenn man nicht besamt, hat man immer noch die Futterkosten für die Sauen." Meyer erklärte: "Wir haben erst einmal eine milde Maßnahme ergriffen und die Jungsauen abbestellt." In der aktuellen Lage gelte: "Man muss sich non-stop Gedanken machen über Lösungen."

Ein Mehr an Futterkosten schlägt dabei auch bei den Mastschweinen zu Buche, wenn sie zu lange im Stall gehalten werden und immer mehr Fleisch ansetzen. Hinzu kommt: Aktuell sind die Preise für Schlachtschweine im Keller. Das hängt auch hiermit zusammen: Wegen der Fälle von Afrikanischer Schweinepest (ASP) bei Wildschweinen in Brandenburg sind die deutschen Schweinefleischexporte in Drittländer gesperrt. Pro Kilo eines Schlachtschweins gibt es für Landwirte derzeit 1,27 Euro. Als gewinnbringend gilt ein Preis ab 1,60 Euro pro Kilo.

"Übergewicht kostet Geld."Georg Reinke, Agrarbetriebswirt aus Holtrup

Georg Reinke (38) aus Holtrup, Agrarbetriebswirt und Schweinemäster, sagt zur Gesamtsituation, es sei frustrierend, "wenn man für umsonst arbeitet oder sogar draufzahlen muss". Er verweist auch darauf, dass Schlachthöfe Abschläge berechnen, wenn die Tiere nicht mehr der Abrechnungsmaske entsprechen, wenn sie also zu groß geworden sind.

Das durchschnittliche Schlachtgewicht liege in der Regel bei 95 Kilogramm pro Tier. Bleiben die Schweine aber länger im Stall, würden sie 0,5 bis ein Kilo pro Tag zunehmen. Er habe Tiere eine Woche bis zehn Tage über der regulären Schlachtreife im Stall gehabt. Und: "Übergewicht kostet Geld", betont er.

Reinke hat 4000 Mastschweine. Auch Bullenmast betreibt er sowie eine Biogas- und eine Photovoltaikanlage. In einem der Schweineställe, der über 2700 Plätze verfügt, hält er aus Tierwohlgründen 2400 Tiere – in normalen Zeiten. Aktuell seien dort 2000 Tiere.

Drängt auf Lösungen: Georg Reinke aus Holtrup. Foto: TzimurtasDrängt auf Lösungen: Georg Reinke aus Holtrup. Foto: Tzimurtas

Am Freitagmorgen konnte er einige abliefern, 160 Exemplare. Da habe er "aufgeatmet", berichtet er. Auch am Abend erwartete er einen Lkw zur Abholung, sodass er am Montag wieder Ferkel einstallen könne. Das mache er wegen der langjährigen Geschäftsbeziehungen mit seinem Ferkelerzeuger. Solidarität ist angesagt. Es gebe große Ungewissheiten für alle.

Landwirte machen Vorschläge für mehr Schlachtungen

Reinke, der auch stellvertretender CDU-Kreisvorsitzender ist, fordert diese Lösung, um den Stau in den Schweinställen abzubauen: Da der Bereich der Zerlegung die Problemzone in Schlachthöfen sei, solle die vorgelagerte Schlachtung fortgesetzt werden. Die getöteten Tiere sollen weiterhin in Hälften geteilt werden, was ja hauptsächlich maschinell vor sich gehe. Dann seien diese Schweinehälften einzufrieren. So könne alles seine Taktung behalten.

Und er protestiert gegen Schließungen von Schlachthöfen wie in Sögel. Das habe massive überregionale Auswirkungen.

Auch Meyer hat einen Vorschlag: Flexible Arbeitszeiten in Schlachthöfen und Reihentestungen. Es müsse eine Lösung geben. "Im Moment haben wir noch Platz, aber uns graut vor den nächsten drei bis fünf Wochen", sagt Meyer

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