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Kükentöten: Ja zum Verbot, Nein zum Zeitplan

Die Reaktionen auf den Gesetzentwurf von Agrarministerin Julia Klöckner vor Ort sind positiv. Die Visbeker AAT bietet bereits ein Verfahren zur Geschlechterbestimmung im Ei.

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Das durchleuchtete Ei: Mithilfe der hyperspektralen Messtechnik kann das Geschlecht des Kükenembryos bestimmt werden, ohne dem Ei Material zu entnehmen. Foto: AAT

Das durchleuchtete Ei: Mithilfe der hyperspektralen Messtechnik kann das Geschlecht des Kükenembryos bestimmt werden, ohne dem Ei Material zu entnehmen. Foto: AAT

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat am 9. September einen Gesetzentwurf zum Ausstieg aus dem Kükentöten vorgelegt. Allein in Deutschland werden nach Angaben ihres Ministeriums aus wirtschaftlichen Gründen jährlich etwa 45 Millionen männliche Hühnerküken kurz nach dem Schlüpfen getötet. Die bisherige Tötungspraxis wird ab dem Januar 2022 verboten. Durch frühe Geschlechtsbestimmung im bebrüteten Ei soll verhindert werden, dass die Hähne gar nicht erst schlüpfen.

Ein Küken wird rund 21 Tage lang ausgebrütet. Derzeit arbeiten alle marktreifen Verfahren der "in-ovo-Geschlechtsbestimmung", also der Bestimmung im Ei – in einem Zeitkorridor vom 9. bis zum 14. Bebrütungstag. Diese Verfahren gelten inzwischen als "Brückentechnologie". Nach dem 31. Dezember 2023 müssen Methoden angewandt werden, die vor dem 7. Bruttag das Geschlecht bestimmen. Erlaubt bleiben neben der Bestimmung im Ei die Aufzucht von Bruderhähnen oder die Verwendung von "Zweinutzungshühnern".

Als weiteres Verfahren gibt es inzwischen die Raman-Spektroskopie, die das Geschlecht am 4. Bruttag bestimmen kann. "Allerdings hat das Verfahren noch keine Praxisreife erlangt, sondern arbeitet auf Laborstatus, also im Stückzahlenbereich", erklärt Dieter Oltmann, Geschäftsführer des Verbandes der niedersächsischen Geflügelwirtschaft in Oldenburg.

"Der Markt entscheidet, ob er unsere Tiere abnimmt."Jörg Hurlin, Geschäftführer der Firma AAT

Jörg Hurlin ist Geschäftsführer der Agri Advanced Technologies GmbH (AAT) in Visbek. Das Unternehmen hat ein Spektralverfahren entwickelt, mit dem das Geschlecht des Huhns am 13. Bebrütungstag ermittelt werden kann. Man arbeite aber inzwischen "mit einem neuen Ansatz" an einem Verfahren, das die Bestimmung vor dem 4. Tag möglich macht, erklärt Hurlin.

Die Methode aus Visbek sei "einsatzbereite Technik". Eine erste Maschine steht in einer Brüterei in Cuxhaven. Bereits 200 .000 Legehennen habe man "im Feld", die die Geschlechterbestimmung im Ei durchlaufen haben, erklärt Hurlin. Weiterverarbeitern oder dem Verbraucher könne man schon lange Eier aus kükentötungsfreier Haltung anbieten. "Der Markt entscheidet, ob er unsere Tiere abnimmt."

Bietet einsatzbereite Technik zur Geschlechterbestimmung im Ei: Jörg Hurlin. Foto: PrivatBietet einsatzbereite Technik zur Geschlechterbestimmung im Ei: Jörg Hurlin. Foto: Privat

Hurlin hat allerdings Zweifel, ob der ambitionierte Zeitplan der Ministerin gehalten werden kann. Schon die Entwicklung des jetzigen Weges sei mit hoher "Kraftanstrengung", viel Forschung und viel Geldeinsatz verbunden gewesen. Die neuen Forderungen verlangten weiter "Vollgas" von den Produktentwicklern und setzten diese gehörig unter Druck. Damit in 3 Jahren die "in-ovo-Verfahren" auch praktisch in den Brütereien einsetzbar seien, müssten sie letztlich auch getestet und zugelassen werden, das koste Zeit.

Auf die Forderungen der großen Handelsketten, allen voran die Discounter Lidl und Aldi, gehen auch die Eierproduzenten ein. Laut "Agrarzeitung" wollen etwa Aldi Süd und Aldi Nord spätestens bis zum Jahr 2022 die gesamten Lieferketten für Boden-, Freiland- und Bio-Eier umstellen und künftig nur noch Eier ohne das Töten von Küken anbieten. Bei Eifrisch in Lohne, Vertriebsgesellschaft von Europas größtem Eierproduzenten, der Deutschen Frühstücksei (Neuenkirchen-Vörden, Marke Ovobest), verweist man in Bezug auf die Produktionskette auf die inzwischen gebräuchliche Anwendung von "in-ovo-Verfahren" ebenso wie auf das System der Bruderhahnaufzucht.

Auch die Geflügelwirtschaft will den Ausstieg

Friedrich-Otto Ripke, Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft - auf den auch die örtlichen Branchengrößen wie etwa die PHW-Gruppe (Marke Wiesenhof) verweisen - will den Ausstieg. Er sieht jedoch die auf Ende 2023 gelegte Frist als zu knapp. Bislang gebe es kein praxisreifes Verfahren, das die Geschlechtsbestimmung im Ei vor dem 7. Bruttag ermögliche. Er forderte außerdem die europaweite Einführung neuer Standards.

Die heimische CDU-Bundestagsabgeordnete Silvia Breher lobt den Gesetzentwurf: Wissenschaft, Geflügelbranche und Politik hätten seit Jahren unter Hochdruck an Alternativen zur Kükentötung gearbeitet. Die marktreife Geschlechtsbestimmung im Ei ermögliche jetzt den Ausstieg. Sie freuesich über die hohen Tierschutzstandards und sehe als weiteren Vorteil den nun vorhandenen wissenschaftlich-technischen Vorsprung auf dem Gebiet der Geschlechtsbestimmung, schreibt die Politikerin.

Brehers SPD-Kollegin Susanne Mittag, zuständig für das Oldenburger Münsterland, spricht von einem "großen Durchbruch für den Tierschutz". Sie betrachtet es als "unabdingbar, endlich ein staatliches Tierwohllabel vorzulegen, das auch Geflügel sowie Eier erfasst und das dem Verbraucher deutlich macht, dass für die Legehennenproduktion keine Küken sterben mussten". Das Label sei insbesondere mit Blick auf die in Europa unterschiedliche Gesetzgebung wichtig, denn "nur so kann verhindert werden, dass Hennenküken importiert werden, deren Brüder getötet wurden."


Künftig erlaubte Verfahren:

  • Um die massenweise Tötung männlicher Küken zu verhindern, gestattet das Tierschutzgesetz künftig folgende Gechlechterbestimmungs-/Selektionsverfahren sowie Haltungsformen:
  • Die frühe Geschlechtsbestimmung im bebrüteten Ei (In-ovo-Geschlechtsbestimmung) durch endokrinologische Verfahren (mit Materialentnahme aus dem Ei) oder im spektroskopischen Verfahren, bei denen ein Lichtstrahl ins Ei geschickt wird.
  • Erlaubt ist zudem die – unwirtschaftlichere – „Bruderhaltung“, bei der auch die Hähne der üblichen Legehennenrassen gemästet werden. Der Tierhalter hat in diesem Fall legefreudige Hennen, aber schwach abwachsende Masthähne.
  • Bei der „Zweihuhnnutzung“ werden ebenfalls beide Geschlechter aufgezogen, allerdings sind rassenbedingt die Hennen weniger legefreudig, die Hähne aber setzen mehr Fleisch an.

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