Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

"Die Dreckigen muss man selber essen"

Mit 23 schon der Chef: Der frühe Generationswechsel ist auf dem Hof Meyer-Hemmelsbühren geglückt. Jupp Meyer hat mit einem "Hühner-Hotel" einen kleinen, feinen Betriebszweig hinzugefügt.

Artikel teilen:
Gelockt mit Weizen: Jupp Meyer hält 226 Hühner und zwei Hähne im rollenden "Schlafstall" (im Hintergrund). Foto: Kreke

Gelockt mit Weizen: Jupp Meyer hält 226 Hühner und zwei Hähne im rollenden "Schlafstall" (im Hintergrund). Foto: Kreke

Abends hat er noch acht Hektar Gerste gedroschen, „bis zehn, da wurd‘s zu nass“. Morgens steht Jupp Meyer um 7 Uhr schon wieder in seinem „Hühnerhotel“. Das mobile Geflügel-Heim auf einer Wiese neben der Leharstraße hat den 23-jährigen Cloppenburger auf einen Schlag bekannt gemacht.

Denn der Landwirtschaftsmeister und Betriebswirt zieht seine 226 braun-weißen Hennen in dem rollenden „Schlafstall“ über die Wiese immer ein Stückchen weiter, wenn das Grün zerpickt ist – bei jedem Wetter. „Die waren noch keinen Tag drinnen“, unterstreicht er. Was die Schar ins Nest gelegt hat, sortiert der junge Chef jeden Morgen säuberlich in die Pappschachteln, um seinen SB-Automaten an der Leharstraße zu befüllen. In der Zeit der Kontaktsperre war die Bio-Ware oft schon vormittags ausverkauft. Selbst danach liegt kein Ei länger als 36 Stunden im Kühlfach.

"Wenn ein Kunde hierher kommt, will er nicht 08/15-Ware aus dem Supermarkt, sondern Champions League."Jupp Meyer

Meyer schaut ganz penibel hin. „Jedes Ei zählt. Wenn ein Kunde hierher kommt, will er nicht 08/15-Ware aus dem Supermarkt, sondern Champions League“, sagt der Unternehmer selbstbewusst. Was in den Verkauf geht, muss „wie aus dem Ei gepellt“ aussehen. Fleckige Eier nimmt Meyer mit zum eigenen Frühstück: „Die dreckigen muss man selber essen“, sagt er. Nur so lässt sich der Stückpreis von 50 Cent rechtfertigen.

Dass sein Automat so rasch geleert wird, bestätigt den Jungunternehmer: „Das gute Feed­back zeigt ja, dass die Leute bereit sind, für Qualität mehr auszugeben. Die Transparenz, wie‘s entsteht, gefällt ihnen.“

Die Idee hat Meyer entwickelt, als er während seiner Ausbildung in einem Legehennen-Betrieb im Emsland arbeitete. Auf die kleine Direktvermarktung an der Straße „wollte ich noch eine Schüppe drauflegen“, erzählt er. Mit 23 pachtete der Junior den ganzen Hof von seinem Vater, mit Wald und Acker.

Der Rückzug auf Raten mit erst 56 Jahren fällt Georg Meyer-Hemmelbühren leicht. „Wir haben so viel Glück mit unseren Kindern“, sagt der Senior: „Das ist ja heute nicht selbstverständlich, dass sie weitermachen.“ „Ich bin nie gedrängt worden“, bestätigt der Junior. Und: „Mein Vater war immer offen für neue Ideen.“

Beiden ist klar: Von der Hühner­hotel-Nische allein kann kein Hof überleben – auch nicht die Masse der Verbraucher. „Ich könnte damit keine eigene Familie ernähren und auch nicht halb Cloppenburg“, sagt der noch solo lebende Junior. Seine Schlussfolgerung: „Es muss auch Landwirte geben, die es anders machen.“

Die scharfe, teils polemische Kritik an der Massenproduktion sieht Jupp Meyer folglich zwiespältig. „In der Landwirtschaft ist eine Generation herangewachsen, der die Probleme bewusst sind“, sagt er. Aber: „Der Wandel kann doch nur kommen, wenn man es auch umsetzen kann. Das funktioniert nicht mit reißerischen Parolen, das geht nur langsam und im Gespräch. Dieser Prozess dauert.“ Wenn Landwirte wie Feindbilder betrachtet würden, weil sie innerhalb eines gewachsenen Wirtschaftssystems arbeiten, das sie nicht im Alleingang und schon gar nicht ohne wirtschaftspolitische Rahmensetzung verändern könnten, grenze das an „Diskrimierung“, meint Meyer. „Alle Betriebe wachsen, nur den Landwirten macht man das zum Vorwurf.“

Ein großes Problem in dieser Auseinandersetzung ist für den jungen Landwirt eine „Doppelmoral“ unter Verbrauchern: „Da wird laut gefordert und leise das Gegenteil getan“, sagt er. So verlangen zwar über 90 Prozent aller Verbraucher mehr artgerechte Tierhaltung, doch der Anteil von Biofleisch am Konsum ist trotz steigender Tendenz noch immer gering in Deutschland: 1,4 Prozent vom Schweinefleisch, bei Geflügel 1,8 Prozent und bei Rindfleisch 4,4 Prozent (Quelle: Neue Züricher Zeitung).

Dieser Inkonsequenz setzt Meyer zumindest im Kleinen sein Hühnerhotel entgegen. Reich wird er damit nicht: „Es bleibt was über, aber das Futter kostet das Doppelte und der Arbeitsaufwand ist extrem viel höher.“ Dennoch glaubt er: „Wir müssen noch mehr in diese Kerbe schlagen.“

Auch privat hat sich der Meister auf eigene Füße gestellt. Obwohl der großzügige Hof nahe am Zentrum idyllisch liegt und Platz genug bietet, hat sich Jupp Meyer mitten in der Fußgängerzone eine eigene Wohnung eingerichtet – als Selbstversorger. Kochen hat er schon in der Schule gelernt und ist am Herd über Spiegeleier hinaus. Wenn er sich ein- oder zweimal die Woche mit seinen Freunden zum Tennis trifft, helfen die Eltern gelegentlich im Hühnerhotel aus und schließen die Türen zur Nacht.

Seine Entscheidung für Cloppenburg als Heimat steht fest. Als er vor der Lehre auf eigene Faust durch Südostasien reiste, blieben seine Freunde elf Monate lang unterwegs, Jupp Meyer kehrte nach neun Monaten zurück: „Da hatte ich genug erlebt.“

So verpassen sie nichts mehr. Mit unseren kostenlosen Newslettern informieren wir Sie über das Wichtigste aus dem Oldenburger Münsterland. Jetzt einfach für einen Newsletter anmelden!

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

"Die Dreckigen muss man selber essen" - OM online