Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

"... dann ist das Ritzer ab September geschlossen"

Die Kult-Kneipe und das Bistro im Stern kämpfen in der Corona-Krise um ihr Überleben. Helfen würde es den Wirten schon, wenn die Gäste früher kämen.

Artikel teilen:
Ihr Lächeln haben sie noch nicht verloren: (von links) Eva-Maria Lindhaus, Marko Bühler und Nils Honkomp. Foto: Böckmann

Ihr Lächeln haben sie noch nicht verloren: (von links) Eva-Maria Lindhaus, Marko Bühler und Nils Honkomp. Foto: Böckmann

Marko Bühler redet nicht lange um den heißen Brei herum, er kommt direkt auf den Punkt. "Wenn es so weiterläuft wie jetzt, dann müssen die Dinklager damit leben, dass es hier irgendwann vielleicht keine Kneipen mehr gibt." Der 44-Jährige ist der Wirt des Ritzers, der Kult-Kneipe in der Innenstadt und Heimstätte für das legendäre Bobrennen am Neujahrstag für die OV-Aktion "Sportler gegen Hunger". Bei Bühler hat sich seit der Corona-Krise in den vergangenen Monaten reichlich Frust aufgestaut. Denn das Geschäft, das vor der Pandemie und der wochenlangen Schließung nach seinen Angaben noch gut lief, hat deutliche Umsatzeinbußen hinnehmen müssen.

So große im Vergleich zu der Vor-Corona-Zeit, dass Bühler mit Blick auf die Zukunft klipp und klar sagt: Wenn sich an der gegenwärtigen Situation nichts verbessere, "dann ist das Ritzer ab September geschlossen" - zumindest mit ihm als Pächter. Rote Zahlen schreiben, das möchte der Dinklager mit der Kneipe nicht. Das habe er auch schon Besitzer Frank Schlarmann mitgeteilt. Im Juni, erzählt Bühler, hatte er im Ritzer 3000 Euro Umsatz generiert - viel zu wenig, um damit seine Ausgaben für fünf Angestellte,  Pacht und weitere Kosten zu decken.

Dabei gibt es mit Blick auf den Umsatz seit der Wiedereröffnung Anfang Juni durchaus gute, manchmal sogar sehr gute Tage, wie Bühler einräumt. Das bestätigt auch Eva-Maria Lindhaus als Betreiberin des  "Bistro im Stern". Doch seit Corona hat sich das Verhalten der Dinklager Kneipengänger verändert, finden die beiden Wirte.  Lindhaus sagt: "Die Menschen sind vorsichtiger geworden, es trauen sich noch nicht wieder so viele in die Lokale." 

100 Euro Umsatz in elf Stunden

Außerdem haben Bühler mit dem Ritzer und Lindhaus mit ihrer Eckkneipe an der Lange Straße mit einer gesellschaftlichen Veränderung zu kämpfen, die viele Wirte betreffen dürfte: Die Gäste gehen nämlich immer später in die Lokale. Das erschwere nicht nur die Personalplanung, sondern mache sich vor allem beim Kassensturz bemerkbar.

Bühler berichtet von folgendem Beispiel: An einem Samstag habe er in der Zeit von 2 bis 5 Uhr 400 Euro Umsatz gemacht. "Völlig okay", sagt der 44-Jährige. In der Zeit von 15 Uhr, wo er mit der Bundesliga-Konferenz startete, bis 2 Uhr dagegen nur 100 Euro: "Davon kann ich nicht leben." 

Im Stich gelassen fühlen sich die beiden Wirte zum Teil auch von den Behörden. Die Senkung der Mehrwehrsteuer von 19 auf 16 Prozent sei zum Beispiel nicht zu Ende gedacht worden, monieren beiden. Direkte Staatshilfen seien viel sinnvoller. "Wir haben keine Lobby", klagt Bühler.

Es sei in der gegenwärtigen Situation aber nicht alles schlecht, das betonen Bühler und Lindhaus unisono. Verlassen können sie sich unter anderem auf ihre treuen Stammgäste und ihre Mitarbeiter.  Im Ritzer arbeiteten beispielsweise die Bedienungen Nils Honkomp und Sonja Hausfeld in einer Schicht ohne Bezahlung, "damit der Laden zumindest wieder etwas in Schwung kommt", wie Honkomp berichtet. 

Noch hat er geöffnet, doch wie lange noch? Ritzer-Wirt Marko Bühler ist skeptisch. Foto: BöckmannNoch hat er geöffnet, doch wie lange noch? Ritzer-Wirt Marko Bühler ist skeptisch. Foto: Böckmann

In Dinklage gab es vor Jahrzehnten mal gleichzeitig mehr als 50 Gaststätten mit Schankerlaubnis. Klassische (Raucher-)Kneipen gibt es in der jungen Stadt am Burgwald mit dem Ritzer und dem Bistro im Stern noch zwei. Nur: Wie lange noch? Der Blick in die Zukunft ist für die beiden Wirte ungewiss. Sie sehen nicht nur mit Blick auf ihre eigene Existenz die Kneipenkultur in Dinklage arg gefährdet. "Wer will denn heute noch eine Kneipe aufmachen?" Die Branche sei viel zu unsicher, um damit langfristig planen zu können.

Bühler, der seit 2015 das Ritzer betreibt, hat seit jeher mit Gerüchten um das Lokal zu kämpfen, wenn er mal nicht geöffnet habe. Dennoch sagt er, dass er die Arbeit in der Gastronomie in seinen insgesamt fünf Läden in Dinklage, Bakum und Holdorf trotz Arbeitstagen von bis zu 14 Stunden nicht missen möchte. Auch die 64-jährige Lindhaus hat schon kämpferisch angekündigt, dass sie zumindest nicht coronabedingt in Rente gehen will, sondern "so lange weiter arbeite, wie mir die Arbeit Spaß macht". Und so lange die Umsätze stimmen. 

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

"... dann ist das Ritzer ab September geschlossen" - OM online