Prinzessin oder Ritter?
Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Rollen in Märchen beziehen sich nicht immer nur auf das Geschlecht. Vielmehr verraten sie etwas über Verhaltensweisen und Lebenseinstellungen.
Dr. Heinrich Dickerhoff | 01.08.2024
Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Rollen in Märchen beziehen sich nicht immer nur auf das Geschlecht. Vielmehr verraten sie etwas über Verhaltensweisen und Lebenseinstellungen.
Dr. Heinrich Dickerhoff | 01.08.2024

Nein, ich schreibe hier nicht arg verfrüht über die Auswahl des nächsten Karnevalskostüms. Auch nicht über typische Geschlechterrollen. Mir geht es hier um Lebenseinstellungen, und ich habe genug männliche Prinzessinnen getroffen und weibliche Ritter. Es gibt ein typisches „Prinzessinnenverhalten“. Das spielt an auf das Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“, das Hans Christian Andersen mit viel Ironie erdacht hat. Erinnern Sie sich? Ein Prinz sucht eine ganz blaublütige Braut. Dann steht eines Nachts eine junge Frau völlig durchnässt vor seinem Schloss und behauptet, eine Prinzessin zu sein. Die Mutter des Prinzen lässt in ihr Bett, unter die Matratze, nein, unter 20 Matratzen, eine Erbse legen. Am Morgen aber beklagt sich die junge Frau, sie habe kaum schlafen können, weil sie so hart gelegen habe. Wer so empfindlich ist, der muss doch wohl eine Prinzessin sein! „Das Leben wird euch vermutlich nicht nur Erbsen unter die Matratze legen, sondern Pflastersteine. Und euch dann auch noch die Bettdecke stibitzen.“ „Prinzessin“ – das ist demnach ein Mensch, der auf jede noch so kleine Beeinträchtigung mit Empörung, Beschwerden und Wut reagiert. Der meint, er habe einen Anspruch darauf, auf Daunen und Rosen – natürlich ohne Dornen – gebettet zu werden. Der das eigene Wohlbefinden nicht nur für den Sinn seines Lebens hält, sondern für den Daseinszweck der Welt. Aber ihr werdet euch noch wundern, liebe Prinzessinnen. Das Leben wird euch vermutlich nicht nur Erbsen unter die Matratze legen, sondern Pflastersteine. Und euch dann auch noch die Bettdecke stibitzen. Das Gegenbild der Prinzessin ist nicht der Prinz. Das Gegenbild ist der Ritter mit Schwert und Pferd. Auch der ist, wie die Prinzessin, keine historische Figur, sondern ein Lebens-Modell. Der Ritter ist der adlige Diener. Kein Söldner. Kein Höfling. Sondern einer, für den das Leben Ehrensache ist. Eine wichtige Ritter-Tugend – Tugend bedeutet Lebens-Tüchtigkeit – war Demut. Anders als im heutigen Sprachgebrauch bedeutete Demut nicht Unterwürfigkeit und mangelndes Selbstbewusstsein. Demut war Dienstbereitschaft. Bereitschaft, sich dem Leben und seinen Herausforderungen zu stellen. Eine typische Rittergeste war die Kniebeuge. Sie zeigt: Ich bin bereit, mich unterzuordnen. Aber ich bleibe aufrecht, ich mache mich nicht krumm. Ich buckele nicht und krieche nicht. Prinzessin oder Ritter? Ich wollte von klein auf ein Ritter werden. Wie wird man das? Nicht durch Herkunft, sondern durch Haltung. Nicht durch Schwert und Pferd. Aber mit der Einsicht, dass das Leben kein Ruhekissen ist, sondern eine Queste. Eine abenteuerliche Suche. Und durch die Bereitschaft, zu tun, was das Leben verlangt. Es wenigstens zu versuchen. Sich nicht verbiegen. Sein Bestes tun, aber sich nicht für etwas Besseres halten. Ob das geklappt hat? Schwer zu sagen. Wäre aber schön.Zur Person:
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