Eine Sprache, die für das identische Hochwort gleich mehrere eigene Wörter hat, ist sicher eine Sprache und kein Dialekt. Bayrisch ist ein Dialekt. Plattdeutsch eine eigene Sprache. Nach weit verbreiteter Auffassung handelt es sich beim Plattdeutschen (oder „Niederdeutsch“) um die alte Umgangssprache im Nordwesten Deutschlands. Der Gruß „Moin, moin“ wird bis heute als verbindendes sprachliches Element der gesamten Küstenregion wahrgenommen.
In Zeiten, als Südoldenburgern die Namen „Kindergarten" oder „Kita“ noch wie Begriffe aus einer anderen Welt vorkamen, wurde im Oldenburger Münsterland platt gesprochen. Die Kinder kannten keine andere Sprache. Aber sie kannten schon einmal eine Sprache und keinen Dialekt. Hoch angesehen war das Plattdeutsche nicht. „Niederdeutsch“ traf ungewollt die Werteskala, und zwar ziemlich weit unten. Einige Eltern, die an die künftige schulische Zeit der Kinder dachten, zwangen sich, mit den Kindern hochdeutsch zu sprechen, um sie so vermeintlich besser auf die bevorstehende Schule vorzubereiten.
„In Zeiten, als Südoldenburgern die Namen Kindergarten oder Kita noch wie Begriffe aus einer anderen Welt vorkamen, wurde im Oldenburger Münsterland platt gesprochen.“
Natürlich gab es auch Exoten. Von denen hatte man gehört oder gelesen. Häufig handelte es sich um Eltern, die aus unterschiedlichen Nationen stammten und deswegen zwei verschiedene Sprache beherrschten. So redete der Vater italienisch mit den Kindern und die Mutter deutsch. Oder eben umgekehrt. Später lernten wir, so etwas nenne man „bilingual“. Das wäre doch auch was für uns gewesen. Zweisprachig aufgewachsen. Wir hätten gelernt, dass „hören“ plattdeutsch „lustern“ heißt. Dass es für „weinen“ mindestens zwei Begriffe gibt, nämlich „brüllen“ und „krieten“. Und das schöne „reuklos“ für „ungehobelt“ oder „ohne Manieren“, unvergesslich verewigt in den Geschichten über „Braoms Bernd un Reuklosen Ziskao“. Und wer weiß noch, was ein „Mieglämmkenhoopen“ ist?
Lieber nicht lernen, bleuten uns Generationen von Eltern wie Lehrer ein. „Niederdeutsch“ gleich „Dummdeutsch“. Die Eltern hier auf dem Lande hatten weiß Gott andere Sorgen, als sich mit Zweisprachigkeit aufzuhalten. Es war klar, dass man in der Schule anders reden sollte als zu Hause. Schule war Bildungsstätte, hoch angesiedelt, hochdeutsch eben. In den 70er Jahren hatten Soziologen und ähnlich schlaue Leute den Dorfkindern eine schlimme Zukunft prophezeit. Deren Sprachkenntnisse sei ein Bildungshindernis, hieß es. So etwas könne nur in einem bildungspolitischen Desaster enden. Viele Eltern, Erzieherinnen und Lehrer verbreiten diesen Unsinn teils bis heute noch und ignorieren, dass Kinder umso schlauer werden, je mehr Sprachvarianten sie beherrschen.
Löblich da die Bemühungen von plattdeutschen „Schrieverkrings“ oder Vereinigungen wie „Borsla“ in Bösel, die dieses unschätzbare Kulturgut erhalten und weiterhin mit Leben erfüllen. Und nicht zuletzt unsere zahlreichen Laienspielgruppen, die jedes Jahr zur Winterszeit plattdeutsche Kultur auf die Bühnen bringen. Und den Nase rümpfenden Hochdeutschapologeten sei empfohlen: „Rünnerstiegen un nich hochfahrig dorbi. Wi luuert dor up“.
Zur Person:
- Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
- Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.