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OM-Zukunftsmacherin 2026: Iris Tapphorn – „Die reine Problemanbetung liegt mir nicht“

Iris Tapphorn sagt, was sie will. Und, was sie nicht will. Auch deshalb steht die Landwirtin auf der Gästeliste bei der Verleihung der „Zukunftsmacherin 2026“ am 4. Juni in Emstek.

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2009 übernahm Iris Tapphorn den Gänsehof von ihren Eltern und führt ihn in Eigenregie. Jetzt will die 42-Jährige in den Kreistag. Denn: „Jeder Landwirt ist aufgrund der zahlreichen Verordnungen auch irgendwie ein Politiker“´, sagt die Brockdorferin. Foto: Biegel

2009 übernahm Iris Tapphorn den Gänsehof von ihren Eltern und führt ihn in Eigenregie. Jetzt will die 42-Jährige in den Kreistag. Denn: „Jeder Landwirt ist aufgrund der zahlreichen Verordnungen auch irgendwie ein Politiker“´, sagt die Brockdorferin. Foto: Biegel

„Es interessiert mich nicht, was hinter meinem Rücken gesprochen wird. Die sind hinter mir genau richtig positioniert.“ Wer Iris Tapphorn kennt, der weiß, dass die 42-Jährige das, was sie sagt, auch genau so meint. „Ich versuche, mich nicht von der Zukunft abholen zu lassen, sondern sie aktiv für ein übergeordnetes Ziel besser zu machen.“

Iris Tapphorn ist direkt. Nicht laut. Nicht künstlich provokant. Aber sie hat eine Haltung und keine große Lust, sich kleiner zu machen als nötig. „Ich liebe es, wenn mein Gegenüber mich unterschätzt.“ Iris Tapphorn sagt das und grinst. Solch ein Satz fällt bei ihr nicht nebenbei. Er beschreibt ziemlich genau, wie sie tickt.

„Mit Fünf habe ich meinem Vater mal einen Gutschein gebastelt, das schönste Silberhochzeitsfoto zerschnitten und geschrieben: ‚Später übernehme ich den Hof.' Und das habe ich dann auch gemacht.“

Seit 2009 führt die heute 42-Jährige den Gänsehof Tapphorn in Brockdorf. Ein Mehrgenerationenprojekt. „Mein Vater und meine Mutter haben das alles hier vor 60 Jahren aufgebaut und mir immer vorgelebt, dass es keine typischen Arbeitsbereiche für Frauen und Männer gibt.“

Mit genau diesem Rollenverständnis wächst die Brockdorferin mit ihren zwei Schwestern auf. Und auch mit dem Gedanken, den Betrieb eines Tages zu übernehmen. „Mit Fünf habe ich meinem Vater mal einen Gutschein gebastelt, das schönste Silberhochzeitsfoto zerschnitten und geschrieben: ‚Später übernehme ich den Hof.' Und das habe ich dann auch gemacht.“ Passenderweise am 1. Mai 2009, dem Tag der Arbeit, löst Iris Tapphorn diesen Gutschein ein.


Alle Informationen zur Zukunftsmacherin finden Sie auf unserer Themenseite


Die Brockdorferin und ihr Mann Sascha bekommen zwei Kinder. Nach dem Tod ihrer Schwester unterstützen sie ihren Schwager mit der Betreuung der zwei Neffen. Ein Alltag mit vier Kindern, zwei berufstätigen Eltern und einem landwirtschaftlichen Vollzeitbetrieb ist kein Modell, das sich an klassischen Rollenbildern orientiert. „Die Aufgaben sind da, um erledigt zu werden – nicht, um sie nach Geschlechtern zu sortieren. Und das haben wir immer richtig gut hinbekommen, finde ich“, sagt sie. Wer was mache, sei weniger wichtig als die Frage, ob es funktioniert. Und wenn es nicht funktioniert, wird es angepasst.

Und trotzdem: Für Iris Tapphorn war die Hofübernahme ein Übergang in etwas, das längst Teil ihres Lebens war. „Auch wenn mir das nicht immer bewusst war“, erzählt sie. „Ich hätte auch gern im Labor gearbeitet oder wäre Tierärztin oder sowas geworden“. Genau diese Leidenschaft kann Iris Tapphorn aber auch heute auf dem Hof sowie in der Verbandsarbeit ausleben.

Neue Strukturen – familienfreundliche Abläufe

Der Einstieg in die Betriebsleitung war kein einzelner Moment, sondern ein Prozess. Vieles blieb zunächst beim Alten, gleichzeitig verschoben sich Zuständigkeiten und Entscheidungen. „Mein Mann hat irgendwann klare Grenzen gezogen“, sagt Iris Tapphorn. Die Familie gibt damals den Hof Sperveslage auf. Eine Entscheidung zugunsten der Familie.

Diese Phase beschreibt sie heute nicht als Scheitern, sondern als notwendige Korrektur. Der Hof wurde danach neu strukturiert: Hofladen und Onlinevertrieb wurden ausgebaut, die direkte Vermarktung von Gänsen etabliert, Küken werden über Verträge gezüchtet und vermarktet. Heute ist der Gänsehof Tapphorn ganz auf die Gän­se­hal­tung spe­zia­li­siert, und umfasst alle Be­rei­che von der El­tern­tier­zucht, EU-Brü­te­rei, Auf­zucht, Mast, EU-Schlach­te­rei bis hin zur Fe­der­ver­ar­bei­tung. Gleichzeitig wurden Abläufe klarer und familienfreundlicher organisiert – etwa die bewusste Trennung von sensiblen Arbeiten in Zeiten, in denen keine Kinder im Betrieb sind.

Wir wollen nicht die Größten werden, sondern die Schönsten bleiben!“ Nach dieser Philosophie führt Iris Tapphorn den Gänsehof in Brockdorf heute gemeinsam mit ihrer Familie. Foto: Biegel„Wir wollen nicht die Größten werden, sondern die Schönsten bleiben!“ Nach dieser Philosophie führt Iris Tapphorn den Gänsehof in Brockdorf heute gemeinsam mit ihrer Familie. Foto: Biegel

Was ihren Betrieb besonders prägt, ist die enge Verbindung zwischen Praxis und Strukturarbeit. Denn Iris Tapphorn ist nicht nur Betriebsleiterin, sondern auch Teil von Verbands- und Forschungsnetzwerken. Sie arbeitet mit in agrarpolitischen Strukturen, engagiert sich im Bundesverband bäuerlicher Gänsehalter und ist in fachlichen Netzwerken aktiv, die sich mit Tiergesundheit, Zucht und Politik befassen, beispielsweise im Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), im Niedersächsischen Geflügelwirtschaft Landesverband (NGW) und in der Arbeitsgemeinschaft Regionales Lernen (AGRELA).

Themen wie Vogelgrippe begleiten sie seit Jahren – nicht nur als wirtschaftliches Risiko, sondern als strukturelle Dauerbelastung. „Das ist nervlich und existenziell eine permanente Herausforderung“, sagt sie. Aus dieser Erfahrung heraus hat sie sich gemeinsam mit der CDU-Politikerin Silvia Breher und Dr. Ursula Gerdes (Niedersächsische Tierseuchenkasse) für bessere Ausgleichsmechanismen eingesetzt. Ein konkretes Ergebnis: die Anhebung der Entschädigung für Tierverluste durch die Tierseuchenkasse auf 110 Euro pro Tier – ein politischer Prozess, der über Jahre lief. Das nächste Projekt ist die Impfung gegen Aviäre Influenza, das auch seit 4 Jahren läuft und aktuell finalisiert wird.

Politisches Engagement

Für Iris Tapphorn ist das kein Nebenschauplatz, sondern Teil ihrer Verantwortung als Landwirtin. „Mein Alltag besteht direkt aus den Auswirkungen politischer Entscheidungen“, sagt sie. Landwirtschaft sei längst kein isolierter Bereich mehr, sondern tief eingebunden in europäische und globale Strukturen.

Auch deshalb engagiert sie sich politisch vor Ort und hat sich für den Kreistag aufstellen lassen. Nicht aus Karriereinteresse, sondern aus dem Gefühl heraus, dass landwirtschaftliche Perspektiven in Entscheidungen zu oft fehlen. „Frauen denken selten egoistisch, sondern sind für ein übergeordnetes Ziel unterwegs. Das fällt Männern schwerer“, sagt Iris Tapphorn. „Man muss mitmischen. Und ich glaube, im Kreistag könnte meine erfrischende, direkte Art doch noch einmal etwas bewirken. Ich liebe und lebe die Demokratie und unsere Verfassung ist ein hohes Gut, das es zu verteidigen gilt.“

„Ich versuche, mich nicht von der Zukunft überrollen zu lassen!“

Was Iris Tapphorn besonders macht, ist weniger ihre Rolle als Betriebsleiterin, sondern ihre Haltung zu Geschlecht und Verantwortung. „Ich habe früh erlebt, dass Kompetenz als Frau anders bewertet wird als bei Männern“, erzählt die 42-Jährige. Skepsis, unterschwellige Kommentare, offene Zuschreibungen – all das kennt sie. „Ich musste auch erst lernen, damit umzugehen“, sagt Iris Tapphorn. Heute ermutigt sie Frauen, sich selbst mehr zu vertrauen. Viele Frauen seien gut ausgebildet, würden sich aber selbst stärker hinterfragen. „Viele könnten das, viele wollen das – aber sie trauen sich nicht“, sagt sie. Ihr eigenes Fazit ist deutlich: „Ich hätte heute kein einziges Amt, wenn ich mich nicht selbst gemeldet hätte.“

Iris Tapphorn bewegt sich heute selbst immer wieder zwischen Welten, die oft getrennt gedacht werden: Landwirtschaft, Technik, Organisation und Forschung. „Ich kann heute Daunendecken zusammenstellen, technische Probleme in der Brütereien lösen, einen Keilriemen tauschen und ein Sauerteigbrot backen.“ Diese Mischung aus Handwerk, Analyse und Systemdenken prägt ihren Alltag. „Die reine Problemanbetung liegt mir nicht“, sagt sie. „Ich will Lösungen.“

Ihre Kinder erleben diesen Umgang als Normalität. Probleme werden angesprochen, nicht verschoben. „Wenn etwas ist, dann kommt es auf den Tisch“, sagt sie. „Ich versuche nicht, mich von der Zukunft überrollen zu lassen“, sagt sie. „Ich will sie mitgestalten.“


Hintergrund:

  • Die OM-Medien zeichnen 2026 zum fünften Mal eine Entscheiderin aus dem Oldenburger Münsterland, die in besonderer Weise die gesellschaftliche Entwicklung vorantreibt, mit dem Award „OM-Zukunftsmacherin“ aus.
  • Unterstützt wird das Projekt OM-Zukunftsmacherin von den Firmen Südbeck, Grimme, Bergmann, Wernsing, Zerhusen und airpool sowie von Öffentliche Versicherungen Oldenburg und der LzO.
  • Gekürt wird die Preisträgerin von einer Jury. Ihr gehören Silvia Breher (Parlamentarische Staatssekretärin und CDU-Bundestagsabgeordnete, Lindern), Christine Grimme (Grimme Gruppe, Damme), Gudrun Arkenberg (airpool), Linda Stärk (Zerhusen Kartonagen), Dr. Jutta Middendorf-Bergmann (Ludwig Bergmann GmbH, Goldenstedt) und Annette Vetter (Leiterin Bereich Personal, Landessparkasse zu Oldenburg) an. Für OM-Medien ist die stellvertretende Chefredakteurin Anke Hibbeler dabei.
  • Die Auszeichnung findet am 4. Juni (Donnerstag) im OM-Medienhaus in Emstek statt. 2022 vergab die Jury den Award an Sarah Dhem aus Lastrup; 2023 an Marion Schouten aus Cloppenburg; 2024 an Stephanie Barlage aus Dinklage. 2025 wurde Marie-Luise Bertels aus Kroge ausgezeichnet.
  • Alles zur Vorgeschichte, zur Jury und zu Vernetzungsmöglichkeiten finden Sie hier.

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