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Namensstreit

Gästebuch: Der Heimatforscher Martin Pille hat für die Gemeinde Bösel den Antrag gestellt, die August-Hinrichs-Straße umzubenennen – aus historischen Gründen. In Cloppenburg ist zu diesem Thema bislang wenig zu hören.

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Irgendjemand in Cloppenburg kam vor Jahrzehnten auf die Idee, ein Pilotenviertel zu schaffen. Auf das Gebiet Staatsforsten, jung an Jahren in der Stadtfamilie, fiel die Wahl. Seitdem gibt es die Immelmannstraße, benannt nach dem NS-Kampfflieger, Reitschstraße oder besonders die Baumbachstraße, benannt nach einem glühenden Nazi-Verehrer. Sollen die Namen bleiben oder verschwinden? Da wird jetzt gerungen und gewogen, bis der Rat entscheidet.

Von ganz hinten – heimlich, still und leise – schleicht sich ein weiterer Streit heran. Der Heimatforscher Martin Pille hat ihn in seiner Gemeinde Bösel auf den Weg gebracht und bei der Verwaltung den Antrag gestellt, die dortige August-Hinrichs-Straße umzubenennen. Hinrichs sei ein „Paladin“ Hitlers gewesen, mithin ein treuer Gefolgsmann der Nazis und verdiene es nicht, solchermaßen geehrt zu werden.

In Cloppenburg ist zu diesem Thema bislang wenig zu hören. Vielleicht erholen sich die Ratsvertreterinnen und -vertreter noch im verlängerten Osterurlaub von der anstrengenden Gremienarbeit. Oder aber sie scheuen sich, nach dem Baumbach-Rummel ein weiteres Namens-Fass aufzumachen.

August Hinrichs gründete den Heimatverein „Ollnborger Kring“

Vielleicht liegt’s aber auch an der besonderen Bedeutung, die August Hinrichs für Cloppenburg hat. Denn die Cloppenburger August-Hinrichs-Straße, die von der Fritz-Reuter Straße abzweigt, sozusagen im Viertel der plattdeutschen Dichter, ist zwar nur kurz, rührt aber an lokale Geschichte.

Der Namensgeber und Südoldenburg haben nämlich was miteinander zu tun. Sie verbindet nicht nur ein Straßenname. August Hinrichs, 1879 in Oldenburg geboren und gelernter Tischler, gründete damals den Heimatverein „Ollnborger Kring“, widmete sich dann mehr und mehr der Schriftstellerei. Aus dem Tischler war ein „Schriever“ geworden.

Seinen Durchbruch hatte August Hinrichs 1930 mit dem Bühnenstück „De Swienskomödi“. Ein Schwein wird gepfändet und entführt. Wie lustig. Und damit sind wir unversehens in der Cloppenburger Fußgängerzone gelandet. Dort erinnert nämlich der Eberborgbrunnen an die Geschichte um eben jenes Schwein, seine Pfändung und das Strafverfahren gegen die Bauern aus Sevelten und umzu. Denn die „Komödie“, wie Hinrichs sie betitelte, ereignete sich hier vor der Haustür und wurde mehrfach verfilmt, 1955 als „Krach um Jolanthe“. Wobei: Sie war eigentlich nicht wirklich zum Lachen.

„Was tun mit einem solchen Heimatschriftsteller, der voll des Herzens für die niederdeutsche Lebensart und das plattdeutsche Wort war, aber sich auch aktiv für ein Verbrecher-Regime betätigte?“

August Hinrichs war aber nicht nur gelernter Tischler und erfolgreicher Autor. Er war auch ein eingefleischter Nazi; Mitglied seit 1937, Landesleiter der Reichsschrifttumkammer für den Gau Weser-Ems und 1944 von den Nazis zum Ehrenbürger der Stadt Oldenburg ernannt. 1939 wurde die Niederdeutsche Bühne im Staatstheater Oldenburg in „August-Hinrichs-Bühne“ umgetauft.

Was tun mit einem solchen Heimatschriftsteller, der voll des Herzens für die niederdeutsche Lebensart und das plattdeutsche Wort war, aber sich auch aktiv für ein Verbrecher-Regime betätigte? Seine Stücke dienten der NS-Propaganda. Er selbst war ein Nutznießer der NS-Politik. 14 Straßen sind nach August Hinrichs benannt. Was daraus wird, ist offen. Die Niederdeutsche Bühne hat seinen Namen jetzt getilgt. Da wird nicht „drum herumgeschnackt“.

Ein Blut-und-Boden-Schriftsteller, der eine Namensehrung in Cloppenburg nicht verdient hat? Oder ein Teil des kulturellen Gedächtnisses, dem gerade auch wegen der „Swienskomödi“ ein Straßenname und ein Hinweis am Eberborg-Brunnen zusteht? Der Krach um August Hinrichs scheint in Cloppenburg noch in den Kinderschuhen zu stecken.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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