Ich hätte jetzt gerne meinen Adelstitel und meine Burg zurück
Meine Woche: Ahnenforschung ist wie puzzeln. Da rückt die Weltgeschichte plötzlich näher, als es jeder Schulunterricht je hätte leisten können.
Meike Oblau | 03.11.2024
Meine Woche: Ahnenforschung ist wie puzzeln. Da rückt die Weltgeschichte plötzlich näher, als es jeder Schulunterricht je hätte leisten können.
Meike Oblau | 03.11.2024

„Wir sind mit halb Gütersloh verwandt“, hieß es immer in meiner Familie. Obwohl es kaum noch Menschen mit Namen Oblau in meiner Heimatstadt gibt, habe ich das nie hinterfragt. Doch nachdem ich neulich am Grab meines Großonkels auf einem Soldatenfriedhof in Belgien war, wuchs die Neugierde, mehr über meine Familie zu erfahren. Ich tue also im übertragenen Sinne das, was ich gelernt habe: recherchieren. In Stadtarchiven, Kirchenbüchern, beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, in alten Zeitungen und natürlich bei Verwandten. So richtig intensiv hat sich in unserer Familie noch niemand mit der Vergangenheit befasst. In einem Familienteil gibt es eine alte Hausbibel, für mich unleserliche Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg, ein paar Notizen und ausgeschnittene Todesanzeigen – aber das war’s dann auch. Eins hab ich schnell gelernt: Ahnenforschung ist wie puzzlen. Manchmal kommt man schnell ein gutes Stück weiter, dann wieder ist es unglaublich mühsam. Zugute kommt mir ein bestens aufgestelltes Stadtarchiv in Gütersloh, in dem jemand ehrenamtlich alle möglichen Familiengeschichten und Verflechtungen aufgelistet und digitalisiert hat. Ich staune. In der Familie meines Großvaters väterlicherseits geht die „Ahnentafel“ bis in die 36. Generation vor mir zurück – und es sind wirklich bis ins 16. Jahrhundert alles Gütersloher. „Ich erfahre, dass meine Vorfahren nicht immer schon Oblau hießen, sondern der Name sich irgendwann aus dem Familiennamen „Ubbeloer“ entwickelt hat.“ Im Zweig meiner Oma mütterlicherseits reicht die Geschichte immerhin bis in die 15. Generation vor mir. Auch alles Gütersloher, was man wunderbar an den Familiennamen ablesen kann. Es gibt kaum einen typisch gütersloherischen Namen, der nicht in meiner Ahnentafel auftaucht, von Oesterhelweg über Sunderkötter, Depenbrock und Grautecord bis hin zu Dreeskornfeld ist alles dabei. Ich erfahre auch, dass meine Vorfahren nicht immer schon Oblau hießen, sondern der Name sich irgendwann aus dem Familiennamen „Ubbeloer“ entwickelt hat. Man war da früher bei den standesamtlichen und kirchlichen Eintragungen flexibel. Eine größere Herausforderung sind die beiden anderen Familienzweige. Der Opa mütterlicherseits kommt aus einem Dorf namens Groß Hilligsfeld, was zu Hameln gehört. Noch schwieriger wird es in der Familie meiner Oma väterlicherseits. Um 1850 herum lande ich bei meinen Nachforschungen in Pommern und Ostpreußen. Das ist der schwierigste Teil. Unterlagen sind teils im Krieg verloren gegangen, teils für mich nicht leserlich, bei Nachfragen in Internetforen bekomme ich plötzlich Antworten auf Polnisch. Dennoch sind die Recherchen spannend. Da rückt die Weltgeschichte plötzlich näher, als es jeder Schulunterricht je hätte leisten können. Mehrere Familienmitglieder haben in den Weltkriegen gekämpft, einige sind gar nicht zurückgekehrt, mein Opa erst im Juni 1948. Zu genaueren Schicksalen forsche ich noch. Das militärische Bundesarchiv in Freiburg hat Bearbeitungszeiten von mehreren Monaten. Da werde ich Geduld brauchen. Aber irgendwann wird vielleicht auch von dort ein „Puzzlestück“ kommen. Zurück im Gütersloher Familienzweig wird’s bei den Oblaus irgendwann sogar adelig. Eine Catharina von Amelunxen taucht um 1570 auf, auch bei „von Haxthausen“ und „von Malsburg“ ist offenkundig blaues Blut im Spiel. Burgherren säumen meine Ahnentafel, wer hätte das gedacht. Was tue ich hier eigentlich in der Redaktion in Emstek? Ich hätte jetzt gerne mein „von“ und meine Burg zurück. Und ein paar Säcke mit Goldmünzen. Burgfräulein haben bestimmt keine 40-Stunden-Woche. Oder?Zur Person:
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