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Grab 443 in Block 41 – Familiengeschichte zwischen 20.000 Steinkreuzen

Kolumne: Die Fahrt auf den größten deutschen Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkriegs im westeuropäischen Ausland ist mehr als ein Ausflug: Hier ruht Omas Bruder.

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Ich stehe an einem Grab. Mein Blick schweift über tausende Steinkreuze. Sie sehen alle gleich aus. Auf beiden Seiten sind sie mit einer Metallplatte versehen, auf der ein Name eingraviert ist. Auf dem Kreuz vor mir steht: „Uffz. Gerhard Gast“. Dieser Mann ist mein Großonkel. Genauer gesagt: Er wäre es gewesen, wenn nicht ein unmenschlicher Krieg und ein größenwahnsinniger Diktator auch in meiner Familie tiefe Wunden hinterlassen hätten.

24 Jahre ist er nur alt geworden – der Bruder meiner Oma. In ihrer Küche hing ein Foto von ihm. Sein Anblick ist mir vertraut, und doch wusste ich lange nicht viel mehr, als dass er 1915 geboren wurde und im Zweiten Weltkrieg auf dem Schlachtfeld starb. „Gefallen“ nennt man das. Was für ein beschönigendes Wort – als könne man danach einfach wieder aufstehen.

Er liegt im belgischen Lommel begraben. Als ich meiner Tante erzähle, dass ich überlege, an sein Grab zu reisen, holt sie Unterlagen hervor. Ein Fotoalbum, Briefe. Plötzlich lerne ich den Mann ein wenig kennen, dessen Foto bei meiner Oma in der Küche hing.

„Ein paar dürre Zeilen für ein verlorenes Menschenleben: ‚Mit aufrichtigem Beileid und Heil Hitler.‘“

Auf dem Fotoalbum steht „Meine Zeit beim Arbeitsdienst 1936“. Ich sehe Bilder von jungen Männern, die an einem Fluss, vermutlich die Ems, arbeiten oder Exerzieren üben. Es gibt auch Briefe von der Front. Er hatte eine schöne Handschrift. „Was macht die Liebe?“, fragt er meine Oma 4 Wochen vor seinem Tod. Er schickt Geld und bittet sie darum, ein Muttertagsgeschenk zu kaufen. Wohl das letzte Lebenszeichen.

Ein Heftchen fällt mir in die Hände. Es wurde für Hinterbliebene von Soldaten herausgegeben. Meine Oma hat alles ausgefüllt: den viel zu kurzen Lebenslauf ihres Bruders, ihre eigenen Gedanken. Ich finde auch das Schreiben, in dem steht, dass ihr Bruder gestorben ist, am 2. Juni 1940 an der Westfront, bei Ypern. Nach einer Schussverletzung ist er noch ins Lazarett gekommen, aber es war zu spät. Ein paar dürre Zeilen für ein verlorenes Menschenleben: „Mit aufrichtigem Beileid und Heil Hitler.“

Eins von fast 40.000 Gräbern auf dem Soldatenfriedhof im belgischen Lommel: Mit 24 Jahren starb Gerhard Gast 1940 an der Westfront. Foto: OblauEins von fast 40.000 Gräbern auf dem Soldatenfriedhof im belgischen Lommel: Mit 24 Jahren starb Gerhard Gast 1940 an der Westfront. Foto: Oblau

Es sind emotionale Momente. Ich habe schon einige Soldatenfriedhöfe gesehen. Aber das hier in Lommel, das ist anders. Das ist auch meine Familiengeschichte. „Mein lieber kleiner Bruder“, hat meine Oma ins Gedenkheft geschrieben, „ich danke Dir für die schönen Jahre, die wir in echter Geschwisterliebe gemeinsam verbracht haben. Ich habe Dich sehr lieb und vermisse Dich immer noch sehr.“

84 Jahre später stehe ich nun hier, auf einem Friedhof mit fast 40.000 Gräbern. Die pure Masse an Kreuzen raubt mir den Atem. Das ganze Grauen der NS-Zeit, die ganze Sinnlosigkeit von Kriegen ist greifbar. In nahezu jeder Familie gibt es so eine Geschichte. Und gerade heute ist es wichtig, davon zu erzählen. Ich hätte dich gerne kennengelernt, Großonkel Gerd. Und zwar nicht nur als Namen auf einem Steinkreuz auf Grab 443 in Block 41.


Zur Person:

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