Es fehlt der rote Faden
Kolumne: Die Generation Z zeigt’s Ihnen – Die Verpackungsindustrie hat es auf uns Verbraucher abgesehen – und nimmt uns damit ein großes Stück Sicherheit aus unserem Alltag.
Julian Röben | 09.12.2024
Kolumne: Die Generation Z zeigt’s Ihnen – Die Verpackungsindustrie hat es auf uns Verbraucher abgesehen – und nimmt uns damit ein großes Stück Sicherheit aus unserem Alltag.
Julian Röben | 09.12.2024

Es ist Sonntagnachmittag. Ich stecke noch halb in einem wunderbaren Wochenende voller Katzenknuddeln, Videospielen, Serienmarathons und Weihnachtsmarktbesuchen. Und jetzt, als vorgezogenen feierlichen Abschluss des Wochenendes, freue ich mich auf die höchste Form der Entspannung: eine nette kleine Teezeremonie. Ich gieße mir eine große Kanne Schwarztee auf, stelle Sahne und Kluntje auf den Tisch. Ein kleiner Snack gehört auch noch dazu. Ich öffne den Kühlschrank und direkt fällt mir ein Kinder Pingui in die Hände. Ich lasse einen Kluntje in meine Teetasse fallen, gieße den frisch aufgebrühten Tee darüber und genieße das Knistern des Zuckerkristalls. Ein Tropfen frische Sahne rundet das Erlebnis ab. Während sie sich gemächlich wie ein Wölkchen in der Tasse ausbreitet, greife ich nach meinem Snack. Ich suche den roten Streifen, um die Verpackung zu öffnen. Und ich suche. Und suche. Ich suche lange. Aber ich finde nichts. Wie soll ich die Packung jetzt öffnen? Ich zupfe an der Ecke. Ohne Probleme geht die Packung auf – aber nur an besagter Ecke. Von dort aus knibbel ich mich irgendwie an den Snack heran. Entspannt bin ich nicht mehr. „Der rote Faden war ein kleiner Sieg im Alltag, ein Stück Sicherheit. Ein kurzer Moment Geborgenheit, in dem alles so funktioniert, wie es soll.“ Es war doch so einfach: ziehen, öffnen, genießen. Sauber, effizient, stressfrei. Der rote Faden war nicht nur ein Teil der Verpackung, sondern auch ein Symbol für die Verbraucherfreundlichkeit und ein kleines Stück Lebensqualität. Doch immer mehr Hersteller verzichten auf dieses unscheinbare, aber so wichtige Merkmal. Kinder Pingui ist nicht der einzige gefallene Soldat auf diesem Schlachtfeld: In der Vergangenheit musste der rote (wahlweise auch goldene) Streifen schon bei zahlreichen Produkten die Segel streichen. Milchschnitte, Kinder Bueno, Backpulver-Multipacks oder diverse Kaugummis mussten bereits unter der Rationalisierung leiden. Stattdessen hält die Lasche immer mehr Einzug. Einzig die Giotto von Ferrero sind ein Lichtblick: Sie kämpfen weiter für die verbraucherfreundliche Verpackung – mit rotem Streifen. Es muss Gründe dafür geben. Warum verzichten diverse Unternehmen zunehmend auf den kultigen Faden? Der Umwelt zuliebe? Das wäre etwas fadenscheinig, schließlich ändert sich an der Gesamtverpackung durch den Verzicht auf die Öffnungshilfe nur wenig. Mit dem Umweltaspekt im Hinterkopf müsste man anders vorgehen: weniger Plastik insgesamt statt weniger roter Faden. Der rote Faden war ein kleiner Sieg im Alltag, ein Stück Sicherheit. Ein kurzer Moment Geborgenheit, in dem alles so funktioniert, wie es soll. Der rote Faden vermittelt Geborgenheit und das Gefühl, dass sich die Hersteller um den Kunden kümmern. Man fühlt sich als Konsument wertgeschätzt. Doch die Verpackungsindustrie scheint sich nicht mehr um den „kleinen Mann“ zu kümmern. Sie muss sich wieder darauf besinnen, für wen sie die Verpackungen gestaltet: für uns. Für Menschen mit echten Bedürfnissen. Mit echten Fingern. Und echter Ungeduld, wenn der Hunger oder die Lust nach einem Snack ruft. Der rote Streifen war vielleicht klein. Aber seine Bedeutung ist groß.Zur Person:
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