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Erwachsene sind nur alte Kinder

Kolumne: Die Generation Z zeigt's Ihnen – Jeder hat doch etwas, worüber er sich kindlich freut. Auch, wenn er kein Kind mehr ist.

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Die wilden Zwanziger – eine komische Zeit in meinem Erwachsenendasein. Mit Teenagern habe ich nichts mehr zu tun. Auf der anderen Seite werde ich aber noch ein paar Jahre die jüngste Person in einem Raum sein – sei es beruflich oder privat. Das löst in einem schnell den Reflex aus, sich beweisen zu wollen. Zu zeigen, dass man kein Kind mehr ist. Und privat sitzt man dann zu Hause und sehnt sich schon nach seiner Kindheit zurück – mit 21 Jahren.

Junge Erwachsene haben es auch nicht leicht. Alles ändert sich – Schule, Uni, Ausbildung, Beruf, selbst die eigenen Freunde. Auch am eigenen Charakter und dem Selbstbild arbeitet man ununterbrochen. Immer wieder ist die Rede von Veränderungen, von den Erfahrungen, die man machen muss, um Neues kennenzulernen, um sich weiterzuentwickeln. Natürlich ist es da leicht, nostalgisch zu werden. Was mir bei dem Ganzen fehlt: Man muss auch an dem festhalten, was man schon ist. Ein großes Kind nämlich. Und das ist gut so. Denn Kinder leben in einer bunteren Welt. Und wir lügen uns doch eh nur an. Wir sind alle nur Kinder mit zu großen Körpern.

Anschaulich macht das aktuell der Barbie-Film. Was mir am meisten an den Diskussionen um Barbie gefallen hat, ist die pure Freude, mit der Personen auf den Filmstart warten. Es passiert mittlerweile selten, dass Menschen so kindliche Interessen – und das ist der Barbie-Film ja bewusst – ohne Verurteilung ausleben können. Menschen planen ihre Outfits für den Kinobesuch, schmeißen pinke Partys und freuen sich über jeden Trailer und Teaser.

Denn eigentlich hat jeder Erwachsene eine Schwachstelle für irgendetwas aus seiner Kindheit. Bewiesen wird das bei jedem Museumsbesuch. In vielen festen Ausstellungen gibt es auch gleich Stationen oder ein Angebot für Kinder. Ich sehe jedes Mal, dass dieses Angebot auch die Großen anzieht.

"Denn eigentlich hat jeder Erwachsene eine Schwachstelle für irgendetwas aus seiner Kindheit."

Ella Wenzel

Aber selbst wenn sich etwas an Erwachsene richtet, kommt gerne mal das innere Kind raus. Ich war letztens in Nürnberg im Germanischen Nationalmuseum. Mit einer Britin, die ich im Hostel kennengelernt habe, bin ich durch die Räume gegangen. Wir sind beide erwachsen und doch haben wir in den Räumen zum Thema Design gleich bewiesen, dass unser inneres Kind noch lebt. Wir betraten einen Raum voller Stühle, in dem man seinen Lieblingsstuhl aussuchen sollte. An der Wand sollte man dann ein kleines Bild seines Lieblingsstuhls malen. Unser Favorit war schnell klar: ein Stuhl in Form einer Katze – extrem unbequem, aber eine Katze. Und wenn man sich in dem Raum so umgeschaut hat, waren wir nicht die einzigen, die von kindlicher Freude geleitet wurden. In einem Raum voller Stühle hingen Katzen an der Wand.

Spaß und Kreativität – wenn es einen Menschen gibt, der in diesem Feld ein Profi ist, ist es ein Kind. Und was meine Freizeit angeht, richte ich immer öfter den Blick zurück. Wieso sollte ich nicht in Pfützen treten, wenn es regnet? Nass werde ich eh. Wieso bastele ich eigentlich vor Feiertagen nicht mehr? Wann habe ich meinen letzten Schneemann gebaut?

Ich weiß ganz genau, dass ich mich immer noch über Dino-Nuggets freue und meine Stofftiere auch beim nächsten Umzug wieder mitkommen. Mein Lieblingskleidungsstück ist ein Freundschaftsarmband, das ich erst vor wenigen Monaten mit einem Freund getundelt habe. Abgeschaut haben wir uns das von dem Kinderprogramm der Römer- und Germanentage im Varusschlacht-Museum. Das Kinderprogramm macht halt nicht nur im Museum, sondern auch im eigenen Leben mehr Spaß. Wenn man sich einmal darauf einlässt, kann sich so die Sicht auf die Welt verändern. Ein Besen ist zum Fliegen da, Ahorn-Samen sind Hörner für die Nase, Sand ist Bausubstanz für eine Burg. Der Alltag ist voller Magie. Wie kann man mit so einer Einstellung seine Umwelt nicht automatisch mehr wertschätzen? Und Kindlichsein führt auch gleich zu einer offeneren und besser funktionierenden Welt. Denn wenn ich eines weiß, dann ist es das: Bringt man zehn Kinder aus verschiedenen Ländern in einem Raum zusammen, sind sie 10 Minuten später befreundet und haben irgendein Spiel erfunden.


Zur Person:

  • Ella Wenzel hat ihre journalistische Ausbildung bei OM-Medien absolviert, für die sie heute als freie Mitarbeiterin tätig ist.
  • Sie erreichen die Autorin per E-Mail unter redaktion@om-medien.de

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