"Wie heißt das noch mal auf Deutsch?" – Für die "Work and Traveller", die am Great Barrier Reef in Australien innerhalb von schlappen 12 Monaten ihre Muttersprache auf halber Strecke verloren haben, gehört diese Frage zum Alltag, wenn sie zurückkehren in den schnöden deutschen Alltag. Dann fällt es ihnen oft wie Schuppen von den Augen: "Oh mein Gott. Wenn ich sehe, wie weit ihr gerade im Leben seid und wo ich schon überall war..." Die Weisheit der Reisenden, die eben nicht die erste Seite des Buches angefangen haben zu lesen, um es dann zuzuklappen. Im Gegenteil: Raus aus der Komfort-Zone, den Sprung ins kalte Wasser wagen!
Ja, solche Weltenbummler mit Wanderlust wissen oft nicht mehr, wie der "nice vibe" noch mal im Deutschen formuliert wird. Doch: Obacht! Es gibt auch Worte in der deutschen Sprache, die nicht ins Englische übersetzt wurden oder werden konnten. Ein solches ist die "Wanderlust". Dass diese nicht nur des Müllers Freude war, sondern auch Anklang im angelsächsischen Raum und weit darüber hinaus fand, bestätigen nicht nur die Muttersprachen-Verlierer und natürlich -verliererinnen im abgelegenen Australien, Neuseeland oder – ganz exotisch – den USA.
Denn die Wanderlust, im Deutschen auch mit Reiselust oder Fernweh synonym gesetzt, hat sich in jedem englischsprachigen Lexikon etabliert. Ganz einfach aus Mangel an Alternativen. Und das ist bei Weitem nicht der einzige Begriff, der für die Übersetzung in die Weltsprache offenbar zu hohe Hürden setzte.
"Nun ja, die Deutschen. Ein schwieriges Volk, wenn es um die Gefühlswelt geht."
Max Meyer
Jüngst bekannt geworden, mittlerweile schon inflationär genutzt, ist die sogenannte Zeitenwende. Ein Wort, das gewisse Parallelen offenbart zur international anerkannten "german angst". Die Angst hat sich – ähnlich wie der deutsche Weltschmerz, den so viele Work and Traveller bei ihren Reisen verspüren – in der englischen Sprache eingebürgert. Germanismus schimpft sich so was. Die spezielle "german angst" ist aber nicht irgendeine Angst, sondern eine generalisierte Angststörung, eine unbegründete diffuse Furcht oder ein ostentativ vorgetragenes "Leiden an der Welt".
Der Zeitgeist und seine Eigenartigkeit
Nun ja, die Deutschen. Ein schwieriges Volk, wenn es um die Gefühlswelt geht. Da ploppen historisch trächtige, wenngleich unsagbare Begriffe aus dem dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte auf. Ein Wort wie "Blitzkrieg", das das Trauma der "german angst" vor der Wiederholung solcher Gräueltaten im kollektiven Gedächtnis eines Volkes, das Millionen von Jüdinnen und Juden kaltblütig ermordete, fest im internationalen Sprachgebrauch verankerte.
Und auch diese Schandtaten wurden zu einer epochalen Beschreibung, die – wie auch weitaus frohere Zeiten – mit dem Begriff "Zeitgeist" eine Definition fand. Eine Definition als Wort, die die Denk- und Fühlweise eines Zeitalters beschreibt, die Eigenartigkeit einer bestimmten Epoche, beziehungsweise den Versuch, diese zu vergegenwärtigen.
"Gibt es wirklich 'Work and Traveller' beziehungsweise 'Arbeiter und Reisende', die nach ihrem Besuch in deutschsprachigen Ländern daheim sagen: 'How do I say this in English?'"
Max Meyer
Und was wäre die deutsche Sprache ohne ihre langwierige Tradition und Begriffen wie "Hausfrau", der als Stereotyp so auch im Ausland übernommen wurde. Weniger altertümlich sind der "Kindergarten" sowie der "Kaffeeklatsch", das "Leitmotiv", der "Schnaps", der "Katzenjammer" und der Appell "Gesundheit" – aus reiner Höflichkeit zu seinem Gegenüber. Nicht zu vergessen: die deutsche Bratwurst mit ihren Ablegern (Wurst, Knackwurst, Frankfurter), das Schnitzel und "Sauerkraut", oft auch knackig als "Kraut" gesprochen. Zu guter Letzt sind da die "Autobahnen" und das ihnen entsprungene "Fahrvergnügen", das vielleicht der Zeitenwende zum Opfer fallen wird. Wer dann "Schadenfreude" gegenüber den Porsche-Fahrern empfindet, denkt weiterhin "typisch Deutsch". Das sind eine ganze Menge an Wörtern, die nicht ins Englische zu übersetzen sind, aber längst nicht alle.
Zurück zum Englischen. Last but not least: Gibt es eigentlich auch "Work and Traveller" beziehungsweise "Arbeitende und Reisende", die nach ihrem Besuch in deutschsprachigen Ländern daheim sagen: "How do I say this in English?" Who knows.
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