Neue Technologien bringen radikale Veränderungen mit sich. Das war nach der Erfindung des Automobils oder des Personal Computers nicht anders als beim Siegeszug des Internets oder des Smartphones. Das ist zwar eine Binsenweisheit, aber sie muss erwähnt werden, wenn es um die Künstliche Intelligenz (KI) geht. Denn in ihrem Fall sollten wir es nicht dabei belassen, sie einfach nur zu nutzen. Wir sollten in Grundzügen auch wissen, wie die KI funktioniert und was diese neue Technologie am Ende tatsächlich kann.
Wir müssen sie verstehen, weil sie immer weiter in unser Leben eindringen wird – und die Veränderungen, die sie mit sich bringt, sind von einem Ausmaß, das beispiellos ist.
Wir werden die KI zwangsläufig immer mehr anwenden, im Arbeitsalltag, in Angelegenheiten öffentlicher Verwaltung und privat. Mensch und Maschine treten Tag für Tag in eine intensive Kommunikation – und die Maschine erscheint uns mit ihren Fähigkeiten sehr menschlich. Nicht zuletzt, weil sie mit Sprache umgeht. Aber: Wie zutreffend ist das?
Die Maschine bleibt eine Maschine
Die KI und der Mensch: Alles, was menschlich an einer KI-Maschine wirkt, ist ein Trugschluss. Die Maschine bleibt eine Maschine. Sie hat weder Verstand noch ein Bewusstsein noch eine Seele. Wenn Entwickler der Giga-Konzerne uns das Gegenteil glauben machen wollen oder wenn sie sagen, sie seien auf dem Weg dahin, geht es wohl vor allem um Aktienkurse und um Wettbewerbsrhetorik.
Dass dadurch eine Blase entstehen kann oder bereits existiert, soll hier nicht erörtert werden. Aber herauszustellen ist: Das voreilige und prahlerisch wirkende Verkünden erreichter oder anstehender Durchbrüche ist auch in ethischer Hinsicht relevant. Denn es stellen sich dabei zwangsläufig grundlegende Fragen in Richtung Menschheit.
Zwei Beispiele: Inwiefern relativiert uns die technologische Entwicklung der KI als Spezies, wenn sie mit Verstand, Bewusstsein und Seele das aufweisen sollte, was uns ausmacht – aber uns zugleich in vielerlei Hinsicht überlegen ist? Und andersherum: Brauchen wir nicht auch eine Ethik gegenüber den Maschinen, wenn sie – wie wir Menschen – eine Seele, Bewusstsein und einen Verstand haben?
Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist irreführend
Das sind zwar Ansätze zu interessanten philosophischen Erkundungen. Aber wir werden sie wohl nicht antreten müssen. Denn es bleibt dabei: Eine Maschine ist eine Maschine – und sie ist völlig frei von menschlichen Zügen. Sie hat kein eigenes Erleben von der Welt, sie hat kein Bild von der Welt.
Die Wesenhaftigkeit der Maschine, wenn man so will, liegt allein in den Wahrscheinlichkeitsrechnungen begründet sowie in der ultraschnellen Auswertung von Daten. Das nennt sich „Stochastik“ und ist eine mathematische Teildisziplin. Die Ergebnisse können immer nur der Qualität der Daten entsprechen, mit der die Maschine trainiert wurde oder auf die sie Zugriff hat. Das gilt auch für die aktuelle dritte Welle der Künstlichen Intelligenz, bei der KI-Agenten am Werk sind. Letztere handeln autonom bei der Zielsetzung und Lösungsfindung.
Trotz dieses Fortschritts und angesichts des bekannten Phänomens der „Black Box“ (es bleibt im Dunkeln, wie ein Ergebnis in den neuronalen Netzwerken der KI zustande kommt) muss festgehalten werden: Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist irreführend.
Bildungsreform und Eigeninitiative erforderlich
Es handelt sich nicht um künstlich erzeugte menschliche Intelligenz, sondern eben um mathematische Kalkulationen, deren Ergebnisse auf uns wie menschlich wirken. Deshalb könnte man provokativ auch sagen: KI – das Kürzel steht für „keine Intelligenz“, jedenfalls nicht für eine im menschlichen Sinne.
Leider haben wir keine alltagstauglichen Begriffe dafür, was die KI macht – und es hat sich ein Sprachgebrauch verfestigt, der die KI vermenschlicht, was von den Tech-Riesen mit vorangetrieben wurde. Demnach „überlegt“ eine KI oder sie „erkennt“ und „schlussfolgert“. Alles nicht zutreffend. Auf dieses Problem hat die Informatik-Professorin Katharina Zweig hingewiesen, deren Bücher zum besseren Verständnis von KI sich an ein breites Publikum richten.
Vermutlich wird es uns nicht gelingen, eine eigene Ausdrucksweise für die Vorgehensweise der KI zu etablieren. Umso wichtiger ist es, wenn die KI unser ständiger Begleiter wird, ein elementares Wissen darüber zu haben, was sie wirklich ist und leisten kann. Hier ist nicht nur eine Reform der Bildung schnell erforderlich, sondern auch Eigeninitiative gefragt.
Wir sind als Gesellschaft im Zustand des Überrollt-Werdens
Fehlt uns diese Basis-Kenntnis zur KI, können wir auch nicht realistisch einschätzen, wo – im Großen und im Kleinen – ihre Chancen und Risiken liegen. Dass die KI beides auf vielfältige Weise mit sich bringt, ist gewiss. Zugleich ist das Bild über die KI immer noch vor allem diffus. Wir sind im Zustand des Überrollt-Werdens. Es gibt neben Ängsten auch überzogene positive Erwartungen oder eine Gelassenheit, die oft einer Gleichgültigkeit entspricht.
Das alles ist aber eine Art Kontrollverlust, den wir uns nicht länger leisten dürfen. Wir brauchen Wissen über die KI, um ihr mit Realismus zu begegnen – und vor allem ihre Chancen ausreizen zu können, ohne die Risiken zu übersehen. Dazu wollen die OM-Medien mit ihrem „OM-Forum Wirtschaft“ am 12. März unter dem Titel „Mensch. KI. Mittelstand“ einen Beitrag leisten.
Fest steht: Nie zuvor war das Potenzial einer neuen Technologie so gewaltig, was die Auswirkungen auf die Realität und auf den Menschen betrifft. Und nie zuvor war die Wirtschaft vor einem vergleichbaren Umbruch angesichts der Möglichkeiten, den Menschen zu unterstützen – und zu ersetzen.
Investitionen in KI-Anwendungen rückläufig
KI und Mittelstand: Roboter, die von einer KI gesteuert werden, übernehmen körperlich schwere Tätigkeiten in Werkhallen, oder sie arbeiten exakter als Menschen im Detail. Das ist längst bekannt. Nun aber können KI-Modelle auch Logistik, Kundenbetreuung, Prozessoptimierung entlang der Wertschöpfungskette und vieles mehr übernehmen. Neue Geschäftsmodelle sind möglich – mit Innovationen.
Klingt nach einer guten Zukunft für den Mittelstand, der auch die Wirtschaft des Oldenburger Münsterlandes prägt – oder? Die Zahlen der Investitionen in KI-basierte Anwendungen gingen deutschlandweit 2025 allerdings nach unten, wie die Wirtschaftswoche in Anlehnung an eine Studie der Unternehmensberatung Horváth (Stuttgart) schreibt. Die Gründe sind demnach vielfältig – dazu gehört vermutlich auch dieser: Die erwartete Steigerung der Effizienz blieb aus.
Das zeigt: KI hat ihre Grenzen. Deshalb gilt auch hier der Grundsatz, dass das Wissen um die KI zentral ist. Was kann sie? Was bringt sie? Wer KI in seinem Unternehmen einsetzt, sollte den Ehrgeiz entwickeln, die Technologie zu verstehen, weil er den entscheidenden Schritt zur Zukunftsfestigkeit machen will. Realismus ist und bleibt dabei die Haupttugend. Voraussetzung dafür ist auch, dass seriöse Entwickler über ihre Produkte exakt aufklären.
Datenschutz und Datensicherheit bleiben Probleme
Ein großes Problem bleibt derweil der Datenschutz beziehungsweise die Datensicherheit. Das Thema ist facettenreich – und ein weiteres Beispiel dafür, wie neue Technologien auch neue Verletzlichkeiten mit sich bringen.
Diese Gefahren zeigen aber wohl zugleich, dass es immer auch Menschen brauchen wird, wenn die KI immer mehr Aufgaben übernimmt. Wie viele bisherige Berufsfelder durch KI wegfallen, welche neuen entstehen – das kann niemand seriös sagen.
Aber: Die Politik ist gefordert, nicht nur die KI-Transformation nach Kräften zu fördern, sondern auch die Transformation der Arbeitswelt. Denn KI-Kontrolle wird das große neue Arbeitsfeld des Menschen sein.