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Gastronomen sind sauer: "Wir sind keine Pandemietreiber"

Im Gasthaus Hogeback in Erlte fand der erste Wirtestammtisch des Dehoga-Kreisverbandes Vechta statt. Nicht nur das Labyrinth der Coronavorschriften war Thema, sondern auch der Mindestlohn von 12 Euro.

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Vechtas Dehoga-Kreisvorsitzender Ulrich Steinkamp (von links) begrüßte als Gäste Andre Hüttemeyer sowie die Kreisvorsitzende des Dehoga Cloppenburg, Meike Schlömer-Thomann, und dankte den Gastgebern Edith, Henning und Heinrich Muhle. Foto: Kühn

Vechtas Dehoga-Kreisvorsitzender Ulrich Steinkamp (von links) begrüßte als Gäste Andre Hüttemeyer sowie die Kreisvorsitzende des Dehoga Cloppenburg, Meike Schlömer-Thomann, und dankte den Gastgebern Edith, Henning und Heinrich Muhle. Foto: Kühn

Im Gasthaus Hogeback in Erlte hatte der Wirtestammtisch des Kreisverbandes Vechta des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) seine Premiere. Die Zusammenkunft der Gastgeber der Region soll nun regelmäßig stattfinden und wird stets unter ein Thema gestellt. Vorsitzender Ulrich Steinkamp konnte am vergangenen Montagnachmittag (17. Januar) zum ersten Branchentreff über 20 Betriebsinhaber aus Gastronomie und Hotellerie begrüßen. Als weitere Gäste hieß er Meike Schlömer-Thomann, die Vorsitzende des Dehoga-Kreisverbandes Cloppenburg und den stellvertretenden Bürgermeister der Gemeinde Visbek, André Hüttemeyer willkommen. 

Steinkamp hatte einige Themen vorbereitet. Bei den Stichworten Corona oder Mindestlohn wurde schnell deutlich, dass sich inzwischen auch bislang gut gestellte gastronomische Unternehmer Sorgen um ihre Existenz machen. Von der "großen Politik" fühlen sich die Gastgeber unberechtigt als "Pandemietreiber" beschuldigt. Steinkamp betonte noch einmal, dass verschiedene Untersuchungen belegt hätten, dass die Branche kein Treiber der Infektionslage sei. Viele der Anwesenden blicken verärgert auf die politischen Vertreter, wünschen sich öffentliche Korrekturen am einst gemalten schwarzen Bild: "Aber das macht ja keiner", kritisierte nicht nur Steinkamp.

"Alle Welt tut gerade so, als wenn wir im eigenen Haus diese Pest züchten!"Alfons Stratmann, Lohner Gastwirt

Die Politik wälze einen guten Teil der Corona-Schutzmaßnahmen und -Kontrollen, für die eigentlich der Staat zuständig ist, auf die Gastronomie ab. Kann das richtig sein?, fragte der Schriftführer des Cloppenburger Kreisverbandes, Stephan Thomann. Der Lohner Gastwirt Alfons Stratmann brachte den Ärger auf den Punkt: "Alle Welt tut gerade so, als wenn wir im eigenen Haus diese Pest züchten!"

Man tue alles, um sich und die Gäste vor Corona zu schützen, meinte Steinkamp. Das sei im höchsten eigenen Interesse. "Wir hier vor Ort beachten alle Regeln", versicherte er. Aber: Bei dem seit zwei Jahren andauernden "Hin und Her bei den Schutzmaßnahmen, der schnellen Wechsel und dem Verordnungslabyrinth steigt letztlich kein Gast mehr durch". Bei so viel Unsicherheit blieben letztlich die Gäste auch aus.

Gastronomen wollen Einführung einer Impfpflicht

"Spaziergänge" sehen die Wirte mit Unverständnis. Die Impfgegner verhinderten die Rückkehr zu einem "normalen gesellschaftlichen Leben" in den Dörfern und Städten. Viele Menschen "gehen nicht mehr vor die Tür, weil die Gefahr der Ansteckung durch das dumme Verhalten einiger Weniger dauerhaft präsent ist", hieß es aus der Runde. Steinkamp erntete von den in Erlte versammelten Gastronomen deutlich hörbare Zustimmung, als er forderte: "Die Impfpflicht muss her – schnell."

Die Bundespolitik wurde weiter gescholten. So müsse inzwischen der weitaus größte Teil der Gastronomen, die in der ersten Phase der Coronapandemie staatliche Hilfen bezogen hätten, diese zurückzahlen. Viele hätten den "Fehler" gemacht, trotz geschlossener Lokale über Außer-Haus-Verkauf oder Catering Umsätze zu machen. Diese würden nun angerechnet. "Man hätte besser den Laden ganz zugemacht", meinte ein Gastronom enttäuscht.

Mindestlohn von 12 Euro bringt Tarifgefüge durcheinander

Weiteres Thema war die geplante Einführung eines gesetzlichen Mindeststundenlohnes von 12 Euro brutto. Steinkamp verwies auf das Tarifgefüge in der Branche, das dadurch "gehörig durcheinander gebracht wird". Wenn schon eine nicht gelernte Aushilfskraft als "Minijobber" gemäß der Regel brutto für netto ohne Abzüge 12 Euro erhalte, dann erzeuge das immensen Druck auf alle Gehaltszahlungen in der Gastronomie.

Wollten die Arbeitgeber die bisherigen Vergütungen für ausgelernte Kräfte wie Köche oder Restaurantfachkräfte im ersten Gesellenjahr wie bisher in höherem Abstand zu einem 12 Euro-Mindestlohn halten, dann müssten diese 14 Euro Nettolohn bekommen. Das bedeute einen Bruttolohn von etwa 3.200 Euro im Monat. Heute gebe es 2.104 Euro. "40 Prozent mehr zu stemmen" werde vielen Betrieben nicht möglich sein.

In einer Gaststätte wird ein Bier gezapft. Wenn der Mindestlohn auf  12 Euro steigt, dürfte auch der Service der Gastgeber teurer werden. Foto: dpaGateauIn einer Gaststätte wird ein Bier gezapft. Wenn der Mindestlohn auf  12 Euro steigt, dürfte auch der Service der Gastgeber teurer werden. Foto: dpa/Gateau

Die Freigrenzen für den Minijob müssten durch die Politik angehoben werden. Nach dem Aderlass an Aushilfskräften in der Pandemie könnten die verbleibenen bald nur noch 37,5 Stunden im Monat arbeiten. "Kaum Aushilfskräfte, keine Fachkräfte und dann dürfen die, die uns geblieben sind, nicht mehr so viel arbeiten wie vorher – das ist nicht zu akzeptieren", erklärte Steinkamp.

Derzeit laufen die Tarifverhandlungen im Bezirk Weser-Ems. Aus diesen berichtete Werner Lüdeke-Dalinghaus (Löningen) als einer der Arbeitgebervertreter. Die Arbeitnehmerseite habe deutlichen Inflationsausgleich und Verbesserungen im Gehaltsgefüge gefordert. Für ihn steht fest: "Wir werden uns bewegen müssen." Bis Mitte Februar sollen die Verhandlungen abgeschlossen sein.

Die bisher übliche Erklärung der Tarifparteien, dass die getroffenen Vereinbarungen auch für die weitere Branche, also allgemeinverbindlich gelten, sehen die Gastronomen des Wirtestammtisches sehr kritisch. Diese Verbindlichkeit müsse staatlich kontrolliert werden, denn "wer in den Wettbewerb mit der Erhöhung des Mindestlohnes eingreift, muss auch dafür sorgen, dass es in der Branche fair bleibt", hieß es aus der Runde.

Auf die Erhöhung des Mindestlohnes wird die Gastronomie mit Preiserhöhungen reagieren

Die Gastronomie sperre sich nicht vor Lohnerhöhungen, denn "du musst deine Leute schon gut bezahlen, sonst bekommst du heute keine mehr", lautete der Einwurf eines Wirtes. "Ich erwarte aber von der Politik, dass sie mit der gleichen Vehemenz, wie sie den Mindestlohn einführt, auch uns in Schutz nimmt, wenn wir die Preise erhöhen", mahnte Steinkamp.

Hüttemeyer, der als Vertreter der Gemeinde und Lokalpolitiker der Einladung des Dehoga gefolgt war, äußerte Verständnis für den Ärger der Wirte. Gerne wolle er, der in Gemeinderat und Vechtaer Kreistag vertreten ist sowie als CDU-Kreisvorsitzender amtiert, die Forderungen und Anregungen der Wirte auf "höhere Ebenen" tragen.

In Punkto Mindestlohn wollte er in keine "Gerechtigkeitsdebatte" einsteigen. Es gelte mit Blick auf den Lohn seiner Ansicht nach aber auch "den Leistungsgedanken zu pflegen". Er könne an bundesgesetzlichen Regelungen aber "wenig ändern".

Steinkamp forderte vom CDU-Kreisvorsitzenden, dass dessen Partei sich davon trennen müsse, ihre Veranstaltungen "in irgendwelchen Firmen und Lagerhallen abzuhalten, die mit Gastronomie nicht mehr viel zu tun haben". Hüttemeyer versprach, diesen "berechtigten Hinweis" in die Parteigremien und damit in die Ortsverbände im Kreis weiterzutragen.

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