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Ein Anstandsbesuch muss sein

Kolumne: Batke dichtet – Wenn ein großes schwedisches Möbelhaus in Deutschland seinen 50. Geburtstag feiert, dann kann man schon einmal gratulieren.

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Zugegeben: Ich gehe lieber in die Buchhandlung. Oder zum Stammtisch mit ehemaligen Arbeitskolleginnen und -kollegen. Oder zu den Blau-Weiß-Fußballern. Aber hej! Manchmal muss es auch Ikea sein. Zumal die Ehefrau anmahnte: „Unser letzter Besuch ist schon wieder 2 Jahre her. Wir brauchen neue Vorhänge, höchste Zeit.“ Meine Gegenargumente waren schwach – aber warum eigentlich nicht? Schließlich feierte Ikea Deutschland am 17. Oktober seinen 50. Geburtstag. Da scheint ein Anstandsbesuch angemessen.

Ikea, so mein Eindruck bei unserem Geburtstagsbesuch, bildet den Mikrokosmos der Republik ab. Für die Visite im „unmöglichen Möbelhaus aus Schweden“ (so der über Jahrzehnte verwendete Werbeslogan) haben wir uns den unmöglichsten Termin ausgesucht – Samstagmittag. Schon die Parkplatzsuche hat albtraumhaften Charakter; Nerven wie Drahtseile sind gefragt.

Der Range Rover mit WST-Kennzeichen braucht standesgemäß anderthalb Stellplätze; zwei verzweifelte junge Frauen versuchen krampfhaft, offensichtlich zu lange Regalbretter in ihrem Polo zu verfrachten und verursachen einen veritablen Stau, an dessen Ende wüstes Gehupe zu vernehmen ist. In der nächsten Gasse versucht ein Kunde seinen mit reichlich Beute beladenen Anhänger aus der Parkbucht zu manövrieren – auch er erntet keinen Applaus vom ungeduldigen Publikum. Suchst du noch, oder parkst du schon?

„Ich sehe die Grenzen zwischen Nützlichem und Unnützem schnell verschwimmen.“

50 Jahre Ikea in Deutschland, die erste Filiale wurde 1974 in München-Eching eröffnet. Der Firmenname leitet sich vom Gründer und dessen Herkunft ab: Das I steht für Ingvar, das K für Kamprad, das E für Elmtaryd (der Hof, auf dem Kamprad aufgewachsen ist), das A für Agunnaryd (der Name des Dorfes). Kamprad wurde trotz seines sprichwörtlichen Geizes und seiner Begeisterung für die Nazis in jungen Jahren 2014 zum „Besten schwedischen Unternehmer aller Zeiten“ gewählt. Er verstarb 2019 im Alter von 91 Jahren. Für Ikea arbeiten weltweit 219.000 Menschen. Mit 6,4 Milliarden Euro ist Deutschland der umsatzstärkste Markt auf dem Planeten, noch vor den USA und England. Beeindruckende Zahlen, und wer wie wir an diesem Samstag den Parcours in Angriff nimmt, weiß warum.

Am liebsten hätte ich mich in den bequemen Ikea-Sessel „Poäng“ gesetzt und einfach nur die Menschenmassen beobachtet, die sich durch das Labyrinth schlängeln. Ich sehe die Grenzen zwischen Nützlichem und Unnützem schnell verschwimmen. Ein älteres Paar interessiert sich für das Besteckset „Mopsig“, Kleinkinder sind schockverliebt in das Plüschtier „Knorrig“, das ebenso im Einkaufswagen landet wie der Übertopf „Bittergurka“ und später die Klobürste „Eköln“. Unterdessen testen junge Leute das Nachfolgermodell der Matratze „Hamarvik“ und diskutieren hernach im hauseigenen und selbstredend überfüllten Restaurant bei Kaffee und „Äppelkaka“ (Apfelkuchen) die Schlafzimmergestaltung.

Um es kurz zu machen: Wir haben zielorientiert eingekauft und die Teelichter der Marke „Sinnlig“, das Tablett „Groggy“ oder die Kleiderbügel mit dem Produktnamen „Bumerang“ links liegen gelassen.
Nach knapp 2 Stunden fiel der Vorhang, genug für einen Geburtstagsbesuch, und ich bin froh, jetzt erst einmal eine Schonfrist zu haben. Vielleicht schaue ich zum 75. ja wieder vorbei.


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 68-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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