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„Bauern-Bashing ist nicht unser Ziel“

Die Uni Augsburg hat die "wahren Kosten" von Lebensmitteln errechnet. Landwirte und Geringverdiener  sollten aber nicht die Zeche bezahlen müssen, wenn die Preise steigen, warnt der Studienleiter.

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Doppelter Preis: Der Discounter Penny schildert die „wahren Kosten“ zurzeit in einem Berliner Geschäft aus. Foto: dpa

Doppelter Preis: Der Discounter Penny schildert die „wahren Kosten“ zurzeit in einem Berliner Geschäft aus. Foto: dpa

Was ist der wahre Preis eines Lebensmittels? Diese Frage treibt derzeit Wissenschaftler, Vertreter des Lebensmitteleinzelhandels und Landwirte um. Hintergrund ist eine Studie der Universität Augsburg. Im Auftrag der zur Rewe-Gruppe gehörenden Penny-Kette ermittelte sie, was Lebensmittel eigentlich kosten müssten, wenn ihre ökologischen Auswirkungen entlang der Lieferkette mit in den Verkaufspreis einflössen. Die Antwort: deutlich mehr als bislang.

So wurden bei acht ausgewählten konventionell und ökologisch erzeugten Eigenmarken-Produkten - von der Banane bis zum gemischten Fleisch - die über die Lieferketten anfallenden Auswirkungen von Stickstoff, Klimagasen, Energie und Landnutzungsänderungen auf den Verkaufspreis mit eingerechnet. Das Ergebnis: Der Verkaufspreis pro Kilogramm müsste bei den konventionell erzeugten Waren um durchschnittlich 62 Prozent steigen. Bei den Alternativen aus ökologischem Landbau liegt das Plus bei etwa 35 Prozent.  

Rewe-Manager Stefan Magel sieht in der Initiative des Einzelhändlers einen wichtigen Schritt zu mehr Nachhaltigkeit. „Wir müssen dazu kommen, die Folgekosten unseres Konsums sichtbar zu machen“, meint er. Magel räumt jedoch ein: „Wir sind als Unternehmen in einem wettbewerbsintensiven Markt ohne Zweifel Teil des Problems.“ Wenn die Kunden positiv auf die doppelte Preisauszeichnung reagierten, könne er sich aber vorstellen, die Anzahl der gekennzeichneten Produkte weiter zu erhöhen. Wie das praktisch gehen soll und ob die Kunden am Ende wirklich bereit sind, die zum Teil deutlichen Aufschläge zu entrichten, bleibt vorerst offen.

Landwirte und Verbraucher sollen nicht unter Preispolitik leiden müssen

In Agrarkreisen wird dagegen vermutet, dass es am Ende erneut die Landwirte sein werden, die die Zeche bezahlen müssten. Denn für die Landwirtschaft würden bei dem genannten Modell nicht einfach nur die Preise steigen. „Auch die Kosten würden auf die Bauern umgewälzt“, glaubt der Kommentator des Online-Portals agrarheute.com. „Auf diese Weise würde nicht nur das von allen politischen Lagern bejammerte Höfesterben noch einmal richtig Fahrt aufnehmen, sondern auch die ländlichen Räume würden sich erheblich verändern.“

Für Studienleiter Dr. Tobias Gaugler ist jedoch klar, dass weder Verbraucher mit niedrigen Einkommen noch die Landwirte die Leidtragenden einer neuen Preisbildungspolitik sein dürften. „Bauernbashing ist ausdrücklich nicht unser Ziel“, betont der Wirtschaftswissenschaftler im Gespräch mit OM Online. Die Politik könnte handeln - allerdings nicht auf Kosten der Landwirte, betont Gaugler. „Wer sich mit einem Stallbau verschuldet hat, erwartet zu Recht Planungssicherheit.“ Entscheidend sei, was der Staat mit den Mehreinnahmen mache, die starke Preisaufschläge bei Lebensmitteln in seine Kassen spülen würde.

Gauglers Vorschlag: Das Geld müsse durch eine gezielte Förderpolitik an die Landwirtschaft zurückgegeben werden. Die CO2-Steuer - sie wird 2021 in Deutschland eingeführt - sieht Gaugler außerdem als geeignetes Mittel, um die soziale „Missbalance“ auszugleichen. Menschen mit durchschnittlichen Einkommen und Geringverdiener könnten entlastet werden. Vermögende, die durch ihren Lebensstil mehr Kohlendioxid emittieren, müssten dagegen draufzahlen.

Forscher: Preisdiskussion muss Folgekosten berücksichtigen

Ob die Modellrechnungen einmal die tatsächlichen Supermarktpreise beeinflussen werden, bleibt abzuwarten. Seine Modellrechnungen könnten auch auf andere Wirtschaftssektoren übertragen werden, sagt Dr. Gaugler, der seit der Veröffentlichung zahlreiche Medienanfragen beantwortet hat. Die Ergebnisse machten deutlich, dass die bisherige Preisdiskussion zu kurz greife, denn die zwangsläufig entstehenden Folgekosten des Konsums würden derzeit nicht ausreichend berücksichtigt.

Die Studie solle ein Beitrag für einen kritischen Diskurs sein, betont der Augsburger Forscher. „Wir werden die Welt damit nicht aus den Angeln heben.“ Er stelle aber fest, dass die Suche nach mehr Kostenwahrheit inzwischen Eingang in die große Politik gefunden habe. Ein Beispiel ist für ihn die deutlich kritischere Haltung der Bundesregierung gegenüber dem Mercusor-Freihandelsabkommen. So hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sich angesichts der anhaltenden Abholzung des Regenwaldes erneut ablehnend zu einer Unterzeichnung geäußert. Zudem hätten er und sein Team den sozialen Bereich, darunter die Arbeitsbedingungen sowie weitere ökologische Kostentreiber, bewusst ausgeklammert. „Es wäre sehr sinnvoll, sich auch dieser Themen anzunehmen“.

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