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Wenn Sprache verhöhnt

Thema: Politiker und der Begriff von Wirklichkeit – Wie kommt es nur, dass manche Politiker mit ihren Begriffen so oft so sehr neben der sozialen Wirklichkeit liegen?

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Mit „Sozialtourismus“ bezeichnete CDU-Chef Friedrich Merz vor kurzem das Verhalten ukrainischer Flüchtlinge. Er ist nicht der einzige, der sich gelegentlich im Ton vergreift.

Berlin-Kreuzberg, Freiluftkonzert im Park, umsonst und draußen. Eine ältere Frau setzt sich mit an den Tisch, sie ist 73, rüstig und redselig. Früher war sie Sozialarbeiterin. Sie hatte mit drogenabhängigen Frauen zu tun. „Gedöns“ hat Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) einst diesen Bereich genannt.

Die Mini-Rente wird ihr vom Amt aufgestockt. Die Frau sucht jetzt einen Job, „was mit alten Leuten, das könnte ich gut“. Der Spruch des CSU-Vorsitzenden Markus Söder über angeblich faule Hartz-IV-Empfänger („Wenn einer gern in der Tonne liegt und Diogenes spielt – gerne“) trifft auf diese alte Dame jedenfalls nicht zu. Wolfgang Schäubles (CDU) Wort von der „sozialen Hängematte“ auch nicht. Erst hatte sie eine schöne Einzimmerwohnung, doch dann wurde die Miete immer weiter erhöht. Sie musste raus und fand vorläufig Unterschlupf in einer Studenten-WG. „Das geht aber nicht ewig.“ Eine neue Wohnung findet sie nicht. Auf dem Berliner Mietmarkt toben sich die Spekulanten aus, vor allem in Kreuzberg. Und die Politik lässt sie gewähren. Freie Marktwirtschaft.

"Wie kommt es nur, dass manche Politiker mit ihren Begriffen so oft so sehr neben der sozialen Wirklichkeit liegen?"Werner Kolhoff

Die Band beginnt und die Frau holt eine Flasche Bier aus der Tasche. Ein Anfall von „spätrömischer Dekadenz“, wie Ex-FDP-Chef Guido Westerwelle einmal formulierte? Eher nicht. „Vom Aldi. Hier ist es ja so teuer.“ In diesem Sommer hat sie sich ein paar Reisen ins Umland gegönnt, in die Uckermark, und sogar einen Tagesausflug an die Ostsee. „Hoffentlich kommt das 9-Euro-Ticket wieder. Was glauben Sie?“, fragt die Dame. Ich bedenke, dass FDP-Chef Christian Lindner hierzu das Wort „Gratismentalität“ verwendet hat und antworte: „Eher nicht.“

Im Wahlkampf sprechen Politiker gerne von der „arbeitenden Mitte“ oder von jenen, „die den Laden am Laufen halten“. Diese Frau gehört dazu. Wie kommt es nur, dass manche Politiker mit ihren Begriffen so oft so sehr neben der sozialen Wirklichkeit liegen? Antwort: Weil einige von ihnen von dieser Wirklichkeit keinen Begriff mehr haben.


Zur Person:

  • Der Lohner Werner Kolhoff, 66, hat für den Berliner Tagesspiegel und die Berliner Zeitung gearbeitet, war Sprecher des Berliner Senats und leitete ein Korrespondentenbüro.
  • Heute ist er in der Hauptstadt als politischer Kolumnist tätig.

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