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#Egoismusepidemie

Kolumne: Irgendwas mit # - An der Maske scheiden sich irrsinnigerweise die Geister. Dabei haben die meisten lediglich ein Problem mit ihrem Ego.

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Das Tragen einer Maske verringert das Corona-Infektionsrisiko um rund 45 Prozent – so das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie. Anders gesagt: Anstatt 100 Personen infizieren sich 55, wenn alle korrekt ihre Mund-Nasen-Bedeckungen tragen. In Kombination mit den anderen bekannten Maßnahmen wird der gewünschte Effekt – das Eindämmen des Infektionsgeschehens – folgerichtig deutlich größer. Sprich: Wir können, in der Theorie, auch ohne explizite Regierungsanweisungen, viel dafür tun, damit sich möglichst wenige Menschen anstecken.

Notorische Maskenverweigerer und alternative autodidaktisch ausgebildete Gesundheitsexperten wird das selbstverständlich nicht überzeugen. Innehalten, kurz reflektieren, sich mit neuen Erkenntnissen auseinandersetzen … – ach, lassen wir das. Das führt jetzt zu weit.

Was haben wir in den vergangenen Monaten nicht alle für einen Schwachsinn rund um Masken hören müssen? Es wurde nicht einmal davor zurückgeschreckt, Falschmeldungen über den Tod von Kindern zu verbreiten. Das ist nicht nur gefährlich, sondern in höchstem Maße widerwärtig, derart mit der Angst von Eltern zu spielen.

"Aus Höflichkeit, aus Rücksicht – schlicht, weil es sich so gehört, seine Mitmenschen nicht mit seinen Erregern anzustecken."Carina Meyer, Redakteurin

Zum Glück sind diese Menschen deutlich in der Minderheit, aber leider sind sie außerordentlich laut. Diese Maskendebatte wirkt dabei unweigerlich wie ein Brennglas: Wir sind eine Gesellschaft mit eben nicht wenigen sogenannten „Ichlingen“. Menschen, die ausschließlich sich selbst in den Fokus stellen und ihre Mitmenschen als Statisten ihrer Lebenswirklichkeit begreifen. Empathie und Solidarität sind bei dieser Personengruppe oft nur rudimentär ausgeprägt – solange es das eigene Umfeld nicht betrifft.

Denn: Chirurgische Masken und selbst genähte Mund-Nasen-Bedeckungen schützen nicht mich, sondern vor allem die anderen. Aber was interessieren den Egozentriker die anderen? Hinzu kommen völlig neue Umstände, denen ich mich anpassen muss. Eine Maske war uns vor Corona fremd, gehörte nicht zu unserem Alltag. Sie schafft eine Distanz, eine erschwerte Kommunikation, die überfordern kann. Warum soll ich mich derartigen Problemen stellen? Das strengt an, das verunsichert. Das will ich nicht.

Von Individualismus und Kollektivismus

Dabei ist dieses Phänomen nicht besonders neu. Der niederländische Kulturwissenschaftler und Sozialpsychologe Geert Hofstede hat in den 1980er Jahren den Begriff der Kulturdimensionen geprägt. Darunter findet sich unter anderem das Verhältnis von Individualismus und Kollektivismus in der jeweiligen Kultur. Westlich geprägte Länder wie Deutschland oder die USA neigen zu einem stärkeren Individualismus – mehr Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung, Ich-Erfahrung.

Es hat natürlich vielfältige Gründe, warum ostasiatische Länder wie Südkorea und Japan mehr Erfolg bei der Pandemie-Bekämpfung haben. Einer dürfte aber sicher sein, dass diese Länder nach Hofstedes Definition weniger stark individualistisch, sondern eher kollektivistisch geprägte Gesellschaftsstrukturen vorweisen. Das "Wir" hat einen viel höheren Stellenwert. Gruppenbindungen außerhalb der Kernfamilie spielen eine wichtige Rolle.

In Japan beispielsweise galt eine Maske schon lange vor Corona als Must-have. Wer das Gefühl hat, sich eine Infektion eingefangen zu haben, setzt schnell die Maske auf. Aus Höflichkeit, aus Rücksicht – schlicht, weil es sich gehört, seine Mitmenschen nicht mit seinen Erregern anzustecken. Anstand als Bürgerpflicht.

Wer sich also mal traut, kurz über den Tellerrand zu blicken, kann sich über die Ängste und Verschwörungen rund um die Maske hier in Deutschland nur wundern. Streuen wir zwischendurch unser perfekt auf uns ausgeleuchtetes Scheinwerferlicht und treten mal einen Schritt zur Seite. Ich denke, da gibt es einiges zu sehen. 


Zur Person:

  • Carina Meyer ist Redakteurin der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Die Autorin erreichen Sie unter info@ov-online.de.

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