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Diese Stadt hat noch Visionen

Kolumne: Cloppenburg sucht nach seiner neuen Identität – nach 12 Jahren will die Stadt nun wieder ganz neue Visionen entwickeln.

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Hi, für die TikTok-Generation unter uns: Helmut Schmidt hieß einstmals im vorigen Jahrhundert ein Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Es gab noch mehr Bundeskanzler. Ein anderer zum Beispiel hieß Willy Brandt. Also, dieser Schmidt, den nannte man „Schmidt-Schnauze“. Ja, und weshalb? Genau, weil er so frech war und ’ne große Schnauze hatte. Der Willy Brandt hatte keinen Beinamen. Den riefen nur alle „Willy Willy“ und verehrten ihn. Weil er ja übers Wasser gehen konnte. Er war manchmal verrückt und manchmal entrückt, und er hatte Visionen.

Der Willy und der Helmut waren nicht die dicksten Buddys. Das Magazin „Der Spiegel“ machte im Bundestagswahlkampf 1980 mit Helmut Schmidt ein Interview und fragte ihn, was er von Willy Brandts Visionen halte. Schmidt- Schnauze „knappte“ zur Seite: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ 30 Jahre später fragte ihn „Die Zeit“ zum Hintergrund des Zitats. Schmidt-Schnauze sagte knapp: „Es war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage.“

Genug zum Thema „Opa erzählt, wie schön es früher war“ – wenden wir uns der mehr oder minder lebendig prickelnden Gegenwart zu. Und schon sind wir bei Rat und Verwaltung der Stadt Cloppenburg gelandet. Da sitzen ja – das wissen wir alle – schlaue und studierte Leute, von denen wir Normalos alle noch was lernen können. Die saßen jetzt mal wieder zusammen und brüteten etwas aus. Sie nannten es ausgebrütet „Leitziele“. Damit war der Begriff „Vision“ vermieden, und sie brauchten laut Schmidt auch nicht zum Arzt.

„Und was haben die Volksvertreter nun herausgefunden? Na, was wohl? Es sind alle Ziele erfüllt. Jawoll. Alles, was man wollte, ist da. So, un nu kummst du. Und was nicht da ist, sagen die Ratsleute, ist überholt.“

Dann kreißte der Rats-Berg und gebar eine Maus. Das ist ein Bild, müsst Ihr wissen, liebe „social-media-minds“. Wenn der kreißende (von „Kreißsaal“, ach so) Berg, wenn der also eine Maus gebiert, also zur Welt bringt, dann ist gemeint, dass jemand etwas großspurig ankündigt, was sich später als völlig unspektakulär entpuppt. Soweit zum Thema „Wenn der Oberlehrer erzählt, was er alles weiß“. Cloppenburgs Stadtrat hatte sich vor 12 Jahren schon mal zusammengesetzt, um über die Zukunft nachzudenken: Wie soll Cloppenburg in 12 Jahren aussehen? Wo wollen wir hin und was ist aus uns geworden?

Das Dutzend ist jetzt voll. Und was haben die Volksvertreter nun herausgefunden? Na, was wohl? Es sind alle Ziele erfüllt. Jawoll. Alles, was man wollte, ist da. So, un nu kummst du. Und was nicht da ist, sagen die Ratsleute, ist überholt. Ätsch. Oder machen wir pass. Wenn das keine Leitkultur ist!

Oder etwa Leidkultur? Denn was haben wir erreicht? Eine Stadt, die im Verkehr erstickt, eine Südtangente, die nur auf dem Papier steht, eine tote Innenstadt, keine Kommunikation innerhalb der Stadtbevölkerung, Multikulti künstlich aufgesetzt, wenig Kultur zwischen Trash und gut gemeintem Volkstheater. Von hinten winken Kulturbahnhof und Studiobühne aus der Nische. Ohne die wären wir sowieso verloren. Museumsdorf und Stadt werkeln wie eh und je fremdelnd nebeneinander her. Wie? Welches Kleinod? Dabei: „Stadt des Museumsdorfs“ wäre doch eine Vision. Aber damit würde einem wahrscheinlich wirklich jemand dringenden medizinischen Rat empfehlen.

„Auf den Leerstand folgt die Leere. Und viel Luft nach oben. Und dazu die Lehre: Es gibt noch viel zu tun für die Zukunft, für die Stadt und für ihre Identität.“

Die neuen Leitlinien der Stadt sollen jetzt erarbeitet werden. In der Ratssitzung gab es dazu beste Allgemeinplätze. Der CDU-Professor forderte ein „zentrales Dach“. Der Sozi wünschte ganz sozihaft, die Einwohner „mitzunehmen“. Der in Ehren ergraute Ober-Grüne entdeckte eine „alternde Gesellschaft“ in seiner Heimatstadt. So what. Der Bürgermeister sprach von „Oberzielen“, die man stets anpassen müsse. Immerhin und stimmt ja auch. Deshalb machen sie jetzt erstmal eine Vorlage.

Auf den Leerstand folgt die Leere. Und viel Luft nach oben. Und dazu die Lehre: Es gibt noch viel zu tun für die Zukunft, für die Stadt und für ihre Identität. Die letzte Version war keine Vision. Vom Eise befreit, sagt der Dichter zum morgigen Fest. Das gibt doch Hoffnung. Also jetzt ran ans Werk für die nächste Version.


Zur Person

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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