Die Macht der Sprache
Kolumne: Das Leben als Ernstfall – „Achtet auf die Sprache“, hat Angela Merkel einst gesagt. Tue ich das, kommen bei mir einige Fragen und Sorgen auf.
Ella Wenzel | 09.04.2025
Kolumne: Das Leben als Ernstfall – „Achtet auf die Sprache“, hat Angela Merkel einst gesagt. Tue ich das, kommen bei mir einige Fragen und Sorgen auf.
Ella Wenzel | 09.04.2025

Worte regieren die Welt. Und wir haben die Kontrolle verloren. Mich lässt seit Wochen ein Zitat von Angela Merkel aus dem Jahr 2020 nicht in Ruhe: „Achtet auf die Sprache. Denn die Sprache ist sozusagen die Vorform des Handelns. Wenn die Sprache einmal auf die schiefe Bahn gekommen ist, kommt auch sehr schnell das Handeln auf die schiefe Bahn. Dann ist auch Gewalt nicht mehr fern.“ Es macht auch in den sozialen Medien seine Runden, gerade in Bezug auf den Wahlkampf und die Politik von AfD und Union. Also bin ich aufmerksam, achte auf die Wortwahl – und frage mich: Braucht's das überhaupt noch? Denn die Gewalt wird mittlerweile offen ausgelebt. Trump spielt vor, dass Regierungen im Prinzip machen können, was sie wollen – betreiben sie nur gut genug Propaganda. Und Europa zieht nach. Populistische Formulierungen, persönliche Beleidigungen und reine Hetze sind selbst in Deutschland keine Seltenheit mehr. So ist es doch selbst unser wahrscheinlich angehender Bundeskanzler, der Schutzsuchende als „Paschas“ bezeichnet, von einem „Sozialtourismus“ spricht und Menschen mit gezielten Lügen über nicht existierende Geflüchtete, die sich die Zähne machen lassen, aufhetzt gegen einen humanen Umgang mit traumatisierten Menschen. Das ist Populismus nach AfD-Manier. Natürlich kann Merz Alice Weidel nicht widersprechen, wenn sie sagt: „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.“ Er stimmt ihr schließlich zu. „Während wir uns darüber aufregen, dass im Fernsehen nicht mehr das N- oder Z-Wort gesagt werden darf, gewinnt die AfD an Stimmen und rechtsextreme Straftaten erreichen einen Höchststand.“ „Worte! Nur Worte! Wie schrecklich sie waren! Wie klar, lebendig und grausam! Man konnte ihnen nicht entkommen“, fasst Oscar Wilde es gut zusammen. Ich weiß nicht, wann wir falsch abgebogen sind, wann das hier unser neues Normal geworden ist, wann politische Korrektheit zum Feindbild geworden ist. Es ist wichtig, sich der Macht seiner Worte bewusst zu sein. Sprache formt Realität. Während wir uns darüber aufregen, dass im Fernsehen nicht mehr das N- oder Z-Wort gesagt werden darf, gewinnt die AfD an Stimmen und rechtsextreme Straftaten erreichen einen Höchststand. Während wir schon gar nicht mehr überrascht sind, wenn aus unserer Regierung wieder einmal eine „problematische“ Aussage kommt, verabschiedet Deutschland ein Asylpaket, das gegen EU-Recht verstößt, unterstützt Kriegsverbrechen und ignoriert bekannte Probleme mit strukturellem Rassismus. Es ist schließlich dasselbe Land, aber nicht für jeden. Auch das bildet Sprache ab. Etwa durch das Gendern. Von den Menschen, die Angst vor Sprachverboten haben, kam ironischerweise das Genderverbot in Bayern. Seit der Einführung vor rund einem Jahr gab es an den Verwaltungsgerichten keine Verfahren im Zusammenhang mit dem Verbot. Was es laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aber gab: viele „bedauerliche Nebeneffekte“ – wie die mögliche Marginalisierung unterschiedlicher Gruppen in unserer Gesellschaft durch den Versuch, sie nicht mehr in Sprache abzubilden. Es ist eine seltene und schöne Sache, mit Menschen und Worten vorsichtig umzugehen – und es ist heute wichtiger denn je. Denn, wie Oscar Wilde weiter sagte, besäßen Worte auch eine subtile Magie. „Sie schienen formlosen Dingen eine plastische Form zu verleihen und eine eigene Musik zu besitzen, so süß wie die von Viola oder Laute. Bloße Worte! Gab es etwas so Wirkliches wie Worte?“ Sind Worte Wirklichkeit, will ich meine weise wählen.Zur Person
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