Bots erobern das Internet – und dann?
Kolumne: Immer mehr Roboter tummeln sich im Internet und posten bereits heute täuschend echte Beiträge. Wird das Internet zum „dunklen Wald“?
Friedrich Niemeyer | 06.05.2024
Kolumne: Immer mehr Roboter tummeln sich im Internet und posten bereits heute täuschend echte Beiträge. Wird das Internet zum „dunklen Wald“?
Friedrich Niemeyer | 06.05.2024

Sind Sie ein Roboter? Eigenartige Frage, denken Sie nun. Im Internet aber wird sie an jeder Ecke gestellt. Wenn wir Suchanfragen abschicken oder uns zum Beispiel auf einer Website anmelden wollen, testen uns Algorithmen (also Roboter) ständig, ob wir Menschen sind. Manche Tests fordern uns mehr, andere weniger. Mitunter müssen wir nur ankreuzen: „Ich bin kein Roboter“. Die „umgekehrten Turing-Tests“ sind ein Versuch, die Bots rauszuhalten. Aber können die Plattformen das Problem lösen? Was, wenn die Bots das Internet erobern? Viele von ihnen kämpfen schon heute im Informationskrieg und führen die Befehle autoritärer Regime aus, die um Deutungshoheit ringen. Jüngstes Beispiel: Russland aktivierte Bots nach einem Anschlag auf ein Konzert in Moskau mit 143 Toten. Sie streuten das Narrativ, dass die Ukraine hinter dem Anschlag steckt, obwohl sich der Islamische Staat zuvor bereits glaubhaft zu der Tat bekannt hatte. Aber auch andere, friedliche Akteure können Bots hinter sich scharen. Werbetreibenden können sie zum Beispiel dabei helfen, ihre Werbebotschaften bis in die letzten Winkel des Internets zu verbreiten. Diese Szenarien würden zunehmen. Für eine Bot-Armee braucht es nicht viel. Mit wenigen Mausklicks lassen sich tausende Roboter anheuern, die mit ihren Inhalten das Internet fluten. Für die Internetplattformen wird das zunehmend zu einem Problem, weil die Bots die Authentizität untergraben. Wer freut sich schon über ein Like oder eine Freundschaftsanfrage von @5V5X99wf0jIyg4 (folgt mir seit wenigen Wochen auf Twitter)? Und wer diskutiert schon gerne, ohne es zu wissen, mit einem Algorithmus? Längst sind die Roboter in der Lage, täuschend echte Beiträge zu verfassen, dank künstlicher Intelligenz. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie selbständig Bilder und Videos entwerfen können, die sich von echten Bildern und Videos nicht mehr unterscheiden lassen. Ein Befehl reicht, und die Bots legen los. Die Utopie aus den 90er Jahren wäre endgültig dahin Künftig tummeln sich wohl Massen von ihnen auf den Plattformen, posten täuschend echte Inhalte und ihre Accounts sind nicht mehr von echten Nutzern zu unterscheiden. Bei jedem Video müssen wir uns fragen: Ist das echt? Und in jeder Online-Diskussion mit Fremden müssen wir uns fragen: Ist mein Gegenüber ein Mensch? Hinzu kommen weitere Probleme: pöbelnde Nutzer zum Beispiel. Die Folge: Die Menschen, so eine Theorie, kapitulieren und ziehen sich nach und nach in kleine private Online-Räume zurück (zum Beispiel private WhatsApp-Gruppen). Dort können sie sich zumindest sicherer sein, dass die Inhalte real und ihre Gegenüber menschlich sind. Sie müssen nicht jederzeit damit rechnen, von fremden Menschen (oder Bots) angegriffen zu werden, wenn sie etwas posten. Das Internet würde mit der Zeit zu einem „dunklen Wald“ werden, vermuten einige. Die Utopie aus den 90er Jahren, dass das Netz Menschen aus aller Welt zusammenbringt, dabei hilft, Unterschiede zu überwinden und die Wahrheit dank frei verfügbarer Informationen zu stärken, wäre endgültig dahin.Bei jeder Diskussion müssen wir uns fragen: Ist mein Gegenüber überhaupt ein Mensch?
Zur Person:
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