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Adenauer hätte "Nein" zu Moskaus Forderungen gesagt

Thema: Ukraine und Russland  – Aus der deutschen Geschichte kann die Ukraine ihre Schlüsse ziehen.

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Seit Beginn des Überfalls nennt Russland die ukrainische „Neutralität“ als eines seiner Kriegsziele; außerdem wird eine „Demilitarisierung“ des Landes gefordert. Auch für manchen in Deutschland, der sich den Frieden herbeiwünscht, klingt das verlockend. Warum nicht ein Verzicht der Ukraine auf eine Nato-Mitgliedschaft und auf schwere Waffen, wenn dafür das Sterben endet?

Es lohnt sich wie so häufig ein Blick in die Geschichte. Im März 1952, also vor ziemlich genau 71 Jahren, schlug Sowjet-Dikator Stalin dem Westen vor, Deutschland friedlich wiederzuvereinigen – wenn es darauf verzichte, der Nato beizutreten. Die Idee klang verlockend wie Schalmeien, etliche westdeutsche Intellektuelle sowie Teile der SPD unterstützten sie. Die DDR und die weltweite kommunistische Szene stimmten Friedensgesänge an und mobilisierten dafür auf den Straßen. Bundeskanzler Konrad Adenauer aber misstraute den Sojwets und fürchtete, sie wollten aus Deutschland einen „Satelliten-Staat“ unter ihrer Fuchtel machen. Zumal Stalin keine Garantien dafür geben wollte, dass auch in der DDR, in der Hunderttausende seiner Soldaten standen, freie Wahlen stattfinden würden. Die Geschichte hat gezeigt: Adenauer hatte recht. Er hätte auch heute in der Ukraine "Nein" zu Moskaus Forderungen gesagt.

Bekanntlich ging es nach der Ablehnung der Stalin-Note durch den deutschen Kanzler nämlich so weiter: Am 17. Juni 1953 kartäschten (laut "Duden" schießen mit einem bestimmten Artelleriegeschoss; Anmerkung von OM-Online) die Truppen des angeblich so friedliebenden Diktators in Ost-Berlin die Demonstrationen der Bauarbeiter nieder, 1958 drohten die Sowjets mit dem Berlin-Ultimatum und 1961 ließen sie die Mauer bauen. In Ungarn und der Tschechoslowakei walzten ihre Panzer jede demokratische Regung nieder. Alles frei nach dem Motto: Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag’ ich dir den Schädel ein. Oder – aktuell – ich schneide ihn dir ab. Putin hat seinen Stalin gründlich gelernt.

"Erst wenn Russland eine Demokratie ist, kann man seiner Regierung vertrauen und zu guter Nachbarschaft kommen. Dann sieht die Sache anders aus, aber erst dann."

Werner Kolhoff

Aus der deutschen Geschichte, die mit der friedlichen Wiedervereinigung endete, kann die Ukraine daher folgende Schlüsse ziehen. Erstens: Gegenüber Diktatoren ist jede Naivität unangebracht. Zweitens: Wer neutral ist, ist schwach. Er kann nicht auf den Beistand von Verbündeten zählen und muss um Waffen regelrecht betteln, auch bei Zauderern wie Olaf Scholz. Und drittens: Erst wenn Russland eine Demokratie ist, kann man seiner Regierung vertrauen und zu guter Nachbarschaft kommen. Dann sieht die Sache anders aus, aber erst dann.


Zur Person:

  • Der Lohner Werner Kolhoff, Jahrgang 1956, hat für den Berliner Tagesspiegel und die Berliner Zeitung gearbeitet, war Sprecher des Berliner Senats und leitete ein Korrespondentenbüro.
  • Heute ist er in der Hauptstadt als politischer Kolumnist tätig.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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