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Wie Schokoladen-Zigaretten und Schlauchbootlippen Fake News den Weg bahnten

Kolumne: Auf ein Wort – Vor Fake gibt es kein Entkommen. Viele Zeitgenossen versuchen das dann auch gar nicht erst und nehmen einiges bereitwillig für bare Münze.

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Empörungswellen branden gern schnell und häufig auf, um nahezu ebenso schnell wieder abzuebben. Dann heißt es durchschnaufen, bevor die nächste Wutsau durchs sprichwörtliche Dorf, TV-Talkshows und Online-Kommentarspalten getrieben wird.

Auch wegen der abgewürgten unabhängigen Faktenchecks auf den US-Kanälen des Meta-Konzerns kochen die Gemüter nicht mehr hoch, sondern köcheln allenfalls. Warum sollte man sich darüber auch echauffieren? Seit jeher leben wir doch in einer Welt voller Fake – nicht nur online.

Mit der Zeit wich die Faszination für Gefaktes

Meine ersten Erfahrungen mit Fake datieren aus den 80ern. Im Leben eines damaligen Dorfkinds war die Kirmes ein Highlight. Neben dem Autoscooter und einem Vater, der mit zunehmender Dauer der Festivität Extra-Taschengeld locker machte, lag das an den von dort feilgebotenen Zigaretten. Frei von Nikotin, Teer und ähnlichen Leckereien bestanden sie aus zäher Schokolade oder einem rasch an Geschmack einbüßendem Kaugummi. Diese Stängel erwarben wir als Minderjährige legal und schoben sie uns lässig in den Mundwinkel im irrigen Glauben, ähnliche Coolness auszustrahlen wie der Marlboro-Mann.

Mit der Zeit wich die Faszination für gefakte ebenso wie echte Zigaretten einer altersgemäß wachsenden Begeisterung für Stars und Sternchen. Gern hätte ich ihnen optisch mehr geglichen, als ich es mit hormonbedingt streuseliger Haut, Pottschnitt und Brille tat. Später indes dämmerte mir, dass bei längst nicht jedem Postergesicht alles naturgegeben war, was sich straff und makellos präsentierte.
Dass sie lebenslang babypopo-ähnliche Haut haben, weil sie kannenweise Kräutertee konsumieren, und dass sie voluminöse Lippen einem günstigen Genpool verdanken, konnten die Promis auf Dauer nicht mal unbedarften Dorfkindern weismachen.

„In diesem Sinne gehe ich erstmal eine Zigarette kauen. Bestimmt ist auch das gut für die Haut – ganz schwindelfrei.“

Kein Wunder, dass wir uns ob solcher Prägung Fake nicht nur dulden, sondern gezielt ins Haus holen. So erleuchtet nicht nur zur Weihnachtszeit das flackernde Licht von LED-Kerzen (immerhin aus Echtwachs) traulich das Heim. Im Supermarkt gehört pflanzliches Fake-Fleisch zum Standard-Sortiment, auch, wenn es den wackeren Südoldenburger schüttelt. Und pünktlich zur Erkältungssaison schwappt aus den USA – dem Land, in dem Fake sogar als Regierungsprogramm taugt – Fake-Hühnersuppe in Form von Lutschbonbons auf den heimischen Markt. Gut, dass Oma das nicht erleben muss.

Vor Fake gibt es kein Entkommen. Viele Zeitgenossen versuchen das dann auch gar nicht erst und nehmen bereitwillig für bare Münze, dass ihre Haustiere auf den Speisezetteln zugewanderter Nachbarn stehen und der Gaza-Streifen als Riviera des Nahen Ostens der kommende Hotspot wird. Wer das glaubt, der glaubt auch, dass Schweine fliegen können, Elvis lebt und Madonnas altersloses Gesicht auf einem Wasserkonsum wie ein Pferd und 14 Stunden Schlaf täglich basiert. In diesem Sinne gehe ich erstmal eine Zigarette kauen. Bestimmt ist auch das gut für die Haut – ganz schwindelfrei.


Zur Person:

  • Anke Lucht ist stellvertretende Pressesprecherin und stellvertretende Leiterin der Abteilung Medien- und Öffentlichkeitsarbeit des Bistums Münster.
  • Sie erreichen die Autorin per E-Mail unter redaktion@om-medien.de.

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