Jeder Mensch hat doch diese Themen, die ihn einfach „triggern“. Bei mir sind es zum Beispiel Gendern (dieses Fass will ich jetzt hier an dieser Stelle nicht aufmachen) und Behördendeutsch. Am besten noch beides kombiniert. Ich frage mich wirklich, was so schwierig daran ist, sich so auszudrücken, dass normale Menschen es verstehen – vor allem auch jene, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Stattdessen nutzen offizielle Stellen eine Art Geheimcode für Umstandskrämer: möglichst viele Substantivierungen und Wortaneinanderreihungen. Lernt man das in so einer Verwaltungsausbildung? Gibt’s da Kurse?
Ich habe noch ein gewisses Verständnis dafür, wenn in internen Behördenakten oder in Unterlagen für politische Sitzungen derart „schwadroniert“ wird (wobei auch Unterlagen für öffentliche Sitzungen durchaus so gestaltet werden sollten, dass Bürger die Chance haben, zu verstehen, was auf der Tagesordnung steht). Aber in der direkten Kommunikation mit dem Bürger oder Kunden sollten sich offizielle Stellen doch um verständliches Alltags-Deutsch bemühen.
Ich zum Beispiel wollte jüngst meine Krankenkasse wechseln. Das geht mittlerweile bequem online, alles toll – bis ich mit folgender Frage konfrontiert wurde: „Liegt bei Ihnen die Elterneigenschaft vor (altersunabhängig)?“. Ich habe die Frage dreimal gelesen. Elterneigenschaft?!? Entschuldigung, kann man nicht einfach fragen: „Haben Sie Kinder?“ Das versteht dann vermutlich jeder. Aber nein, stattdessen wird ein Wortungetüm verwendet, das klingt, als müsste ich einen Aufsatz über meine Erziehungsqualitäten schreiben. Vielleicht muss ich auch erst den Herrn fragen, der die „Elterneigenschaft“ für mich besitzt. Zu Deutsch: meinen Vater.
„Wenn die Ampel dann auch noch diese Schalter hat, die Fußgänger drücken können, um ‚Grün‘ zu bekommen, dann ist das eine ‚bedarfsgesteuerte Lichtzeichensignalanlage‘. Man kann sein Glück ja kaum fassen.“
Behördendeutsch ist eine ganz eigene Sprache, und ich frage mich, ob es einen geheimen Wettbewerb gibt, wer die umständlichste Formulierung findet. Ein Paradebeispiel ist die „Lichtzeichensignalanlage“. Wenn diese Anlage – man nennt das übrigens im Alltag einfach „Ampel“ – dann auch noch diese Schalter hat, die Fußgänger drücken können, um „Grün“ zu bekommen, dann ist das eine „bedarfsgesteuerte Lichtzeichensignalanlage“. Man kann sein Glück ja kaum fassen.
Und haben Sie jemals im Soestebad die Personenvereinzelungsanlage bestaunt? Wie, die gibt’s da nicht? Doch, klar, die gibt es. Nennt nur kein Mensch so. Oma Lisbeth sagt Drehkreuz. Das ist aber fürs Beamtendeutsch viel zu kurz. Quasi nicht ernst zu nehmen. Wenn Sie also jemals vereinzelt werden wollen – im Soestebad, da geht das. Viel Vergnügen! Vor meinem inneren Auge wird mir da der rote Teppich ausgerollt: „Willkommen in der Personenvereinzelungsanlage! Bitte stellen Sie sich in einer geraden Linie an!“ Ordnung muss sein. In der Schlange bleibt dann vielleicht auch genug Zeit, darüber nachzudenken, ob bei mir „die Elterneigenschaft vorliegt“.
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