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Wasserdampf schockt die Wurzel des Übels

Mit der Methode könnten gebietsfremde Pflanzen bekämpft werden, die heimische Arten immer mehr verdrängen. In einer Sandgrube nehmen der Verein Pro Natura und die Firma Stadiko einen Versuch vor.

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Mit der Lanze in den Boden: Bekämpfung des Japanischen Staudenknöterichs mit Heißwasserdampf. Foto: Tzimurtas

Mit der Lanze in den Boden: Bekämpfung des Japanischen Staudenknöterichs mit Heißwasserdampf. Foto: Tzimurtas

Bäume und viele Sträucher bevölkern den Ort, seine Anhöhen und die flachen Areale. Ein sattes Grün glänzt in der Mittagssonne. Die Pflanzen erobern die ausgediente Sandgrube im Südkreis Vechta zurück.

Doch: Was auf den ersten Blick so idyllisch wirkt, ist zugleich der Schauplatz eines Verdrängungskampfes. Ein Eindringling macht sich breit, beherrscht ganze Hänge. Es ist der Japanische Staudenknöterich mit seinen eiförmigen Blättern, die sich wie Leder anfühlen.

Der Japanische Staudenknöterich gehört zu den "Neophyten". Der Begriff bedeutet "neue Pflanzen". Es sind aus anderen Teilen der Welt stammende Gewächse. Viele davon sind zu einer Plage geworden. Sie sind hartnäckig und verbreiten sich schnell.

Im Kreis Vechta gelten 40 Arten von Neophyten als invasiv

Auch im Landkreis Vechta haben Neophyten immer mehr Raum besetzt. Etwa 40 Arten der gebietsfremden Neophyten haben laut Kreisverwaltung invasiven Charakter. Sie gefährden mit ihrer Ausbreitung "einheimische Arten, Lebensgemeinschaften und Biotope", wie Kreissprecherin Eva-Maria Dorgelo mitteilt.

Pro Natura sorgt sich um Flora und Fauna in Gruben

Für den Vorsitzenden des Umweltschutzvereins "Pro Natura", Ulrich Heitmann, steht fest: Die renaturierte Grube im Südkreis, wo der Japanische Staudenknöterich zur beherrschenden Pflanze geworden ist, sei "am Umkippen". Die invasive Pflanze mache sich den Ort "zum Untertan". Das bedeute den Tod für die heimischen Pflanzen und Tiere.

Noch gebe es hier zwar Käfer und Schmetterlinge, die Nahrung finden, und zwar an Klatschmohn, Kamille, Disteln, Brennnesseln, Pfefferminze und Kornblumen. Auch Greifvögel wie der Rote Milan oder der Turmfalke seien zuweilen auf der Jagd in der Grube. Aber der Japanische Knöterich decke immer mehr ab, überrolle ganze Bäume.

Heitmann zeigt auf eine Kiefer und sagt: "Die wird in ein, zwei Jahren nicht mehr zu sehen sein." Das Problem gebe es vor allem in Gruben, sagt Heitmann. Denn in ihnen sei der aus neuen Wohn- und Gewerbegebieten abgetragene Mutterboden verfüllt worden. "So kam der Samen des Japanischen Knöterichs hierher", erklärt Heitmann. Auch über Saatgut und Tierfutter aus Übersee gelangten die Samenkerne von Neophyten nach Deutschland.

Dinklager Firma Stadiko ist Pionier bei der Methode

Angesichts der Ausbreitung von Neophyten vor Ort hat sich Heitmann mit der Dinklager Firma Stadiko, die auf Reinigungs- und Desinfektionstechnik sowie auf chemiefreie Unkrautbekämpfung spezialisiert ist, beraten. Das Unternehmen hat ein Gerät entwickelt, das sich offenbar zum Kampf gegen Neophyten eignet.

Der "Ökotherm" geht auf einen Auftrag der Deutschen Bahn vor drei Jahren zurück. Stadiko sollte eine Maschine produzieren, mit der Bahnsteige umweltschonend gereinigt werden können. Das war mit Heißwasserdampf möglich, der auch hartnäckige Kaugummis vom steinigen Boden löst. So berichten es Vertriebsleiter Peter Smolny und Produktentwickler Markus Ripke.

Mittlerweile ist das Gerät auch bei der Beseitigung von Unkraut per Verbrühung im Einsatz, etwa in Dinklage. In der vergangenen Woche sind Smolny und Ripke mit dem "Ökotherm" in die Grube gefahren, um die Heitmann sich sorgt.

Hier soll die Methode gegen den Japanischen Knöterich erprobt werden – erneut. Denn Stadiko, die Firma ist im Landkreis ein Pionier bei dem chemiefreien Verfahren mit dem Heißwasserdampf, kann auf diese Erfahrung zurückgreifen: Vor einem Jahr hatte das Unternehmen mit der Hase-Wasseracht Experimente durchgeführt, um herauszufinden, wie wirksam Heißwasserdampf beim Japanischen Staudenknöterich und bei der Herkulesstaude ist.

Nun also der Testlauf in der Sandgrube im Südkreis: Ripke lädt aus einem Hänger einen fahrbaren Wassertank, der 280 Liter fasst. Dann zieht er an einer Deichsel, rollt den 450 Kilo schweren "Ökotherm" heraus.

Die mit Heizöl betriebene Maschine, die knapp 1,5 Meter Länge und Höhe hat sowie in der Breite 68 Zentimeter misst, verfügt über einen Brenner (90 KW), der das Wasser auf bis zu 130 Grad erhitzt. Auf dem Gehäuse ist eine Spule mit einem Schlauch umwickelt. Ripke verbindet sie mit einer Lanze, durch die das Gemisch aus 50 Prozent Wasser und 50 Prozent Dampf strömt – in den Boden.

Ripke sucht stets neue Stellen, um den heißen Wasserdampf ans Wurzelwerk des Japanischen Staudenknöterichs zu leiten, jeweils ein paar Minuten. Das Prinzip: Die heißen Temperaturen sorgen für eine Denaturierung des Eiweißes in der Wurzel, so dass sie durch den Schock ihre Funktion nicht mehr erfüllt.

Nach spätestens einer Woche sei die braun und zerfalle, sagt Smolny. Allerdings: Es komme auch zur Regeneration. Monate später sprieße die Pflanze erneut, eine Nachbehandlung sei nötig.

Landesbetrieb zeigt sich eher skeptisch

Und was sagen amtliche Experten zu dem Verfahren? Ein Sprecher des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) erklärte: Grundsätzlich sei die Bekämpfung von Neophyten per Heißwasserdampf für einige Arten grundsätzlich geeignet. Doch beim Japanischen Staudenknöterich sei das weniger effektiv – weil er sich vor allem per Kriechsprossen (Rhizome) unterhalb der Erde ausbreite. Bei der Herkulesstaude (Riesenbärenklau) hingegen sei die Behandlung zwar mühevoll, aber möglich.

Genau andersherum waren die Ergebnisse jedoch im Osnabrücker Land in Kooperation mit Stadiko. Die Gebietsmanagerin der Kooperation Artland/Hase (Geopark "Terra.Vita"), Kristina Behlert, dokumentierte bei der Herkulesstaude, dass die Methode "weniger geeignet" war. Im Versuch mit einem kleinen Vorkommen des Japanischen Staudenknöterichs habe sich aber gezeigt, dass die Behandlung mit dem Heißwasserdampf anschlug.

"Wie immer bei der Bekämpfung von invasiven Neophyten und der Wahl der Methode müssen also die ökonomischen und ökologischen Kosten und Nutzen für den jeweiligen Standort fachgerecht abgewogen werden.“Kristina Behlert, Gebietsmanagerin Artland/Hase

Behlert verweist aber zudem darauf, dass bei der Methode neben der Pflanze auch Bodenlebewesen durch die Hitze abgetötet würden. Bei der Bekämpfung von Neophyten und der Wahl der Methode "müssen also die ökonomischen und ökologischen Kosten und Nutzen für den jeweiligen Standort fachgerecht abgewogen werden", sagt sie.

Pro-Natura-Chef Heitmann plädiert derweil dafür, dass Kommunen mit Heißwasserdampf den Kampf gegen Neophyten aufnehmen sollten. Eine Woche nach dem Versuch in der Grube zeigt sich jedenfalls, dass die behandelten Exemplare des Knöterichs verdorrt sind.

Foto: Tzimurtas
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