Von Ernst H., Albert O. und ihrer großen Gemeinsamkeit
Gästebuch: Beide verbrachten entscheidende Lebensjahre in Cloppenburg, wobei es nicht nur das ist, was sie vereint.
Otto Höffmann | 21.12.2024
Gästebuch: Beide verbrachten entscheidende Lebensjahre in Cloppenburg, wobei es nicht nur das ist, was sie vereint.
Otto Höffmann | 21.12.2024

Der Albert und der Ernst haben sich nie kenngelernt. Das ist auch nicht verwunderlich. Die beiden Jungs lebten nämlich in zwei völlig verschiedenen persönlichen Welten und waren dennoch Opfer ein und desselben Regimes. Der Ernst war eigentlich Elsässer. Anton war Cloppenburger. Ernst verschlug es nach Cloppenburg. Und weil er ein schlaues Kerlchen war, besuchte er das Clemens-August Gymnasium, das damals noch Staatliches Realgymnasium hieß und büffelte Latein, Mathe und Deutsch. Im März 1927 – gerade mal 18 Jahre alt geworden – bestand er mit Bravour das Abitur: Der kleine Ernst, aus ihm war Henn, der Jahrgangsbeste geworden. Albert O. wuchs in Cloppenburg auf. Er war nicht so schlau wie Ernst Henn. Um nicht zu sagen, Albert war etwas zurückgeblieben. „Mit üm wass dat nich so as't wään mott“, sagten die Leute und meinten das durchaus liebevoll. Denn Albert war ein liebenswertes Kerlchen. Bei der Vergabe der Talente war er etwas zu kurz gekommen. Er tat niemandem etwas zuleide, war freundlich zu jedermann und lachte viel. Alle mochten ihn. Sein Ort wie Hort war die Familie. Sonst gab es nur Wehnen. Wehnen, ein Ortsteil von Bad Zwischenahn. Aber nicht nur das. „Sie gaben das Wertvollste, was sie hatten: ihr Leben. Sie waren unschuldig und des Andenkens wert.“ Die Mehrheit unserer Vorfahren hatte aber mittlerweile Hitler zum Kanzler gewählt. Nun waren Menschenverächter an der Macht. Ernst Henn war Kaplan geworden. Er las die Messe in der St.-Josef-Kirche, seiner Kirche und predigte dort regelmäßig. Auch in Cloppenburg hatten willfährige Nazibewunderer und treue Gefolgsleute die Synagoge ihrer jüdischen Mitbürger nahe der katholischen Kirche in Schutt und Asche gelegt. Gierige Cloppenburger bereicherten sich schamlos an zurückgelassenem Eigentum von KZ-Eingekehrten. Ernst Henn war Priester, war Mensch und war leidenschaftlich. Er hatte das Gefühl für Recht und Gerechtigkeit, für Gut und Böse, für richtig oder falsch wie viele andere nicht verloren. Am 27. November 1938 prangerte er von der Cloppenburger Kanzel die Ereignisse in der Pogromnacht wenige Tage zuvor an. „Raub ist Raub“, wetterte er, „Brandstiftung ist Brandstiftung“. Ob Nazis oder andere. Von Stund’ an galt er für die Nazis als „gefährlichster Geistlicher“ Cloppenburgs, der ausgeschaltet werden muss. In Deutschland war mittlerweile seit 1934 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft, von den gewählten Volksvertretern im Reichstag beschlossen. Das betraf auch Albert O. Für sogenanntes unwertes Leben arbeiteten Mediziner und Juristen Hand in Hand. Dem Amtsgericht Cloppenburg war die Abteilung „Erbgesundheitsgericht“ angegliedert. Ähnlich wie das Vormundschaftsgericht oder das Familiengericht. Dort legalisierten die Juristen das Sterilisationsverfahren. Ordnungsverpflichtet mit Stempel und Paragraphen-Zitat. Hauptsache, die Fundstelle stimmt. Auf schlecht Deutsch: Albert O. wurde unfruchtbar gemacht. Der Richter am Cloppenburger Amtsgericht unterschrieb: Albert O.'s Leben sei wertlos. In Wehnen vollstreckten Krankenhausärzte den Beschluss. Albert O.'s Todesurteil. Ernst Henn war den Nazis ausgeliefert. Es begann eine Zerstörung auf Zeit durch Drangsalierung und Demütigung. Ernst Henn ertrug es. Im April 1945 gab er sein Leben bei der Befreiung der Stadt Löningen von den Nazis. Der Albert und der Ernst haben sich nie kennengelernt. Sie waren beide Cloppenburger und beide Opfer einer unmenschlichen Zwangsherrschaft. Sie gaben das Wertvollste, was sie hatten: ihr Leben. Sie waren unschuldig und des Andenkens wert.
Es war der Ort der Irrenanstalt, wie das Haus damals hieß. Wehnen, das war Schreckgespenst, Synonym für Irre, Entladestation für Verrückte und Experimentierszene für verbrecherische Mediziner. Eines war klar: Dort kommt Albert nicht hin. Er wird zu Haus versorgt. Für die Familie keine Frage. Zur Person
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