Von Citratzyklus, Chanukka und Chronometern
Kolumne: Was soll man bloß machen, wenn die Gegenwart alles in ihrer Macht Stehende tut, um die Mär vom „Früher war das anders“ zu bestätigen?
Heiner Stix | 18.02.2026
Kolumne: Was soll man bloß machen, wenn die Gegenwart alles in ihrer Macht Stehende tut, um die Mär vom „Früher war das anders“ zu bestätigen?
Heiner Stix | 18.02.2026

Man lernt in der Schule ja so allerhand. Und vermutlich ist sogar öfter, als man denkt, auch was mit Gegenwartsbezug und Alltagstauglichkeit darunter. Gut, beim Zitronensäurezyklus, der heute Citratzyklus heißt und nach wie vor ein wichtiger Schritt beim Glykoseabbau in den Zellen ist, hat das mein Biolehrer Ende der 1970er Jahre nicht wirklich transportieren können. Aber es sei ihm verziehen. Heute jedenfalls legt man großen Wert darauf, im Unterricht Verbindungen zum aktuellen Geschehen und zum Leben der Schülerinnen und Schüler herzustellen. Ende des vergangenen Jahres hat eine befreundete Lehrerin an einer weiterführenden Schule deshalb versucht, im Religionsunterricht beim Thema Chanukka, dem jüdischen Lichterfest, die Brücke zur Gegenwart und zur religiösen Toleranz zu schlagen. Chanukka, so ihr Hinweis an die Schülerinnen und Schüler, wäre ja gerade eben erst in den Schlagzeilen gewesen. Das sei ja sicher bekannt. „Niemand hatte irgendwas davon mitbekommen. Die Timelines in den Social-Media-Accounts der Jugend hatten das Thema, das tagelang die Schlagzeilen dominierte, schlicht ignoriert.“ Ihre Hoffnung, darauf zumindest die Schlagworte „Australien“ und „Attentat“ als Antwort zu bekommen, musste sie indes schnell begraben. Mit „leere Gesichter“ und „verständnislose Blicke“ beschreibt sie die Reaktion der Klasse. Niemand hatte irgendwas davon mitbekommen. Die Timelines in den Social-Media-Accounts der Jugend hatten das Thema, das tagelang die Schlagzeilen dominierte, schlicht ignoriert. Die darob eintretende Ernüchterung wurde etwas später und in einer anderen Klasse getoppt, als eine Schülerin zur Toilette wollte. Dagegen ist kaum etwas zu sagen, man muss sich vor dem Besuch des stillen Örtchens halt nur mit Namen und Uhrzeit in eine im Klassenzimmer ausliegende Liste eintragen. Und so stand die Schülerin längere Zeit ratlos vor der Liste, den Blick immer wieder auf das nicht eingeschaltete Smartboard gerichtet. Den Hinweis der Lehrerin, sie könne die Uhrzeit ja auch von der Wanduhr ablesen, quittierte die Schülerin mit dem geflüsterten Hinweis, dass sie diese Uhr nicht lesen könne. Statt Zahlen sind darauf nämlich zwei Zeiger und zwölf Ziffern zu sehen. Für Kinder und Jugendliche im Jahr 2026 offensichtlich ein Mysterium. Vielleicht war das eine oder andere früher doch besser oder zumindest anders. Deshalb soll mal wieder der gute alte Bertold Brecht das Schlusswort haben: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“Zur Person:
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