Uni setzt Kampf gegen resistente Keime fort
Dritte Fachtagung an der Hochschule. Verbesserungen in der Tierhaltung haben zu weniger Antibiotika geführt. Veterinär- und Humanmediziner sind gleichermaßen gefordert.
Giorgio Tzimurtas | 03.03.2020
Dritte Fachtagung an der Hochschule. Verbesserungen in der Tierhaltung haben zu weniger Antibiotika geführt. Veterinär- und Humanmediziner sind gleichermaßen gefordert.
Giorgio Tzimurtas | 03.03.2020

Diskussion um Strategien: (von links) Professor Dr. Thomas Blaha, Dr. Barbara Grabkowsky, Professorin Dr. Isabel Hennig-Pauka, Dr. Harald Kuhn, Dr. Sabine Kurlbaum, Dr. Thorsten Arnold und Dr. Johannes Wilking. Foto: Tzimurtas
Die Erfolgsformel klingt denkbar einfach: Je gesünder die Tiere im Stall sind, desto weniger Medikamente sind notwendig. Und so haben verbesserte Haltungsbedingungen im Laufe der vergangenen Jahre für einen Rückgang des Einsatzes von Antibiotika in der Landwirtschaft geführt, wie Fachleute gestern bei einem Pressegespräch in der Universität Vechta darlegten. Wurden 2011 noch 1706 Tonnen Antibiotika von Pharmaunternehmen an Tierärzte abgegeben, so waren es 2018 insgesamt 722 Tonnen. Die Reduktion betrage „mehr als 50 Prozent“, stellte Dr. Sabine Kurlbaum vom Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) heraus. Auch mit Blick auf die dem Laves vorliegenden Kennzahlen sagte sie: „Die Behandlungszahl geht zurück.“ Kurlbaum gehört zu den sieben Experten, die einen Vorgeschmack auf die Fachtagung „Antibiotikaresistenzen in der Landwirtschaft und in der Humanmedizin“ gegeben haben. Die dritte Auflage des Symposiums ist für den 11. März (Mittwoch) an der Universität Vechta angesetzt. Kooperationspartner ist der Verbund Transformationsforschung Agrar Niedersachsen. Erwartet werden mehr als 100 Teilnehmer. Es sei wichtig, dass die Veranstaltung zu einer Reihe gemacht worden sei, sagte Professor Dr. Thomas Blaha aus Bakum. Denn: Das Problem der Resistenzen von Bakterien gegen Antibiotika, das sei „ein Dauerproblem“, betonte der Vorsitzende der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz. Resistenzen: Der Begriff steht für die Unempflindlichkeit, die Bakterien gegen Antibiotika entwickelt haben. Heißt: Die Wirkstoffe versagen dann. Und es gibt noch eine Gefahr: Bakterien, denen Antibiotika nichts anhaben können, geben ihr Erbgut an andere Bakterien weiter, es kommt zu Mutationen. Die Ursache: Antibiotika wurden über viele Jahre zu häufig sowie nicht ordnungsgemäß angewendet, in der Tier- und in der Humanmedizin. Die Bakterien haben sich angepasst. Blaha, emeritierter Professor der Tierärztlichen Hochschule Hannover (Tiho), beschreibt die Dramatik der Situation mit Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Ändere sich an der Resistenzsituation nichts, bedeute dies, dass von 2050 an zehn Millionen Menschen pro Jahr an Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen sterben. Aktuell sind es in der EU mehr als 33000, weltweit 700000, wie Dr. Barbara Grabkowsky, Geschäftsführerin des Verbundes zur Transformationsforschung, ergänzte. Um Lösungen zu finden, soll die Fachtagung an der Uni Vechta einen Beitrag leisten. Der Blick richtet sich auf den Einsatz von Antibiotika in der Veterinär- und in der Humanmedizin. Die Botschaft sei, dass es mehr „interdisziplinäre Zusammenarbeit“ geben müsse, sagte Blaha. Er stellte die Bedeutung des ganzheitlichen Ansatzes (One- Health-Konzept) heraus. Dieser beinhalte auch die ökologische Komponente, sagte Blaha mit Blick auf Antibiotikarückstände in Oberflächengewässern. Blaha und die anderen Experten forderten einen umsichtigen Umgang mit Antibiotika – in Krankenhäusern, von Hausärzten und in der Tierhaltung. Weiteres Potenzial in der Landwirtschaft, um die Tiergesundheit zu verbessern, gebe es bei der Lüftungstechnik im Stall, sagte der Geflügelexperte Dr. Thorsten Arnold vom Bundesverband praktizierender Tierärzte. Umbaugenehmigungen seien für Landwirte aber schwer zu bekommen. Professorin Dr. Isabel Hennig- Pauka, Leiterin der Tiho-Außenstelle Bakum, betonte mit Blick auf die Schweinehaltung auch die Bedeutung von Hygienemaßnahmen im Stall (Biosicherheit). Ebenso könnten Ergänzungsfuttermittel helfen, die Tiergesundheit zu fördern. Sie sagte aber auch: Untersuchungen der Tiho zum Bakterium „Escherichia coli“ hätten gezeigt: Es gibt Resistenzen, die sich halten. Der Kreislandvolkvorsitzende Dr. Johannes Wilking verwies darauf, dass auch in der Zucht mehr gesundheitliche Stabilität erreicht werden könne. Und Dr. Harald Kuhn, Leitender Arzt für spezielle Orthopädie am Lohner St.-Franziskus-Hospital, hob die vorbeugende Bedeutung des „Screenings“ hervor – also von Abstrichen, die an Personen vorgenommen werden. Damit soll erkannt werden, ob jemand von resistenten Keimen besiedelt ist. Ist das der Fall, werde eine Operation verschoben. Info: Das Symposium findet am 11. März von 9.15 bis 17 Uhr im Hörsaal Q 015 der Uni Vechta statt. Anmeldung unter: agrifood.uni-vechta. de/tagungen/one-health/ Von Giorgio Tzimurtas Trotz der deutlichen Absenkung des Antibiotika-Einsatzes in der Landwirtschaft gilt: Es gibt noch viel zu tun. Da ein totaler Verzicht nicht möglich ist, weil kranke Tiere behandelt werden müssen, ist es nun wichtig, bei den vielen sogenannten kleineren Stellschrauben zur Verbesserung der Gesundheit von Geflügel und Schweinen anzusetzen. In der Humanmedizin wiederum sind Ärzte und Patienten gemeinsam gefordert, am Abbau der Resistenzen von Keimen mitzuwirken. Antibiotika sollten mit Bedacht verschrieben werden. Und Kranke sollten nicht auf Antibiotika beharren, wenn der Arzt sie für verzichtbar hält. Es ist noch viel Aufklärung nötig. Es muss eine massive Kampagne geben – bundesweit.Kommentar: Kampagne
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