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Und plötzlich steht ein Serienmörder in meinem Familien-Stammbaum

Kolumne: Wie mich meine Ahnenforschung zur „Seifen-Lene“ und ihrer Hochzeit 1945 führte: Mein Großonkel ist „der Schwager des Mörders“. Klingt wie Edgar Wallace. Ist aber Realität.

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Ahnenforschung? Das klingt nach einsamer Arbeit zwischen verstaubten Akten, finden Sie? Nun. Vielleicht ist nicht jede Familiengeschichte spannend. Sie kann es aus heiterem Himmel aber werden.

Alles beginnt mit einer WhatsApp meiner Tante. Die Schwägerin meines Großonkels, Helene, hatte früher eine Drogerie in Gütersloh. Man nannte sie die „Seifen-Lene“. „Die war mal mit einem Serienmörder liiert“, schreibt mir meine Tante – und prompt ist mein Wochenende gefüllt mit Recherchen über einen Mann, den sie in meiner Heimat den „weißen Tod“ nannten. Mir ist die Geschichte völlig neu.

Hermann Schmidtkunz macht sich Chaos unmittelbar nach der Kapitulation 1945 zu nutze. Von den Alliierten frisch aus dem Gefangenenlager Esterwegen entlassen, landet er zufällig in Gütersloh. Vom Hunger getrieben, fragt er auf einem Bauernhof nach Essen. Drei Frauen trifft er dort an. Die Männer sind alle noch im Kriegseinsatz oder in Gefangenschaft. Vielleicht sind die Frauen froh über den männlichen Beistand auf dem Hof, vielleicht ist es auch wirklich Liebe auf den ersten Blick – long story short: Die „Seifen-Lene“ heiratet den nahezu unbekannten Besucher bereits 6 Wochen nach seiner Ankunft.

„In weißer Fantasie-Uniform mit Stadtwappen zieht er fortan durch den Ort, nimmt willkürlich Menschen fest. Die Gütersloher nennen ihn bald den „weißen Tod“."

Der bietet sich dem Bürgermeister als „Informant“ an, um „Nazi-Seilschaften“ zu enttarnen. Das Stadtoberhaupt stattet Hermann Schmidtkunz mit entsprechenden Papieren aus. In weißer Fantasie-Uniform mit Stadtwappen zieht er fortan durch den Ort, nimmt willkürlich Menschen fest und beschlagnahmt deren Hab und Gut, unter anderem eine weiße Limousine. Die Gütersloher nennen ihn bald den „weißen Tod“, auch, weil die Menschen, die er festnimmt, teilweise monatelang in „Umerziehungslagern“ verschwinden.

Dem Bürgermeister indes wird langsam mulmig. Als er hört, dass Schmidtkunz in Esterwegen vier Mithäftlinge erschossen haben soll, entzieht er ihm nach wenigen Monaten seinen Posten und die Geschichte des „weißen Todes“ endet. Allerdings nur in Gütersloh. Anderswo gerät er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt – die Ehe mit der „Seifen-Lene“ ist da längst geschieden. Seine schlimmsten Taten begeht er 1976. Er bringt zwei junge Männer bestialisch um. Weitere Morde können durch seine Festnahme verhindert werden. Schmidtkunz nimmt sich im Gefängnis das Leben.

Ich bin mir sicher, dass meine Verwandten die Berichterstattung über ihn weiterverfolgt haben. Was muss das für ein Gefühl sein, mit einem Mörder verheiratet gewesen zu sein oder einträchtig Familienfeste mit ihm gefeiert zu haben? Mein Großonkel – der Schwager des Mörders. Klingt wie Edgar Wallace. Wer mehr über den „weißen Tod“ erfahren will, dem sei übrigens der Podcast „Verbrechen von nebenan“ empfohlen. Der widmet Hermann Schmidtkunz eine komplette Folge.


Zur Person:

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