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Teilschließung des Kreißsaales: Das sagt die Hebammen-Kreisvorsitzende

Regina Peters-Trippner fordert entscheidende Veränderungen für das Berufsbild. Die Politik müsse endlich handeln und bessere Voraussetzungen schaffen.

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Weiter im Fokus: Das Cloppenburger Krankenhaus mit der Geburtenstation. Foto: Hermes

Weiter im Fokus: Das Cloppenburger Krankenhaus mit der Geburtenstation. Foto: Hermes

Als ein „Desaster“ beschreibt Regina Peters-Trippner die Teilschließung des Kreißsaales im St.-Josefs-Hospital. Nach Angaben der Vorsitzenden der Hebammen im Landkreis Cloppenburg sei dies mit der dünnen Personaldecke momentan aber auch die einzige Möglichkeit, überhaupt ein geburtshilfliches Angebot in der Kreisstadt aufrechtzuerhalten.

„Schwangere verunsichert es stark, keinen planbaren bekannten Geburtsort zu haben“, erklärt Peters-Trippner dazu. Der Unterschied zwischen der Geburtshilfe und allen anderen Behandlungen im Krankenhaus liege darin, dass die Frau selbst die Arbeit der Geburt erledige und durch Hebamme und Arzt dabei unterstützt wird. „Dafür braucht sie ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit“, sagt die freiberufliche Hebamme.

Eine verängstigte und verunsicherte Frau könne sich kaum auf ihre Geburtsarbeit einlassen: „Pathologische Verläufe und Interventionen sind vorprogrammiert. Das Recht auf eine selbstbestimmte Geburt ist ausgehebelt.“ Steigende Zahlen von Kaiserschnitten seien schon jetzt erkennbar.

Kreisvorsitzende der Hebammen: Regina Peters-Trippner. Foto: WimbergKreisvorsitzende der Hebammen: Regina Peters-Trippner. Foto: Wimberg

In einem Kreißsaal ohne pädiatrische Abteilung müsse eine natürliche, familienorientierte und babyfreundliche Geburtshilfe durch Hebammen geleitet werden. Zudem müsse die fachärztliche Versorgung durch Gynäkologen und ein OP-Team jederzeit verfügbar sein, falls Unregelmäßigkeiten auftreten. „Hebammen und Gynäkologen müssen im interdisziplinären Team zusammenarbeiten. Diese Art der Geburtshilfe entspricht dem Beruf der Hebamme“, sagt Peters-Trippner.

Hebammen würden mit den Gebärenden in Beziehungsarbeit gehen, dies müsse für jede Geburt möglich sein. Die Teilschließung sorge nun für überfüllte Kreißsäle in umliegenden Kliniken. Bis Oktober 2021 seien im vergangenen Jahr in Friesoythe (jetzt geschlossen) und Cloppenburg rund 1200 Babys geboren worden.

Eigene Stellenbeschreibung und -bewertung für angestellte Hebammen

Peters-Trippner fordert derweil eine eigene Stellenbeschreibung und Stellenbewertung für angestellte Hebammen. Dazu zählen unter anderem eigenverantwortliche Tätigkeiten bei gesunden Frauen mit selbstständiger Diagnosestellung und Therapieeinleitung. Die Realität sehe jedoch anders aus. Interventionsarme Geburtshilfe für gesunde Schwangere sei in den Kliniken kaum mehr vorhanden: „Geburtsmedizin ist der Alltag.“ Auch das Gehalt einer Kreißsaal-Hebamme könne nicht der Pflege gleichgestellt werden.

Dabei müsse der Stellenschlüssel im Kreißsaal eine 1:1-Betreuung für Frauen mit regelmäßigen Geburtswehen gewährleistet sein. „Eine Gebärende in den letzten 2 bis 4 Stunden der Geburt allein im Raum zu lassen, ist nicht nur unverantwortlich für die Hebamme, sie widerspricht deutlich ihrer Berufsethik. Diese Art von Arbeitsalltag der Hebammen ist für Schwangere und für Ungeborene traumatisierend und lebensgefährlich“, sagt Peters-Trippner.

„Momentan muss sich die freiberufliche Hebamme für oder gegen die Geburtshilfe entscheiden“Regina Peters-Trippner

Unterdessen könne Geburtshilfe nicht wirtschaftlich arbeiten, da sie zum großen Teil Sozialmedizin sei. Die Politik müsse Voraussetzungen schaffen, damit die Kliniken die Vorhaltekosten für das Personal im Kreißsaal refinanziert bekommen. Ein großes Thema sei auch die Versicherung. „Momentan muss sich die freiberufliche Hebamme für oder gegen die Geburtshilfe entscheiden“, erklärt Peters-Trippner. Die Haftpflichtversicherung mit geburtshilflicher Tätigkeit koste zurzeit  rund 12.000 Euro pro Jahr – mit steigender Tendenz.

Hätten alle freiberuflichen Hebammen die Möglichkeit, bezahlbar versichert zu sein, könnten sie laut Peters-Trippner den langen Weg in die Klinik auffangen und begleiten. „Es könnte ein Mischsystem von angestellten und freiberuflichen Hebammen im Kreißsaal arbeiten“, ergänzt sie. In den Niederlanden gebe es eine wohnortnahe klinische und häusliche Geburtshilfe für gesunde Schwangere und eine physiologische Geburt. So könnten alle Hebammen ihren Kerntätigkeiten nachgehen, Kliniken entlasten und Schwangere wohnortnah und selbstbestimmt bei der Geburt unterstützen.

Geburtshilfe beginne bereits in der Schwangerschaft

Geburtshilfe beginne bereits in der Schwangerschaft. Es sei entscheidend, risikoarme und risikoreiche Schwangere zu erkennen und zu begleiten, zu sortieren und ihren Bedürfnissen entsprechend zu versorgen. Durch das neue Krankenhausgesetz, das die Geburtshilfe als Spezialabteilung sehe und Wegstrecken von 45 Minuten für Gebärende toleriere, seien die Bedürfnisse der Frau und die selbstbestimmte Geburt hingegen ausgehebelt.

Geburtshilfe sei eine Akut- und Notfallversorgung, die in die medizinische Grundversorgung jeder Kommune gehöre. „Eine Schwangere und Gebärende muss in 20 Minuten durch eine Hebamme Hilfeleistung bekommen können.“ Dies sei ihre persönliche Einschätzung nach 25 Jahren Berufserfahrung. „Die momentane Art der Geburtskultur bremst Hebammen systematisch aus und treibt sie aus dem Kreißsaal“, so die Kreisvorsitzende abschließend.

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