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"Tante-Emma-Laden" ist nach 70 Jahren Geschichte

Das Lebensmittelgeschäft Kohl in Lastrup schließt am Samstag die Pforten. Manuela Kohl hatte den Laden gemeinsam mit ihren Eltern geführt.

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Die Regale werden leerer: Heute wird Manuela Kohl ihren Tante-Emma-Laden in Lastrup endgültig schließen. Foto: Landwehr

Die Regale werden leerer: Heute wird Manuela Kohl ihren Tante-Emma-Laden in Lastrup endgültig schließen. Foto: Landwehr

Wehmut kommt auf, wenn Manuela Kohl berichtet, dass sie am heutigen Samstag zu Geschäftsende den Schlüssel umdrehen wird und den kleinen Laden, den die Familie Kohl 70 Jahre betrieben hat, für immer schließt. Nachdem Vater Heinz Kohl am 11. Januar im Alter von 90 Jahren an den Folgen einer Corona-Erkrankung gestorben ist, sieht sich Tochter Manuela nicht mehr in der Lage, das Geschäft weiterzuführen. "Hier ist zwar mein Elternhaus. Aber ich wohne nicht hier. Allein kann ich es auch deshalb nicht schaffen", erzählt die 49-Jährige, die 34 Jahre zusammen mit den Eltern – Mutter Hedwig starb 2013 – dieses Ladengeschäft geführt hat.

Bevor die Supermärkte in Lastrup Einzug hielten, gab es in der Gemeinde annähernd 15 Lebensmittelläden. Am heutigen Tag schließt mit dem Geschäft Kohl der drittletzte Lastruper Tante-Emma- Laden. Lediglich Hans-Joachim Willen in Hemmelte und Heinz Bokern in Kneheim halten ihre Betriebe noch für einige Stunden am Tag geöffnet. Die Lebensmittel-Nahversorgung in der Gemeinde findet damit fast nur noch durch Supermärkte und Discounter statt.

Früher gab es in der Gemeinde Lastrup 15 Lebensmittelläden

Dabei kam Heinz Kohl eher zufällig 1951 zu "seinem" Laden. Denn Vater Heinrich   führte eine Schneiderei. Zudem beherbergten Kohls in ihrem Haus vor dem Krieg Wandergesellen und Durchreisende und bis 1948, bis zur Währungsreform Hamsterer und fliegende Händler in ihrer "Herberge". Um 1950 drohte Heinrich Kohl zu erblinden und konnte den Beruf des Schneiders nicht mehr ausüben. Nachbar Thole, der seinen Lebensmittelladen aufgeben wollte, bot ihm an, Ladeneinrichtung und Waren zu übernehmen. Heinrich Kohl sah hier eine Chance, zumal Sohn Heinz in Barßel gerade eine Ausbildung zum Lebensmittelkaufmann absolvierte.

Die Jalousien gehen runter: Der Kolonialwarenladen von Heinz Kohl gehört in Zukunft der Vergangenheit an. Foto: LandwehrDie Jalousien gehen runter: Der Kolonialwarenladen von Heinz Kohl gehört in Zukunft der Vergangenheit an. Foto: Landwehr

Schon bald kam Heinz Kohl die Idee, die Menschen in den Bauerschaften zu beliefern. Ein Pferd und ein Verkaufswagen wurden angeschafft. Fast täglich zog Heinz Kohl auf seinen festen Touren über Oldendorf, Hammel, Klein und Groß Roscharden, Matrum, Schnelten oder Hammesdamm zu den Kunden, lieferte Lebensmittel und nahm auch Eier als Zahlungsmittel an. Nach 8 Jahren mochte und konnte Pferd Bruno die Wege nicht mehr schaffen. Heinz Kohl kaufte sich einen motorisierten Verkaufswagen, während Ehefrau Hedwig die Kunden im Ladengeschäft an der Wallstraße bediente. 61 Jahre – bis 2012 – belieferte Heinz Kohl seine Kunden, die aber in den letzten Jahren nicht zahlreicher wurden. Wichtig war ihm allerdings dabei auch der Plausch mit Menschen. "'Bild' weiß viel, Heinz Kohl weiß mehr", titelte die Münsterländische Tageszeitung 2012.

Die Faustballer spielten bei Kohls stets ihre "dritte Halbzeit"

In der kleinen Gaststätte fand sonntags ein Frühschoppen statt, hier spielten die Faustballer bis zu den Corona-Einschränkungen die dritte Halbzeit und hier war bis zum Schluss das Zuglokal der Lastruper Schützen. "Die Faustballer haben ihre Pokale bereits abgeholt", erzählt Manuela Kohl. Auch für die dürfte es schwer sein, in Lastrup ein entsprechendes Vereinslokal wiederzufinden. Im Laden nebenan spezialisierten sich die Kohls auf regionale Produkte. So boten sie Tomaten und Kartoffeln aus Suhle, Eier aus Molbergen, Käse aus Schnelten und den "Lastruper" und die "Lastruperin", einen Schnaps und einen Kräuterlikör mit dem Lastruper Wappen, Brötchen einer Lastruper Bäckerei oder handgefertigte Neujahrskuchen aus Lastrup. Diesen Regionalmarkt ergänzte die Familie um ein vielfältiges Angebot gekühlter Getränke. Auch einen speziellen Kühlwagen konnte man an den der Wallstraße mieten.

Eine besondere Würdigung erfuhr Heinz Kohl noch Ende 2020 durch den Heimatverein Lastrup. Als Verkaufsstelle der Heimatzeitung sorgten Heinz und Manuela Kohl dafür, dass dieses Angebot des Heimatvereins regen Absatz im Ort fand. Lastrup wird ohne den Kohl'schen Laden ärmer sein. Ein Stück Heimatgeschichte, aber auch ein Stück Originalität wird verschwunden sein. Das Haus wird in jedem Fall verkauft oder vermietet. Was in Zukunft dort an der Wallstraße aber geschieht, kann Manuela Kohl noch nicht sagen. Dass sie heute Abend ein paar Tränen vergießen wird, ist allerdings sicher.

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