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Segen für Homosexuelle: Warum das "Nein" des Vatikans nicht das letzte Wort ist

Das Schreiben aus Rom hat in Deutschland für Irritation gesorgt. Auch einige Geistliche aus dem Oldenburger Münsterland äußern sich kritisch. Doch noch ist nicht aller Tage Abend, glaubt mancher.

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Im Zeichen des Regenbogens: Nicht nur - wie hier -  in Köln, auch in vielen sozialen Netzwerken werden zur Zeit Regenbogen-Profilbilder von dem Text "Love is no sin" – "Liebe ist keine Sünde" ergänzt. Foto: dpa

Im Zeichen des Regenbogens: Nicht nur - wie hier -  in Köln, auch in vielen sozialen Netzwerken werden zur Zeit Regenbogen-Profilbilder von dem Text "Love is no sin" – "Liebe ist keine Sünde" ergänzt. Foto: dpa

Für Maik Ahlers aus Visbek ist das Maß voll. Er will aus der katholischen Kirche austreten. Der Grund: Die Bekräftigung des Verbotes von Segensfeiern für schwule und lesbische Paare durch den Vatikan. Am  Montag vergangener Woche hatte die Glaubenskongregation in Rom ein entsprechendes Schreiben veröffentlicht. Dem 25-jährigen Ahlers "stößt das sauer auf". Er sagt: "Wir fühlen uns ausgegrenzt." Wir: Damit meint Ahlers Menschen wie ihn, die schwul oder lesbisch sind. 

Offiziell sind Segensfeiern zwar zunächst vom Tisch. Doch die Debatte, wie die Kirche mit gleichgeschlechtlicher Liebe umgeht – und ob Segensfeiern für schwule und lesbische Paare doch irgendwann möglich sein werden, ist nicht zu Ende. Das zeigen auch Reaktionen von südoldenburgischen Seelsorgern. 

Bischof Heinrich Timmerevers findet das Dokument "enttäuschend"

Zum Beispiel Heinrich Timmerevers. Bevor er 2016 Bischof von Dresden-Meißen wurde, stand er 15 Jahre lang als Weihbischof dem Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta vor. Das Schreiben aus Rom finde er "enttäuschend", teilte der gebürtige Nikolausdorfer mit. Er sagte, das Schreiben gebe nur "die augenblickliche katholische Lehre wieder". Er erhoffe sich "eine Fortschreibung und Neupositionierung". Der Südoldenburger glaubt, dass "das Thema der Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren (...) noch nicht beendet" sei. 

Von Offizial und Weihbischof Wilfried Theising und von Bischof Dr. Felix Genn war keine Stellungnahme zu bekommen. Sie sind in Exerzitien, teilten die Kirchenbehörden in Vechta und Münster mit. 

Sprachlos blieb die Münsteraner Kirchenverwaltung gleichwohl nicht. Angesprochen auf ein Statement der Seelsorger aus Bocholt teilte die Pressestelle des Bistums kurz und prägnant mit: Generalvikar Dr. Klaus Winterkamp, immerhin der Vertreter von Bischof Genn, "teilt die Stellungnahme des Pastoralteams aus Bocholt".

Was hatte das Pastoralteam der Stadt an der niederländischen Grenze gesagt? In einem von ihnen veröffentlichten Text mit der Überschrift "Widerspruch" hatten die Seelsorger geschrieben: "Es ist nicht zu verstehen und empörend, dass die Verlautbarung (des Vatikans, Anm. d. Red.) weder Erkenntnisse der Bibelwissenschaft noch die der Humanwissenschaften ernst nimmt." Und: "Es geht nicht, dass in apodiktischer Weise ernsthafte Überlegungen und Gespräche, an denen auch Bischöfe beteiligt sind, abgewürgt werden. Wir sind uns einig, dass diese Verlautbarung das Ansehen der Kirche wieder massiv beschädigt." Auch von "menschenverachtenden Aussagen" des Vatikans sprachen die Bocholter. 

Das Kolpingwerk widerspricht dem Vatikan

Zu den vielen Vertretern katholischer Verbände, die sich bestürzt über die römische Intervention zeigten, gehört auch das Kolpingwerk Land Oldenburg mit Sitz in Vechta. Man lehne die Position des Vatikans ab, heißt es. Und: "Wir setzen uns dafür ein, die vielfältige Segenspraxis in unserer Kirche nicht zu begrenzen". 

Segenspraxis – das Wort deutet darauf hin, dass Theorie und Praxis in der katholischen Kirche manchmal enger, manchmal aber auch weiter auseinander liegen.

Das machen auch die Worte von Pater Christian Flake OP deutlich. Der Dominikaner lebt im Füchteler Konvent und ist stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums Kolleg St. Thomas in Vechta.

Er sagt deutlich: "Ich würde niemanden abweisen", wenn ein homosexuelles Paar um den Segen bitten würde. Damit weiß Flake sich mit mehr als 1000 Seelsorgern in Deutschland verbunden, die dieser Tage ein ähnliches Statement in den Sozialen Medien abgesetzt haben. Viele Regenbogen-Profilbilder werden seither von dem Text "Love is no sin" – "Liebe ist keine Sünde" ergänzt.

Flake hadert stark mit dem Dokument der Glaubenskongregation. Er sei "enttäuscht", gerade auch, weil viele sich nach "ermutigenden Signalen aus Rom ein Umdenken erhofft hatten", sagt er. Der Dominikaner glaubt: Die Kirche dürfe Menschen, "die einander lieben, nicht den Segen verwehren".

"Die Weitergabe des Evangeliums leidet"Pater Christian Flake OP

Und er wird deutlicher: Wissenschaftliche Erkenntnisse würden vom Vatikan nicht berücksichtigt, sagt Flake. Darin stimmt er mit einem großen Teil der theologisch versierten Kritiker des jüngsten Beschlusses überein. Der Priester glaubt auch: Die Kirche habe sich in vielen moralischen Fragen "so desavouiert", dass der "Blick ins Schlafzimmer sie nichts angeht". Besser sei es, die Kirche würde in diesen Fragen "demütig schweigen".

Flake ärgert sich besonders, dass hier ein Konflikt "auf dem Rücken von Menschen ausgetragen" werde – und darüber, dass "solche Sachen" den Seelsorgern vor Ort "in die Quere" kämen, obwohl diese "nichts dafür können". Die Konsequenz: "Die Weitergabe des Evangeliums leidet", glaubt der Dominikaner. 

Dass das Schreiben aus Rom "für viele nicht einfach nachzuvollziehen ist", glaubt auch Dr. Dirk Költgen. Er ist Pfarrer und Wallfahrtsrektor in Bethen. Dem Aufschrei, der durch weite Teile der Medien ging, will Költgen sich aber nicht anschließen. 

Er betont, der Text sei mit der "Vollmacht des Lehramtes" verfasst und Papst Franziskus habe das Dokument begrüßt. Költgen sagt, er selbst würde sich an das geltende Kirchenrecht halten und eine Segensfeier für ein homosexuelles Paar nicht vornehmen. Er betont aber: Das sei keine Diskriminierung gegenüber Schwulen und Lesben, die sei laut Katechismus verboten. 

Der Monsignore will es sich nicht einfach machen. Einerseits sagt er: Es gehe aus Sicht der Kirche nicht um eine Verurteilung homosexueller Beziehungen. Aber "wir können außereheliche Verbindungen nicht anerkennen". Zugleich betont Költgen, dass er schwule oder lesbische Paare beraten würde und gemeinsam mit ihnen "nach Lösungen suchen" würde, wie "Partnerschaft gut gelebt werden kann". Manchmal gebe es halt ein Dilemma, einen nicht aufzulösenden Konflikt zwischen der "dogmatischen und der menschlichen Ebene", sagt der Priester und Biologe. 

Das geht bisher nur auf dem Standesamt, nicht in der Kirche: Ringtausch zwischen zwei Männern. Foto: ScholzDas geht bisher nur auf dem Standesamt, nicht in der Kirche: Ringtausch zwischen zwei Männern. Foto: Scholz

Das Schreiben – ein "Kommunikationsdesaster"

Und was sagt er dazu, wenn Geistliche trotzdem entsprechende Segensfeiern abhalten? Auch hier hält Költgen sich zurück, sagt aber dennoch: "Wenn ich mit Überzeugung Priester dieser Kirche bin, dann tue ich damit niemandem einen Gefallen, mich außerhalb der Rechtsordnung zu setzen".

Das geltende Recht – auch Marc Röbel kommt darauf zu sprechen. Der habilitierte Philosoph ist geistlicher Direktor der Katholischen Akademie Stapelfeld und zugleich Pfarrer in dem Dorf. Er betont, dass das römische Schreiben nur "den Status Quo festschreibt". Daher sei der Inhalt "nicht überraschend", auch wenn sich viele nach der Veröffentlichung des nachsynodalen Schreibens "Amoris Laetitia" im Jahr 2016 andere Hoffnungen gemacht hätten.

Zugleich nennt Röbel das römische Dokument ein "Kommunikationsdesaster". Dass das Schreiben während des Synodalen Weges in Deutschland veröffentlicht worden sei, sei entweder "schlechtes Timing" oder eine "bewusste Taktik, um den Prozess zu torpedieren", glaubt der Geistliche. 

Letztlich aber, gibt Röbel sich sicher, spiegele das Schreiben nur "eine Momentaufnahme wider". Die innerkirchliche Diskussion sei noch nicht vorbei. Vielmehr zeige sich in dem Schreiben deutlich, dass die Glaubenskongregation hinter manche offenere Äußerung von Papst Franziskus zurückwolle, einen restriktiveren Kurs in dem Dokument festsetze. Und zwar auch mit "dogmatischen Killersätzen" wie jenem, dass die Kirche "weder über die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts im oben gemeinten Sinne zu segnen (verfügt), noch kann sie über diese Vollmacht verfügen".

Mit solch einem Satz solle eine Tür geschlossen werden, die aber weiterhin geöffnet bleibe, zeigt sich Röbel zuversichtlich. Anders gesagt: Das Schreiben beanspruche zwar abschließende Gültigkeit, sei aber eigentlich nur ein politisches Dokument in einem innerkirchlichen Konflikt. Daher hätte er sich gewünscht, dass das Schreiben betont hätte, dass das Lehrgespräch – auch mit der Wissenschaft – noch nicht abgeschlossen sei.

"Wir brauchen ein Drittes Vatikanisches Konzil."Dr. Marc Röbel, Pfarrer 

Sein Plädoyer: Die Kirche in Deutschland müsse sich "voller Kraft" dem Synodalen Weg widmen und dabei auch homosexuelle Partnerschaften differenziert und mit der Wissenschaft diskutieren. Diese Ergebnisse müssten dann "in Rom in den Diskurs eingespeist" werden, sagt Röbel.

Aber zu welchem Zweck, wenn der Vatikan doch die Tür schon geschlossen hat? Letztlich "brauchen wir ein Drittes Vatikanisches Konzil", sagt Röbel. Dort müsse besprochen werden, wie Kirche und Glaube für Menschen im 21. Jahrhundert aussehen könnten. Eine positive Sache entdeckt Röbel dennoch an dem jüngsten Schreiben. Es mach erneut deutlich, dass "Homophobie" keine katholische Option sei. Das müsse allerdings "vielerorts" in der Kirche "noch gelernt" werden, räumt Röbel ein.

Doch wie kommt es eigentlich gerade jetzt zu dem römischen Schreiben? Klar ist, dass es nicht im luftleeren Raum entstanden ist. Vielmehr ist es die Antwort auf ein "Dubium", eine an den Vatikan gerichtete Frage.  Nämlich der, ob die Kirche die Vollmacht habe, gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu segnen.

Wer dem Vatikan wann und warum diese Frage gestellt hat, ist unklar. Das gebe die Glaubenskongregation grundsätzlich nicht bekannt, erklärte eine Sprecherin des Vatikans gegenüber unserer Redaktion. Mancher Kenner glaubt allerdings, dass innerdeutsche Gegner des Synodalen Weges an der Fragestellung und der Formulierung der Antwort beteiligt gewesen sein könnten. Belegen lassen sich diese Vermutungen nicht. Einziges deutsches Mitglied der Glaubenskongregation ist jedenfalls Rudolf Voderholzer, Bischof von Regensburg. Er gilt als dezidiert konservativ und als entschiedener Kritiker des Synodalen Weges. 

So oder so: Mit seinem Kommentar dürfte der Vatikan viele homosexuelle Menschen in der Kirche verletzt haben. Für Maik Ahlers aus Visbek ficht das zwar seinen Glauben nicht an. "Mein Verhältnis zu Gott", sagt er, sei von dem geplanten Kirchenaustritt "unberührt".  Doch heimisch kann er sich in der katholischen Kirche nicht mehr fühlen. Er will nun darüber nachdenken, zur evangelischen Kirche überzutreten. Ahlers findet: "Mein Leben ist nichts Falsches."

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