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Schnäcke fürs Leben

Das Gästebuch: Manche Redensarten bleiben hängen – als Lebensweisheiten und Erinnerung an Menschen, die gegangen sind.

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Manchmal sitze ich zu Hause da, wohin auch der Kaiser alleine geht, und schaue an die Wand. Da hängen sie, die Postkarten aus dem Buchband „Respekt“, fotografiert von Willi Rolfes, Gesichter aus dem Oldenburger Münsterland, alles Menschen über 80 Jahre, und Sätze von ihnen dazu, die immer wieder hängen bleiben.

Da ist der Spruch des 95-Jährigen: „Eine Zigarre zur Zeitung und einen Schnaps nach dem Essen – außer in der Fastenzeit.“ Oder die ältere Dame, die sagt: „Wat kummt, dat gellt.“ Ein anderer, auch schon weit über 80, winkt ab: „Aufhören? Wieso? Der Papst arbeitet doch auch noch.“ Und Willi Boning, im OM über Cloppenburg hinaus bekannt, verabschiedete sich stets mit: „Bleiben Sie gesund und zahlungsfähig!“ Das sind keine großen Reden. Das sind Sätze fürs Leben. Und plötzlich sind sie wieder da – zusammen mit den eigenen Erinnerungen.

„Ich habe schon viele Leute mit Wasser in den Beinen gesehen, aber noch keinen mit Bier in den Beinen.“

Mein Vater hatte auch so seine Sprüche. „Solange die Finger an meiner Hand nicht gleich lang sind, kann ich immer noch dazulernen“, sagte er. Und wenn ihm das Leben mal etwas hörbar entwich, kam hinterher trocken: „Wer so spricht, lebt noch.“ Sein zweites Bier am Abend verteidigte er mit Überzeugung: „Ich habe schon viele Leute mit Wasser in den Beinen gesehen, aber noch keinen mit Bier in den Beinen.“ Und natürlich wollte er 100 werden. „Zur großen Armee da oben – da will ich noch nicht hin.“ Aber er wusste auch: „Es kummt dei Tied, wo’s nich mehr geiht.“

Seine Schwester, unsere Tante Lucie, hatte nicht ganz so viele Sprüche. Aber ich sehe sie noch vor mir, mit 95 im Garten, in der Sonne, und ihrem steten Seufzer: „Kinners, das Leben ist so schön.“ Und dann, mit einem kleinen Nachsatz: „Aber passt auf – Leben ist auch gefährlich.“

Irgendwie bleiben diese Sätze und noch ein paar mehr am Küchentisch, im Garten oder irgendwo im Leben ohne lange Reden und doch mit ziemlich viel Wahrheit – auch mal mitten in der Nacht auf dem stillen Örtchen bei mir an der Wand.

Und manchmal denke ich: Wie schön wäre es, wenn solche Sprüche öfter auf Grabsteinen stehen würden. Man hätte einen direkteren Bezug zu den Menschen, die gegangen sind – und vielleicht gleich noch eine kleine Lebensweisheit für den eigenen Weg.


Zur Person:

  • Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser. Er verkörpert das Vechtaer Original „Straßenfeger“ im Karneval.
  • Der Kontakt zum Autor ist möglich unter der E-Mail-Adresse: redaktion@om-medien.de

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