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Outing-Kampagne von queeren Mitarbeitern setzt katholische Kirche unter Druck

Die Initiative „#OutInChurch“ tritt für eine Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts ein. Das Vechtaer Offizialat plädiert zwar für eine neue Sexualmoral, hält sich ansonsten aber zurück.

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Für eine Kirche ohne Angst: 125 Menschen erzählen von ihren Erfahrungen im Dienst der katholischen Kirche. Foto: dpa/EyeOpeningMedia/rbb

Für eine Kirche ohne Angst: 125 Menschen erzählen von ihren Erfahrungen im Dienst der katholischen Kirche. Foto: dpa/EyeOpeningMedia/rbb

Sie haben eine Lawine ins Rollen gebracht: 125 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der katholischen Kirche in Deutschland outeten sich am Montag unter der Netz-Initiative "#OutInChurch" als lesbisch, schwul, bi, trans*, inter, queer oder non-binär. Parallel dazu lief am Montagabend zu prominenter Sendezeit die ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ von Journalist Hajo Seppelt, die sich ebenfalls den Problemen nicht-heterosexueller Menschen in der Kirche widmet.

Der Zeitpunkt wurde bewusst gewählt: Innerhalb der römisch-katholischen Kirche läuft eine Debatte dazu. Sie wird in Kürze fortgesetzt, wenn die Versammlung des Synodalen Weges vom 3. bis zum 5. Februar in die nächste Runde geht.

Wie weit bewegt sich die Kirche? Die Outing-Initiative dürfte jedenfalls mächtig Druck ausüben. Zu ihren Kernforderungen gehört unter anderem eine Reform des kirchlichen Arbeitsrechts. Sie drängen darauf, dass die sexuelle Orientierung und die geschlechtliche Identität niemals dazu führen dürfen, von Ämtern ausgeschlossen zu werden oder eine Kündigung zu erhalten. 

Kirche hat eigenes Arbeitsrecht

Das Grundgesetz ermöglicht den großen Religionsgemeinschaften, ihre inneren Angelegenheiten selbstständig zu ordnen und zu verwalten. So kann die katholische Kirche sogenannte Loyalitätsobliegenheiten abverlangen. Meint: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verpflichten sich mit ihrem Arbeitsvertrag, die Grundsätze der katholischen Glaubens- und Sittenlehre zu befolgen. Ein Verstoß dagegen kann den Rauswurf zur Folge haben. Oft werde die Angst davor von Personalverantwortlichen ausgenutzt, um Druck auszuüben, berichten Protagonistinnen und Protagonisten der Kampagne.

Der Regenbogen: Zeichen für Diversität mit religiöser Symbolik der Hoffnung. Symbolfoto: dpaBergDer Regenbogen: Zeichen für Diversität mit religiöser Symbolik der Hoffnung. Symbolfoto: dpa/Berg

Das Echo ist gewaltig: Die Homepage der Initiative war am Montag überlastet, Hashtags trenden bei Twitter und die Online-Petition verzeichnet minütlich mehr Unterschriften. In den sozialen Medien überwiegen unterstützende Kommentare.

Auch viele Bischöfe stellen sich klar hinter die Initiative. Allen voran der Aachener Oberhirte Helmut Dieser, der als einziger in der Riege der Kirchenoberen einem Interview für die Doku zustimmte. Darin entschuldigt er sich im Namen der katholischen Kirche für das Leid, das den Betroffenen angetan wurde. 

Nach der TV-Sendung meldeten sich weitere hochrangige klerikale Fürsprecher der Initiative. Unter anderem gab es Rückhalt von Hamburgs Erzbischof Stefan Heße und Klaus Pfeffer, Generalvikar des als progressiv geltenden Bistums Essen. Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode, der auch für die Vördener Katholikinnen und Katholiken zuständig ist, lobt die Kampagne als mutig. Er halte Änderungen in der Sexualmoral und im Arbeitsrecht der Kirche für längst überfällig.

Bischof Timmerevers ist Vordenker einer Reform

Ein Vorreiter dieser Haltung ist der Bischof von Dresden-Meißen, Heinrich Timmerevers. Der ehemalige Vechtaer Weihbischof und Offizial des Bistums Münsters erklärte über Twitter: „Für jedes der beeindruckenden Zeugnisse bin ich sehr dankbar. Wir alle sind Geschöpfe Gottes. Und die Kirche muss jedem Menschen Heimat bieten. Dafür will ich mich einsetzen.“

Schon in dem 2021 veröffentlichen Buch "Katholisch und queer" reflektierte Timmerevers, dass die Kirche eine exklusive Pastoral betrieben habe. Der gebürtig aus Nikolausdorf stammende Geistliche fragte sich darin, wie Ausgrenzungen überwunden werden können. 

Offizialat bleibt noch unkonkret

Und welche Haltung hat das Bischöflich Münstersche Offizialat in Vechta? Die Antwort auf eine Anfrage von OM Online fällt vergleichsweise zurückhaltend und unkonkret aus. Die Forderungen würden einen Reformbedarf in "pointierter Form" anzeigen. Unter Einbeziehung aktueller humanwissenschaftlicher Erkenntnisse gehöre die derzeitige Sexualmoral weiterentwickelt, teilte Pressesprecher Christian Gerdes mit.

Und weiter: "Es ist notwendig, nach einer realitätsbezogenen, lebbaren und damit verantwortbaren christlichen Sexualethik zu fragen, die dem Menschen in seiner Ganzheit und Einzigartigkeit gerecht wird." Davon sei auch das kirchliche Arbeitsrecht betroffen. Der Synodale Weg sei aktuell der Ort für diese Fragen. 

Eine Bearbeitung des kirchlichen Arbeitsrechts wird aller Voraussicht nach eine Öffnung bedeuten. Wann das passiert und inwiefern, ist aber noch unklar. Laut Aussagen des Arbeitsrechtlers Hermann Reichold gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" werde bereits an einer Änderung gearbeitet, in diesem Jahr sei mit einer Vorlage zu rechnen. Die Verurteilung von Homosexualität würde darin laut Reichold höchstwahrscheinlich wegfallen. 

„Man kann so sein, wie man will. Auch in der Kirche.“Sven Diephaus, Jugendreferent

Teil der Outing-Bewegung und der TV-Doku ist Sven Diephaus, Jugendreferent einer Pfarreiengemeinschaft in Haselünne-Lehrte. In einem Video erzählt der 40-Jährige, dass er im katholisch geprägten Twistringen aufgewachsen sei und sich immer gefragt habe: "Ist das normal, ist das richtig so, wie ich bin?" Dann habe er sich irgendwann selbst zugestanden, dass es okay sei, schwul zu sein. "Man kann so sein, wie man will. Auch in der Kirche", sagt er heute. 

Diephaus berichtet, dass die bundesweite Gruppe von "#OutInChurch" aus einer Welle der Empörung im vergangenen Jahr entstanden ist, als der Vatikan das Verbot von Segnungen homosexueller Paare bekräftigt hat. Diephaus glaubt: Viele Bischöfe haben mittlerweile verstanden, dass es bei einer kirchlichen Anstellung nicht um die sexuelle Orientierung geht – sondern darum, wie der Mensch seine Arbeit macht.

In seinem Beruf erhalte er viel positives Feedback und fühle sich akzeptiert. Das sei auch der Grund, warum er trotz der Widrigkeiten immer noch für die Kirche arbeite. Als Sozialpädagoge habe er auf dem freien Markt Möglichkeiten, viele seiner Kolleginnen und Kollegen seien dagegen auf den Arbeitgeber Kirche angewiesen. Deswegen setze er große Hoffnung darin, dass die Initiative etwas ändern kann. 

Zeigt Gesicht: Jugendreferent Sven Diephaus der Pfarreiengemeinschaft Haselünne-Lehrte kämpft gegen Diskriminierung. Foto: Pfarreiengemeinschaft Haselünne-LehrteZeigt Gesicht: Jugendreferent Sven Diephaus der Pfarreiengemeinschaft Haselünne-Lehrte kämpft gegen Diskriminierung. Foto: Pfarreiengemeinschaft Haselünne-Lehrte

Es geht auch um Wertschätzung und Respekt im beruflichen Umfeld, argumentiert Friedhelm Bruns. Er ist heute wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Vechta im Fachbereich Musikpädagogik. Die Outing-Initiative hat er zum Anlass genommen, bei Facebook seine Geschichte zu erzählen. Als eine Pfarrei ihm 2017 eine feste Stelle als Kirchenmusiker anbot, sei ihm das kirchliche Arbeitsrecht zum Verhängnis geworden.

Als er dem Pfarrer im persönlichen Gespräch erzählte, dass er schwul sei, habe dieser so reagiert: "Oh, das ist jetzt ein Problem." Der Geistliche habe ihn daraufhin beim Pfarreivorstand und dem Generalvikar geoutet, um die Zustimmung einzuholen. Auch wenn er offen schwul lebe, kritisiert Bruns das: "Ich wurde nie gefragt." Er habe die Stelle nicht angenommen und die Arbeit als Kirchenmusiker komplett niedergelegt. 

Katholische Verbände und Organisationen schließen sich den Forderungen an

Zum Zeitpunkt des Gesprächs stand seine Heirat kurz bevor. "Die Ehe für alle ist mit dem kirchlichen Arbeitsrecht nicht vereinbar", sagt er. Auch Bruns setzt darauf, dass die Bewegung eine Reform bewirkt. 

Katholische Verbände und Organisationen forderten am Montag in einer gemeinsamen Erklärung eine Kultur der Diversität in der katholischen Kirche. Neben der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) unterstützt auch der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) die Initiative.

Die Vorsitzende des BDKJ-Landesverbands Oldenburg, Sophia Möller, freut sich über das große Medienecho. "Die Strukturen der katholischen Kirche begünstigen Machtmissbrauch. Wir wollen die Strukturen durchbrechen und eine Kirche erschaffen, in der alle willkommen sind." Für die katholischen Verbände gelte das kirchliche Arbeitsrecht nicht. Es sei wichtig, dass nun das erste Mal Menschen, die in den kirchlichen Strukturen arbeiten, Missstände aufzeigen.  

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