Opa und ich sitzen im Kontor – und nicht auf dem Display
Kolumne: Erinnerungen verblassen schneller, als einem lieb ist. Gut, dass es Fotos gibt. Doch: Aufnahme ist nicht gleich Aufnahme. Warum mir Fotoalben heilig sind.
Max Meyer | 11.11.2024
Kolumne: Erinnerungen verblassen schneller, als einem lieb ist. Gut, dass es Fotos gibt. Doch: Aufnahme ist nicht gleich Aufnahme. Warum mir Fotoalben heilig sind.
Max Meyer | 11.11.2024

Der Abzug misst 10 mal 15 Zentimeter. Die obere linke Ecke ist leicht angeknabbert. Auf dem noch nicht verblichenen Foto ist ein propper Junge mit Pilzkopffrisur zu sehen, der auf dem Schoß eines in Würde gealterten Mannes mit lichtem, nach hinten gekämmtem Haar sitzt. Der Senior zeichnet nach vorne gebeugt mit einem schwarzen Fineliner eine Windmühle auf die glatte Seite der auf dem dunklen Holzschreibtisch liegenden Pappe. Wie erstarrt beobachtet der 4-jährige Bub sichtlich begeistert die Zeichenkünste – mit der Gewissheit, niemals so gut Windmühlen oder Schiffe skizzieren zu können wie sein Opa. So spricht zumindest die Erinnerung, wenn ich mir die Aufnahme aus und in unserem heimischen Kontor angucke. Sie klebt mit weiteren in einem Fotoalbum, in dem die Zeit um die Jahrtausendwende dokumentiert, zuweilen archiviert wurde. Damit das Vergangene in Erinnerung bleibt, habe ich mir im ohnehin dunklen Trauermonat November vorgenommen, mehr Licht aus dem Gestern ins Heute zu bringen. Ganz konkret: Wieder öfter durch die Bildbände zu blättern – allerdings ohne zu trauern oder das Verlangen – wie zum Beispiel durch ein Foto des Sonnenuntergangs im vergangenen Urlaub – den Moment nochmal zu durchleben. Vielmehr, um derer zu gedenken, die körperlich nicht mehr unter uns sind. Beim Sichten der festgehaltenen kleinen Leben auf mehreren Seiten, die bei meinem Opa stets ohne Ordnung und zur Krönung mit einem großen Foto von sich selbst am Ende des Bandes gestaltet waren, stellt sich bei mir ein nostalgisches Gefühl ein. So vorgestrig und so wenig nachhaltig ein Fotoalbum auch sein mag, umso besser hilft es, sich zu erinnern. Sich das Vergangene zu vergegenwärtigen. Auch wenn der Moment niemals festgehalten werden kann, verlangsamt das Fotoalbum das Verblassen der Erinnerungen. Wenn ich mein Smartphone durchscrolle, sehe ich 882 Kamera-Aufnahmen. Das ist verhältnismäßig wenig, aber schon eine ganze Menge gegenüber einem klassischen Fotoalbum. Die Menge bestimmt nicht die Qualität. Von diesen Fotos hat nicht eines den ideellen Wert wie das von mir und meinem Opa in unserem Kontor. Im Gegenteil: Würde ich die schnell und oft schlecht gemachten Fotos durchschauen, landete ein Großteil davon im virtuellen Papierkorb. Das Foto meines Opas Heinz-Otto (dessen Name ich mit Würde trage) und mir, so wie vieler weitere, hingegen hat seinen festen Platz im alten Wandschrank. Dort schlummert es vor sich hin und wartet nur darauf, von Zeit zu Zeit wieder in die Hände eines Menschen zu geraten, der sich erinnern will. „Ich bin vielleicht erst 32, aber bei einigen Dingen bin ich eben altmodisch. Und wissen Sie was? Es fühlt sich gut an.“ Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin kein „Früher-war-alles-besser“-Typ. Technischer Fortschritt ist oft eine gute Sache und erleichtert unser Leben an vielen Stellen. Zum Beispiel böte er mir die Möglichkeit, mein Fotoalbum zu digitalisieren, damit ich es jederzeit in meiner Hosentasche dabei habe. Das überzeugt mich schlichtweg nicht, weil sich dieses mit dem früher verbundenem Gefühl nicht einstellt, wenn ich durch meine Smartphone-Galerie wische. Ich brauche das Knistern beim Umblättern der Folien, die in Mitleidenschaft gezogenen Abzüge sowie die Vermerke auf den Rückseiten, um mich zu erinnern. Ich bin vielleicht erst 32, aber bei einigen Dingen bin ich eben altmodisch. Und wissen Sie was? Ich möchte ohne diesen Charme des Altmodischen, meinetwegen auch Altbackenen nicht leben – ganz einfach, weil es sich gut und richtig anfühlt.Vorgestrig und wenig nachhaltig, aber besser zum Erinnern
Die Menge bestimmt nicht die Qualität
Zur Person:
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