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Missbrauch in der Katholischen Kirche in Vechta diskutiert: Es gibt mehr Fragen als Antworten

Ein Opfer sexueller Übergriffe aus Neuenkirchen berichtete im Antoniushaus, was ihm beim Beichten widerfuhr. Für den Weihbischof steht fest: "Missbrauchstäter dürfen keine Priester sein."

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Diskutieren über Missbrauch: Dr. Marc Röbel (von links), Prof. Dr. Thomas Großbölting, Wilfried Theising, Bernd Theilmann und Dr. Hans Jürgen Hilling. Foto: M. Niehues

Diskutieren über Missbrauch: Dr. Marc Röbel (von links), Prof. Dr. Thomas Großbölting, Wilfried Theising, Bernd Theilmann und Dr. Hans Jürgen Hilling. Foto: M. Niehues

Das Schlimmste war, wenn er zum Beichten gerufen wurde. Manchmal holte ihn dazu der Neuenkirchener Pfarrer Bernhard Janzen, obwohl er mit seinen Freunden draußen am Spielen war. Sexueller Missbrauch, so berichtet der Betroffene Bernd Theilmann heute, das sei bei ihm als Ministrant nicht einfach nur der Griff in die Hose gewesen. Nein, dazu hätten auch schwerste sexuelle Übergriffe gehört, wie er sie selbst beim Beichtgespräch erfahren habe.

Heute, viele Jahrzehnte später, kann Theilmann darüber sprechen, was ihn in seiner Kindheit bedrückt hat und ihn bis heute begleitet. Dankbar sei er, vor einem Publikum schildern zu können, was ihm damals widerfahren sei. Das Missbrauchsopfer gab am Freitag im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema "Macht und sexueller Missbrauch im Bistum Münster seit 1945" im Vechtaer Antoniushaus erschreckende Einblicke in die eigene Betroffenheit.

Rund 100 Besucher, darunter etliche Opfer sexueller Übergriffe, waren der Einladung der Katholischen Akademie Stapelfeld (KAS) und dem Bischöflich Münsterschen Offizialat gefolgt. Moderiert von Dr. Marc Röbel, Akademiedirektor der KAS und des Antoniushauses sowie von Christel Plenter vom Institut für Diakonie und pastorale Dienste in Münster, stand die Missbrauchsstudie des Bistums Münster im Mittelpunkt der Diskussion. Daran nahmen auch Professor Dr. Thomas Großbölting, der zuvor vielschichtige interessante Erkenntnisse seiner Studie vermittelte, Dr. Hans Jürgen Hilling als weiterer Betroffener, Offizial und Weihbischof Wilfried Theising sowie Peter Frings, der Interventionsbeauftragte des Bistums, teil.

Bernd Theilmann machte seine eigene Geschichte erstmals öffentlich, als Mitte der 90er Jahre eine Schule nach seinem Neuenkirchener Peiniger benannt werden sollte. Das, so sagte er, habe er vehement verhindern wollen, auch wenn er anfangs kaum Gehör gefunden habe und er erst spät Zugang zum Vechtaer Offizial fand. Auch hier habe er Widerstände überwinden müssen. Als Kind habe ihm damals Pfarrer Janzen eingebläut, dass er niemanden etwas verraten dürfe. Mit dem Satz "der Satan tritt zwischen uns" sei er eingeschüchtert worden. Dabei hätten die Ärzte der Neuenkirchener Klinik schon damals offensichtlich mehr gewusst. Denn deren Söhne, so Theilmann, hätten nicht Messdiener werden dürfen.

Bernd Theilmann schilderte, was er als Messdiener mit Pfarrer Janzen in Neuenkirchen erlebte. Foto: M. NiehuesBernd Theilmann schilderte, was er als Messdiener mit Pfarrer Janzen in Neuenkirchen erlebte. Foto: M. Niehues

"Gut, dass sie den Stein ins Rollen gebracht haben", sagte Marc Röbel am Freitagabend zu Theilmann. Dank der Missbrauchsstudie ist heute belegt, dass Janzen mindestens 9 Jugendliche zwischen den Jahren 1955 bis 1970 missbraucht hat. Die kirchlich Verantwortlichen, wie der 1994 mit den Vorwürfen Theilmanns konfrontierte Offizial Max Georg von Twickel, versuchten lange zu beschwichtigen und zu vertuschen.

Opfer aus Friesoythe kritisiert auch die Justiz

Das, so Großbölting, sei das immer wiederkehrende Phänomen im katholischen Milieu gewesen. Klerikale hätten es als ihre Aufgabe verstanden, Schaden von der heiligen Institution Kirche fernzuhalten. Die Weihe auffälliger Priester hätte zudem gerettet werden sollen. Deshalb seien diese einfach versetzt und ihnen damit neue Kinder zugeführt worden. Weil Priester keine Konsequenzen hätten fürchten müssen, seien diese auch noch in ihrer Missbrauchshaltung bestärkt worden.

Hans-Jürgen Hilling, Missbrauchsopfer in Friesoythe, ist nach seinen Erfahrungen "längst aus der Kirche ausgetreten". Er kritisiert als Betroffener zudem die Haltung der Justiz. Sie sei meist von der Kirche nicht eingeschaltet worden. Zudem, sagte er, "gab es eine Kumpanei zwischen den katholischen Eliten und der Justiz. Die Sache grenzte bis an Rechtsbeugung." Er wirft der Bistumsleitung Strafvereitelung vor. "Niemand kam auf die Idee, Kindesvergewaltigung" anzuzeigen. Er kenne nur einen Fall, wo die Justiz in Oldenburg "mit aller Härte" vorgegangen sei.

Professor Dr. Thomas Großbölting gab einen ausführlichen und differenzierten Einblick zur Missbrauchsstudie des Bistums Münster. Foto: M. NiehuesProfessor Dr. Thomas Großbölting gab einen ausführlichen und differenzierten Einblick zur Missbrauchsstudie des Bistums Münster. Foto: M. Niehues

Nach Ansicht von Offizial Wilfried Theising hat die Studie aufgezeigt, dass ein Systemfehler der Kirche den Missbrauch begünstigt hat. Und er hat dazu eine klare Haltung: "Ein Missbrauchstäter ist ein Verbrecher", sagte er. Dieser könne nicht mehr als Priester tätig sein. Arbeitsrechtlich sei das Thema gleichwohl schwierig, erklärte er. "Ein Priester hat keinen Arbeitsvertrag." Das Dienstverhältnis leite sich von der Weihe ab. Der Priester gelobe den Gehorsam, der Bischof die Versorgung. Die Alimentierungsverpflichtung sei hier ein nicht gelöstes Problem.

Theising ging damit auf eine Frage des Publikums ein, ob Missbrauchspriester nicht einfach in den Ruhestand versetzt werden könnten. Das war nur eine von vielen Fragen, die das Publikum – auf Zetteln geschrieben – einreichen konnte. Und es kamen weit mehr Fragen auf, als an diesem Abend beantwortet werden konnten.

Eine war auch, inwiefern das Zölibat ursächlich für den Missbrauch sein könne. Großbölting sieht hier durchaus einen Zusammenhang. Den jungen Männer, die sich einst fürs Priesteramt entschieden hätten, habe oft das aufgeklärte Verhältnis zur eigenen Sexualität gefehlt, erklärte er. Statt im Priesterseminar zölibatäres Leben zu thematisieren, sei seitens der Kirche Asexualität und das Engelsgleiche als anzustrebendes Ideal angepriesen worden.

Offizial Wilfried Theising sieht ein Systemversagen der Kirche und zeigt klare Haltung: Für ihn kann ein Missbrauchstäter kein Priester mehr sein. Foto: M. NiehuesOffizial Wilfried Theising sieht ein Systemversagen der Kirche und zeigt klare Haltung: Für ihn kann ein Missbrauchstäter kein Priester mehr sein. Foto: M. Niehues

Theising sieht hier "Nachholbedarf, darüber zu sprechen". "Mir ist klar geworden, wie wenig wir während der Priesterausbildung darauf vorbereitet wurden", schilderte er das eigene Erleben. "Enorme Nachbesserung" sei nötig. Weder im Elternhaus, noch in der Priesterausbildung sei es möglich gewesen, über Sexualität zu sprechen, kritisierte er.

Die Rolle Bischof Lettmanns belastet Theising immer noch

Röbel sagte: "Wir haben noch nicht die Kultur der Sagbarkeit. Es wird auch totgeschwiegen, weil es für die andere Sexualität noch keine Sprache gibt." Und Theising räumte ein, wie sehr ihn die 2010 aufgekommene Missbrauchsdiskussion mitgenommen hat. Schließlich habe diese auch Bischof Reinhard Lettmann belastet, der ihn zum Priester geweiht und auf seinem kirchlichen Weg begleitet habe. Das habe ihn sehr irritiert. "Das kratzt an Idealen", sagte er. 

Wilfried Theising begrüßt, dass sich durch die Studie weitere Opfer gemeldet hätten. "Die Betroffenen haben Mut bekommen", sagt er. Es sei gut, wenn durch neue Fälle Täter ermittelt werden könnten, die bisher nicht bekannt seien. "Da schlummert noch vieles", befürchtet der Weihbischof. "Manchmal brauchen Betroffene 50 Jahre, bis sie es sagen können", sei die Erfahrung.

Umso mehr begrüßt Theising die Fortschritte bei der Prävention. Viele hätten bereits an entsprechenden Veranstaltungen teilgenommen, die Resonanz sei sehr positiv. Er hoffe, dass so Taten verhindert werden können.

Interessante Diskussionsrunde: Hier Professor Dr. Thomas Großbölting zwischen Dr. Marc Röbel (links) und Wilfried Theising. Foto: M. NiehuesInteressante Diskussionsrunde: Hier Professor Dr. Thomas Großbölting zwischen Dr. Marc Röbel (links) und Wilfried Theising. Foto: M. Niehues

Was bleibt ist die Frage nach Entschädigungen, die seitens der Betroffenen auch gestellt wurden. Peter Frings kritisiert die zum Teil stark abweichenden Höhen solcher Zahlungen zur Wiedergutmachung. Die Beträge würden zwischen 8000 und 30.000 Euro liegen. Das System sei unausgegoren. "Da muss sich noch deutlich was verändern", fordert er. 

"Für uns Betroffene läuft die Zeit ab. Die meisten sind über 70."Ein Opfer sexualisierter Gewalt zur bisherigen Haltung der Kirche bei Entschädigungen

Hilling wurde noch deutlicher. Die Entschädigungen seien bisher freiwillige Zahlungen der Bistümer. Das sei unbefriedigend. Er sagte: "Die Frage ist, ob sich die Bistümer auf die Verkommenheit der Verjährung berufen oder das nicht tun." Aus dem Publikum gab es dazu auch eine klare Meinung. "Für uns Betroffene läuft die Zeit ab. Die meisten sind über 70", beklagte ein Mann.

Die Beteiligten der Podiumsdiskussion waren sich einig, dass ein solcher Abend wiederholt werden soll. "Wir bleiben im Gespräch", versprach Röbel. "Es ist ein Anfang heute", sagte Theilman zum Schluss. Vor Jahren sei eine solche Diskussionsrunde nicht denkbar gewesen. Er wünscht sich eine Initiative, damit sich Betroffene künftig in Vechta regelmäßig austauschen können. Bisher hätten diese eigens dafür nach Münster fahren müssen. Dass sich 100 Besucher jetzt im Antoniushaus getroffen hätten, wertet Hilling als positives Signal. "Damit hätte ich nicht gerechnet", sagte er.

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