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Man ist so alt, wie man sich fühlt

Kolumne: Ganz gleich, ob man innerlich noch Walkman hört – die harte Wahrheit liegt da draußen. Menschen können grausam sein.

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Kürzlich tauschte ich mich mit einem Kollegen über Musikgeschmack, Fernsehsendungen, an die man sich noch erinnert, und Süßigkeiten aus Kindertagen aus. Und er meinte: „Wir beide müssten ja auch so in etwa ein Jahrgang sein, oder?“ Ein Satz, der mich innehalten ließ.

Da mögen wir uns noch so oft versichern und gegenseitig bekräftigen, man sei immer so alt, wie man sich fühlt – letztendlich sind wir für andere immer genau so alt, wie wir aussehen. Wie jugendlich oder senil wir uns fühlen, ist tutto completti schnuppe.

In keinem anderen Bereich des Lebens sind wir oberflächlicher, als bei der Frage, wie alt unser Gegenüber ist. Da legt der 24-Jährige ’ne Dose Pils aufs Kassenband, und wird prompt nach seinem Ausweis gefragt – einfach nur, weil er seine Basecap falsch herum trägt und ziemlich jugendlich daherkommt. Ob er womöglich gerade Rücken hat und sich selbst wie 55 fühlt – völlig wurscht!

„Denn das ist der große, eigentliche Gedanke und Sinn hinter jeder Alterseinschätzung, die wir tätigen: uns selbst zu beruhigen.“

Oder das Ehepaar, das man seit Jahren nicht gesehen hat und nun plötzlich in der Stadt trifft. Man plaudert kurz, wünscht einander noch ein geschmeidiges Restwochenende und geht seiner Wege. 20 Schritte und zwei Ladenfronten weiter kommt dann unter Garantie der legendäre Satz: „Deibel, die sind aber auch alt geworden!“ Und gnä’ Frau ergänzt: „Ich hab’ mich richtig erschrocken.“ Mit dieser Erkenntnis gehen wir deutlich beschwingter in den Samstag, weil wir uns im direkten Vergleich natürlich deutlich besser gehalten haben.

Denn das ist der große, eigentliche Gedanke und Sinn hinter jeder Alterseinschätzung, die wir tätigen: uns selbst zu beruhigen. „Guck mal, der Peter Kraus, wie der sich gehalten hat! Der ist 87!“ Heißt übersetzt einfach nur: „Abnehmen können wir auch in 10 Jahren noch. Siehste ja: Kannst auch mit 87 noch schlank werden.“

Beruhigung, auch wenn die Stirn immer höher wird

Oder umgekehrt: „Junge, der Hape Kerkeling wird aber auch immer runder. Und der ist gerade mal 61!“ Bedeutet: Bis wir 61 sind, werden wir keinesfalls derart zulegen. Beziehungsweise: „Monika, Samstag gibt’s Jägerschnitzel!“

Wir brauchen im Alltag schlichtweg wieder und wieder die Bestätigung, dass unsere Mitmenschen – der eine schneller, der andere getarnter – gemeinsam mit uns alt werden, und, nur weil die Stirn immer höher wird, ja nicht gleich die Friedhofsgärtner hinter uns her sind.

Aber um zur eigentlichen Ausgangsfrage zurückzukehren: Der geschätzte Kollege, mit dem ich mich kürzlich über „unsere“ Jugendzeit unterhielt, geht diesen Sommer in den Ruhestand – und ist circa 20 Jahre älter als ich. Tja, manchmal siehste halt alt aus…


Zur Person:

  • Heiko Bosse ist Mitglied der Chefredaktion der OM-Medien.
  • Der Kontakt zum Autor ist möglich unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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