Irgendwo zwischen Selbsthass und Narzissmus
Kolumne: Im digitalen Zeitalter sind Neujahrsvorsätze harmlos. Der Selbstoptimierungswahn greift da schon lange um sich – und das nicht ohne Folgen.
Ella Wenzel | 04.02.2026
Kolumne: Im digitalen Zeitalter sind Neujahrsvorsätze harmlos. Der Selbstoptimierungswahn greift da schon lange um sich – und das nicht ohne Folgen.
Ella Wenzel | 04.02.2026

2026 fühlt sich das neue Jahr anders an. Während nun eigentlich der Kreislauf der Neujahrsvorsätze beginnen sollte, habe ich schon längst genug vom Thema Selbstoptimierung. Dem Internet sei Dank werde ich seit Jahren mit solchen Konzepten wie „Locking in“ (sich nur auf sich und seine Ziele fokussieren), „looksmaxxing“ (das meiste aus seinem Aussehen herausholen) oder „75 hard“ (eine Lebensumstellung, bei der man 75 Tage „ideal“ lebt) bombardiert. Dazu kommen immer wieder neue Dinge, auf die man unbedingt achten muss: Proteine für die Muskeln, Knorpeltang für die Haut und Kreatin, weil's auch gerade in ist. Geht es nach den lautesten Trends, darf man sich nur noch gut fühlen, wenn man an sich arbeitet; wenn man seine Hobbys quantifizieren kann, seine Kontakte zweckgebunden sind und keine Sekunde ungenutzt bleibt. Das exponentielle Wachstum hat unser Privatleben erreicht. Aber wen überrascht das? Scheint um einen herum alles aus den Fugen zu geraten, greift man auf die eine Sache zurück, die man wirklich kontrollieren kann: sich selbst. Auf das Weltgeschehen können wir scheinbar keinen Einfluss mehr nehmen, wir können aber Kalorien zählen, eine zehnschrittige Hautroutine einführen oder jeden Morgen 30 Seiten eines Selbsthilfebuchs lesen. „Unser Individualismus wird uns erst unsere Freundschaften und dann unsere Gesellschaft kosten.“ Klar, das füllt das Leben. Erfüllt ist man dadurch aber meist nicht. Denn oft wird aus Selbsthilfe schnell Selbsthass. Möchte man sich selbst aufwerten, wertet man sich auch gleichzeitig ab. Das jetzige Ich – oder noch schlimmer: das alte Ich – ist inakzeptabel. Automatisch schlägt das auch auf andere über. Aus Beobachtungen werden Bewertungen. Wer passt in mein Schönheitsbild? Wer in meine Vorstellung von Produktivität? Halten mich meine Freunde zurück? Wir werden intoleranter. Alte soziale Denkweisen scheinen wieder in Mode zu kommen. Es ist fast Mainstream, moralische Urteile über dicke oder arme Menschen zu fällen. Wie in einem Jane-Austen-Roman unterteilen Influencer Menschen offen in High- und Low-value-Individuen und schreiben ihnen eine Wertigkeit zu, basierend auf Aussehen und sozialem Status. Dass wir über uns selbst reden, als wären wir Ware, überrascht keinen mehr. Über solche Gefälle kommt kein Austausch zustande. Denn im digitalen Zeitalter sind wir nicht mehr gezwungen, mit Menschen zu reden, die uns fremd sind. Wir können wählerisch sein. So werden wir zu gegenseitigen Beobachtern. Was vorher nur ein Teil der Persönlichkeit eines anderen Menschen war, ist jetzt das bestimmende Merkmal. Unser Individualismus wird uns erst unsere Freundschaften und dann unsere Gesellschaft kosten. Kommen wir aber auf 120 Gramm Protein am Tag, sehen wir dabei wenigstens gut aus.Zur Person:
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