In der Kirche ticken die Uhren anders
Gästebuch: Im schnelllebigen Alltag verliert man oft das Zeitgefühl. Besonders beeindruckend ist es dann, wenn ein Moment einen zum Innehalten bringt.
Johannes Rohlfing | 06.01.2026
Gästebuch: Im schnelllebigen Alltag verliert man oft das Zeitgefühl. Besonders beeindruckend ist es dann, wenn ein Moment einen zum Innehalten bringt.
Johannes Rohlfing | 06.01.2026

Die Zeit rennt. Von Silvester zu Silvester scheint das Jahr schneller vorüberzugehen, so empfinden es viele. Und dass die Welt mehr und mehr aus den Fugen zu geraten scheint, trägt auch nicht gerade zur Entschleunigung bei. Umso dankbarer bin ich für ein Erlebnis aus dem vergangenen Jahr, das meinen Blick auf die Zeit zumindest für einen kurzen Moment aus dem schnelllebigen Alltag in einen viel weiteren Horizont gestellt hat. Es war der Sonntag vor dem Konfirmationswochenende. Nach dem Gottesdienst kam eine lebenserfahrene Dame zu mir, die ich vorher noch nie gesehen hatte. „Nach ewiger Zeit bin ich mal wieder in meiner alten Heimat. Vor 70 Jahren wurde ich hier konfirmiert und wollte mir die Kirche mal wieder ansehen. Da vorne auf der Bank saß ich und musste all das Auswendiggelernte dem Pastor aufsagen, damit ich auch zur Konfirmation zugelassen werde.“ Wie der Zufall es so wollte, stand neben der Dame eine kleine Gruppe von Konfirmanden, die sich genau ebenjenes Vergnügen auf den letzten Drücker aufgespart hatten (wobei die Anforderungen in Bezug auf die Textmenge zwischen diesen Generationen nebenbei bemerkt kein Vergleich sind). Am exakt gleichen Ort standen also die 14-Jährigen neben der vor 70 Jahren 14 Jahre alt gewesenen Dame, und zwar in der gleichen Situation. Das hat mich beeindruckt. Zum einen durch den Blick zurück, denn was hat sich nicht alles verändert in dieser langen Zeit? „So unendlich viel ist heute anders als vor 70 Jahren – aber unsere Kirchenbänke sind noch ganz genauso bequem wie damals.“ Noch mehr allerdings durch den Blick in die Zukunft: Wenn einer dieser Konfirmanden es dieser Frau gleichtut, schreiben wir das Jahr 2095! Das wirkt heute absurd weit weg. Aber das war im Jahr 1955 mit dem Jahr 2025 sicher nicht anders. So unendlich viel ist heute anders als vor 70 Jahren – aber unsere Kirchenbänke sind noch ganz genauso bequem wie damals. Am darauffolgenden Freitag kam dann erneut eine Frau auf mich zu und teilte mir mit, sie wurde vor vielen Jahren (allerdings weit weniger als 70) in dieser Kirche konfirmiert, ob sie mal reinschauen könne (wirklich wahr; davor und danach ist das übrigens nie passiert). Für einen kurzen Moment wurde sie still, geradezu andächtig. Und sagte dann gut-norddeutsch: „Jo. Hier hat sich ja eigentlich nix verändert!“ Zwar stimmt das mit Blick auf den Beamer für Liedtexte beispielsweise nicht so ganz, aber sei’s drum. Offenkundig überwog der Gesamteindruck von Kontinuität. Und das ist in dieser schnelllebigen und chaotischen Zeit ja auch nicht nichts. In der Kirche ticken die Uhren eben anders. Das hat nicht nur Vorteile. Beeindruckend aber ist es allemal.Zur Person
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