Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Ihr Leben ist ein Ponyhof

Für die Familie Woltermann waren die ersten Corona-Wochen eine wirtschaftlich schwere Zeit. Mittlerweile herrscht aber wieder reges Treiben auf dem weitläufigen Hof in Löningen.

Artikel teilen:
Das Glück dieser Erde: Der Ausritt ins Gelände gehört zu den Höhepunkten jeden Ferientages. Foto: Meyer

Das Glück dieser Erde: Der Ausritt ins Gelände gehört zu den Höhepunkten jeden Ferientages. Foto: Meyer

Wer schulpflichtige Kinder hat, weiß, wie schwer es ist, sie morgens aus dem Bett zu bekommen. Verkehrte Welt dagegen auf dem Ponyhof Woltermann: Aus weit geöffneten Zimmerfenstern dröhnt schon in aller Frühe Musik. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Mädchen in Reithosen eilen zu den Stallungen. Bis zum ersten Ausritt gibt es noch viel zu tun.

Fast 90 Kinder und Jugendliche - bis auf eine (!) Ausnahme sind es ausschließlich Mädchen - beherbergt der Hof in dieser Woche. Er hat damit etwa 80 Prozent seiner Übernachtungskapazität erreicht. Mehr junge Amazonen wollen Michael und Josef Woltermann zurzeit auch gar nicht aufnehmen. Beide sind heilfroh, dass das Geschäft nach dem beklemmenden Corona-Lockdown überhaupt wieder anlaufen konnte. Der Sommer scheint inzwischen gerettet. „Wir erhalten Buchungsanfragen ohne Ende“, berichtet Michael. Weil viele Familien in diesem Jahr nicht in den Urlaub fahren, sind die Reiterferien jetzt heiß begehrt.

Michael und Josef Woltermann freuen sich, dass sie den Gästebetrieb wieder aufnehmen konnten.   Foto: MeyerMichael und Josef Woltermann freuen sich, dass sie den Gästebetrieb wieder aufnehmen konnten.   Foto: Meyer

Nike Wennemar und Emma Simon hatten Glück. Die Freundinnen aus Düsseldorf reiten schon länger. Nike hat sogar ein eigenes Pferd. Nach Schelmkappe hat sie es aber nicht mitgebracht. Bei den Woltermanns ist die Auswahl nämlich groß genug. Mehr als 120 Vierbeiner bevölkern Weiden und Boxen. Die meisten sind Deutsche Reitponys. Dazwischen tummeln sich auch andere Rassen, wie der schneeweiße Tinker-Hengst „Jumper“. Die Woltermanns züchten nur wenige Tiere selbst, den Großteil haben sie dazugekauft. „Wir testen zunächst ihren Charakter“, erklärt Seniorchef Josef. Wer sich geduldig satteln und reiten lässt, darf bleiben. Und zwar für ein ganzes Ponyleben. Das kann durchaus 20 Jahre oder länger dauern.

Ende der 1990er Jahre hatten die Woltermanns ihren landwirtschaftlichen Betrieb zum Ponyhof umgebaut. Aus den Ställen wurden Unterkünfte. Zwei Reithallen entstanden. Der Hof wurde immer bekannter und die Nachfrage wuchs. So hätte es weitergehen können, doch das Coronavirus schoss die Schelmkapper quasi in vollem Lauf aus dem Sattel.

Finanzieller Schaden durch Corona im sechsstelligen Bereich

„Wir waren das ganze Frühjahr ausgebucht und mussten alles absagen“, bedauert Josef. Der finanzielle Schaden liege im sechstelligen Bereich. Um wenigstens die Sommerferien mitzunehmen, erarbeiteten Vater und Sohn ein Hygienekonzept, das auch die Unterbringung größerer Gruppen ermöglicht. Neben der geringeren Belegung haben die beiden unter anderem neue Trennwände in den Bädern eingezogen und auch die Verpflegung der Kinder anders organisiert. „Wir verteilen sie beim Essen jetzt auf mehrere Räumlichkeiten.“

In allen Gebäuden herrscht Mund-Nasen-Schutzpflicht. Außerdem bleiben Türen und Tore den ganzen Tag über geöffnet, damit die Luft zirkulieren kann. Auf geliebte Gemeinschaftsrituale wie das Stockbrotbacken am Lagerfeuer müssen die jungen Gäste diesmal verzichten. Die Woltermanns hoffen, alles richtig zu machen, denn ein Corona-Fall auf ihrem Betrieb wäre für sie eine schlimme Katastrophe.

Streicheln, striegeln, bürsten: Die Kinder sind den ganzen Tag lang mit den Ponys beschäftigt.   Foto: MeyerStreicheln, striegeln, bürsten: Die Kinder sind den ganzen Tag lang mit den Ponys beschäftigt.   Foto: Meyer

Die Kinder werden tagsüber von erfahrenen Reiterinnen betreut. Viele von ihnen haben früher selbst ihre Ferien in Schelmkappe verbracht. Auch wenn es so aussieht: Unbeaufsichtigt ins Gelände lässt Michael Woltermann die Gruppen nicht. Er folgt ihnen auf Sichtweite mit dem Pick-up und hält dabei per Funkgerät Kontakt zu seinen Helferinnen. So kann er schnell eingreifen, wenn doch einmal etwas passiert.

Eigentlich hatten die Woltermanns in diesem Jahr selbst eine große Reise geplant. Chinesische Investoren wollen in ihrer Heimat ebenfalls Reiterferien anbieten und baten die Löninger um Entwicklungshilfe. „Sie haben sich hier alles angeschaut und waren beeindruckt“, erzählt Josef. Aus dem geplanten Trip ins Reich der Mitte wurde aus bekannten Gründen nichts. Woltermann kann sich aber vorstellen, dass die Planungen nur aufgeschoben sind. „Der Ferienpark sollte in weniger als einem halben Jahr gebaut werden.“ Zutrauen würde er den Chinesen das.

Danke, OM für 10.000 Digital-Abos! Lesen Sie jetzt OM-Plus ein Jahr lang für nur 8,99€ / Monat und sparen Sie so bis zu 40%. Hier geht es zum Angebot.

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Ihr Leben ist ein Ponyhof - OM online