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Ich wünscht’, es wär noch mal Freitag

Kolumne: Kochen und Genuss sind Teil des modernen Lifestyles. Nähergebracht hat uns diesen ein Weltbürger mit Nickelbrille.

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Manchem ist der Sonntag heilig. Aus christlicher Sicht nachvollziehbar, mir persönlich ist er unter den Wochenendtagen dennoch der unsympathischste. Für mich hat hingegen seit jeher der Freitagnachmittag einen ganz besonderen Zauber, ebnet er doch den Weg in die Narrenfreiheit – mit Schlemmen, Schlafen und Schpazieren (ich weiß – passt sonst aber nicht!).

Gern denke ich dabei an die späten 90er zurück. Nachmittags saß die Familie vorm Fernseher, wenn Professor Biolek in „alfredissimo!“ die Promis dieser Zeit an seinen Herd lud. Mit großen Augen guckten wir damals – wortwörtlich – in die Röhre, und lauschten dem Maestro im perfekt gebügelten Seidenhemd, wie er uns unaufgeregt die große Welt der Kulinarik näherbrachte.

Pfeffer ausschließlich aus der überdimensionalen schwarzen Mühle, wo wir noch den Ostmann-Streuer im Regal hüteten. Dazu die elektrische Parmesanreibe, um die selbst James Last „Bio“ beneidete, während wir daheim Scheibletten auf den Hawaii-Toast legten.

Alfred griff zu üppigen Pasta-Tellern, wie man sie seinerzeit in den Esstempeln der Metropolen auftischte. Wir polierten Omas Goldrand-Service. Und hörten von den Märkten in Sydney oder frischen Morcheln aus Kalifornien. Samstags ging’s für uns zum Pilzesammeln nach Dwergte.

„In den Fernsehküchen von heute agieren – abseits der Öffentlich-Rechtlichen – meist intellektuell unaufdringliche Radaubrüder und Schreihälse.“

Bei Biolek durften die Livio-Flasche und die gekörnte Maggi-Brühe stolz vor der Kölner Kamera posieren, während heute jede Kabelhilfe der ZDF-„Küchenschlacht“ Klebeband im Latz trägt, um bloß fix sämtliche Kenwood- oder Kitchen-Aid-Schriftzüge abzukleben, bevor noch ein flatteriger Justiziar Schnappatmung kriegt. Angst essen Seele auf – selbst in Kochshows.

Vor knapp 20 Jahren ging die letzte Ausgabe von „alfredissimo!“ auf Sendung. Der Zauber von damals mag verblasst sein. Pfeffermühlen nutzen wir längst in allen Farben und Formen, dazu Parmesan, Pecorino und Grana Padano. Den australischen Shiraz, den sich „Bio“ und „Blacky“ Fuchsberger schmecken ließen und der für uns wie aus einer anderen, unerreichbaren Welt schien, bestellen wir uns für 8,99 Euro vom Sofa aus – Lieferung morgen bis 16 Uhr.

In den Fernsehküchen von heute agieren – abseits der Öffentlich-Rechtlichen – meist intellektuell unaufdringliche Radaubrüder und Schreihälse. Wo Mälzer und Rosin die Pfanne schmeißen, knallt der Nebenmann das Stück Fleisch, das bis vor Tagen ein Lebewesen war, auf den Tisch. Wer am lautesten giert, wird gehört. „Die Blitzlichter machen uns zu Idioten“, wusste schon Reinhard Mey.

Ich denke, ich werd’ heute Abend eine Flasche Rioja Reserva entkorken – der Shiraz bleibt mir heilig – und auf „Bio“ und „Blacky“ trinken. Manchmal wünscht’ ich, es wär noch mal Freitag…


Zur Person:

  • Heiko Bosse ist Mitglied der Chefredaktion der OM-Medien.
  • Der Kontakt zum Autor ist möglich unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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