Hello World
Gästebuch: Was waren das für Zeiten, als Wissen plötzlich allen gehörte und die größte Enzyklopädie der Geschichte friedlich im Internet entstand ...
Christian Bitter | 15.01.2026
Gästebuch: Was waren das für Zeiten, als Wissen plötzlich allen gehörte und die größte Enzyklopädie der Geschichte friedlich im Internet entstand ...
Christian Bitter | 15.01.2026

Der 16. Januar war vor 25 Jahren ein harmloser Dienstag: Ich saß im Büro, textete Mercedes-Anzeigen und Pferdesportbroschüren und beklagte die mangelhafte Schneeschipperei in den Vechtaer Wohnsiedlungen. Der Bürgermeister hatte 4 Tage zuvor bei einem Fässchen Freibier die Skulptur des Straßenfegers Martin am Brunnen vor der Commerzbank enthüllt, in der Löninger Sporthalle drohte ein Gastspiel der Wildecker Herzbuben und die BSE-Krise war in aller Munde. In Kalifornien schrieb derweil ein Mann zwei kleine Worte ins Internet, die Großes bewirkten: „Hello World“. Wikipedia war geboren. Ohne Fanfaren, ohne Freibier, ohne großes Tamtam. Die Idee dahinter war so kühn wie simpel: Alle dürfen mitschreiben. Wissen gehört niemandem, also allen. Keine Paywall, kein Professorentitel, kein Lederband im Ikea-Regal. Das klang damals nach digitaler Hippiekommune, wurde aber schneller zur größten Enzyklopädie der Geschichte, als man einen Brockhaus erblättert – 70 Kilo Wissen waren nur noch einen Mausklick entfernt. Dass das funktionierte, lag auch daran, dass das Scheitern gleich mit eingeplant war. Der Vorgänger Nupedia wollte alles richtig machen, mit Experten und Prüfverfahren, und schaffte fast nichts. Wikipedia machte fast alles falsch und schaffte alles. Fehler durften passieren, Hauptsache, jemand korrigiert sie. Das Internet liebte es, Google auch – und verhalf dem Ding von Anfang an zu unglaublichem Erfolg. „Und Elon Musk erfindet mit Grokipedia eine angeblich haushoch überlegene Gegen-Enzyklopädie, deren KI ausgerechnet mit Wikipedia trainiert wird. Man fasst es nicht.“ Heute ist Wikipedia Institution, Zankplatz, Spendenweltmeister und Zielscheibe zugleich. Sie wird gesperrt, kopiert, manipuliert, bekämpft. Rechtsextreme fälschen Artikel, Autokraten sperren ganze Sprachversionen, der Kreml baut sich eine eigene. Und Elon Musk erfindet mit Grokipedia eine angeblich haushoch überlegene Gegen-Enzyklopädie, deren KI ausgerechnet mit Wikipedia trainiert wird. Man fasst es nicht. Gleichzeitig wird es in der Community ungemütlicher. Weniger Ehrenamtliche, veraltete Artikel, zu wenig weibliche Autoren, zu viel Westen, zu viele Besserwisser. Künstliche Intelligenz schreibt mit, erfindet Fakten, liest massenhaft mit und verstopft die Server; die Autoren putzen hinterher. Freiwillig. Immer noch. Und doch steht dieses widerspenstige, unperfekte Projekt weiter da wie der Brunnen auf dem Neuen Markt: ein bisschen altmodisch, etwas betonlastig, dauernd umstritten, aber unersetzlich. Wikipedia weiß nicht alles. Aber eine ganze Menge. Selbst Straßenfeger Martin taucht dort auf. Wer hätte das geahnt – heute vor 25 Jahren?Zur Person:
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