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Die innere Stimme: Wer ist hier der Bekloppte?

Kolumne: Lauthals mit sich selbst diskutierende Menschen gelten gesellschaftlich als verrückt. Aber sind sie wirklich bekloppter als die anderen? Über den inneren Monolog und seinen Wahnsinn.

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Wer laut fluchend mit sich selbst diskutiert, kann sich einer Sache gewiss sein: dass andere Menschen den Kontakt zu einem meiden. Aber warum eigentlich?

Nun gut. Wer mit vollkommen starrem Blick unentwegt nach links und rechts schauend in einen äußeren Monolog verfallen ist, der wirkt so, als würde er seine Umgebung gar nicht wahrnehmen. Eben völlig verloren in Gedanken. Manchmal entfachen sich bei solchen Menschen wahre Streitgespräche zwischen mehreren Parteien, obwohl da nur eine Person sitzt, die spricht. Die Worte drehen sich im Kreis. Gereizt, ins Unrecht gesetzt gefühlt, verfallen in Selbstverteidigung.

Automatismen eben

Jaja, sowas passiert nur den Verrückten, den gesellschaftlich Geächteten, sollte man meinen. Von wegen. Ein Paradebeispiel für einen Lauthals-Debattierer ist einer meiner alten Dozenten an der Universität Vechta, der ganz gewiss nicht auf den Kopf gefallen war. Bei ihm nahm der nach außen getragene innere Monolog manchmal wahnhaft-witzige Züge an sich. So fuchtelte er wild mit der Hand vorm eigenen Gesicht, während er die Straße bei grünem Ampellicht überquerte. Wohlgemerkt, da der Debattenführende womöglich nichts von seinem lautstarken Nachdenken mitbekommen hatte, verlief das alltägliche Geschäft wie von selbst. Automatismen eben.

"Was macht es für einen Unterschied, ob man lautstark mit sich selbst spricht, oder nur still im Oberstübchen?"Max Meyer

Nun hätte ich ob der beobachteten Ereignisse schockiert sein können, dass solch ein gebildeter Mensch wahllos vor sich hin plapperte. Und als junger Mensch, der glaubte, in der akademischen Welt das Dilemma des menschlichen Daseins aufdecken zu können, sollte mich das eben Erfahrene noch mehr verunsichern. Doch: Das Gegenteil war der Fall.

Denn als ich mich auf dem Weg zur Uni befand, merkte ich, wie ich lautstark darüber sann, wieso mein Dozent wohl immerzu mit sich selbst sprach. Und da konnte es mir nur wie Schuppen von den Augen fallen: Was macht es für einen Unterschied, ob man lautstark mit sich selbst spricht, oder nur still im Oberstübchen?

Das Problem ist letztlich ein gänzlich anderes

Das Problem ist letztlich ein gänzlich anderes. Und da wären wir auch wieder beim Dilemma des menschlichen Daseins, das ich in der Universität hoffte, lösen zu können (naiv, ich weiß): Dieses unaufhörliche Sabbeln mit sich selbst, ob nun im Stillen oder als Vortrag für die Allgemeinheit, ist etwas, das alle Menschen gemein haben. Da macht es letztlich keinen Unterschied, ob wir es leise oder laut tun. Letzteres wird zwar gesellschaftlich geächtet, der innere Monolog ist deshalb nicht weniger schmerzvoll, wenn er in endlose Abwärtsspiralen des Denkens führt.

Der Verstand samt der inneren Stimme sind ein wertvolles Werkzeug, das uns die Evolution an die Hand gelegt hat – solange wir es nur dann nutzen, wenn wir es auch brauchen. Das scheint der Mensch mit der Entwicklung der Metakognition – der Fähigkeit zu wissen, dass wir denken, fühlen und so weiter – vollkommen vergessen zu haben. Kein Wunder: In einer Gesellschaft, in der das Denken als der höchste Bewusstseinszustand betrachtet wird, ist eine solche Entwicklung nur folgerichtig. Wie gut, dass wir auch von ihr Abstand nehmen können. Jederzeit.


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