Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Die Dinklager Feuerwehr wird 100 Jahre alt: Fünf Kameraden schildern ihre Eindrücke

Welche Herausforderungen gab es früher – und welche gibt es nun? Welche Entscheidung war die vielleicht wichtigste in der Geschichte? Und: Welche Eigenschaft schweißt alle zusammen?

Artikel teilen:
Sie engagieren sich in der Feuerwehr: (von links) Max Germann aus der Jugendfeuerwehr, Brandmeister a.D. Werner Überwasser, Hauptfeuerwehrfrau Sabrina Simon, Feuerwehrmann Kawa Hasan und stellvertretender Stadtbrandmeister Andre Schlotmann. Foto: Böckmann

Sie engagieren sich in der Feuerwehr: (von links) Max Germann aus der Jugendfeuerwehr, Brandmeister a.D. Werner Überwasser, Hauptfeuerwehrfrau Sabrina Simon, Feuerwehrmann Kawa Hasan und stellvertretender Stadtbrandmeister Andre Schlotmann. Foto: Böckmann

Wer im Brandfall in Dinklage keine Hilfe leisten wollte, der musste vor 100 Jahren 3 Mark Strafgeld zahlen. Trotzdem kamen dieser Aufforderung nicht viele Männer nach. Das war ein Problem. Also gründete sich 1923 eine Gruppe um den Tischlermeister Heinrich Möllers, den abwehrenden Brandschutz auszuführen. Es war die Geburtsstunde einer freiwillig organisierten Feuerwehr in Dinklage. Das ist nun exakt 100 Jahre her. Möllers war der erste oberste Brandmeister, ihm folgten sieben weitere.

100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Dinklage – dieses Jubiläum feiern die Brandbekämpfer an diesem Wochenende (18. bis 20. August) im Feuerwehrgerätehaus an der Sanderstraße. Am Freitag gibt es einen Festakt mit geladenen Gästen. Am Samstag wird das „kleine Feuerwehrfest“ ab 16.30 Uhr mit Schnelligkeitswettbewerben gefeiert. Dem folgt am Sonntag von 14 bis 18 Uhr das Kreisfeuerwehrfest mit 26 Wehren und diversen Aktionen.

100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Dinklage – damit sind auch unzählige Geschichten verbunden, Berichte über Einsätze und Anekdoten, über Krisenjahre und Fortschritt, über Aufbruch und Modernisierung. Nachzulesen sind diese in der kurzweiligen und höchst informativen Chronik, die es weiterhin zu kaufen gibt.

Doch wie erleben eigentlich die Feuerwehrfrauen- und -männer selbst ihr Ehrenamt bei den Brandbekämpfern? Das erzählen mit Werner Überwasser, Sabrina Simon, Max Germann, Kawa Hasan und Andre Schlotmann fünf Mitglieder mit unterschiedlichen Lebensläufen. Die jedoch alle immer ein Wort betonen, das charakteristisch für die Dinklager Wehr steht: Kameradschaft.

Der Erfahrenste: Werner Überwasser ist am 5. September 1950 in die Dinklager Wehr eingetreten – niemand ist länger Mitglied als der 89-Jährige, niemand weiß besser über die Aktivitäten der Feuerwehr in der Nachkriegszeit Bescheid. Aber so richtig zugehörig fühlte er sich in der Anfangszeit in der Wehr gar nicht. Denn das erste Feuerwehrhaus stand damals noch an der Burgstraße. Überwasser wohnte am Wiesenweg – weshalb er meistens zu spät zu den Einsätzen kam.

Erfahrenstes Mitglied: Werner Überwasser. Foto: BöckmannErfahrenstes Mitglied: Werner Überwasser. Foto: Böckmann

„Die Kameradschaft habe ich erst auf den Kameradschaftsabenden kennengelernt“, sagt Überwasser. Die Veranstaltungen sponserten die der Wehr immer wohlgesonnenen Dinklager Kaufleute. Davon konnten die Kameraden nicht nur die Musikkapelle bezahlen, sondern bekamen auch eine Art Taschengeld für ihre ehrenamtliche Tätigkeit. „15 bis 20 Mark, das war damals richtig viel Geld“, sagt Werner Überwasser.

Ohnehin – die Kameradschaftsabende seien immer eine tolle Veranstaltung gewesen, sagt Werner Überwasser. Gekürt wurde bereits in den 1950er Jahren wie auch heute der Schlauchkönig. „Eine Kiste Eier und zwei Graubrote bekam der neue Schlauchkönig immer mit, damit wir abends noch bei ihm Spiegeleier essen konnten.“

Es habe in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit „viele Berge und Täler“ in der Dinklager Feuerwehr gegeben, blickt Überwasser zurück. Die Brände seien früher viel einfacher zu löschen gewesen („Das waren ja fast nur Holzhütten“). Es habe ja auch kaum Autounfälle gegeben. Mit Blick auf die Sicherheitsvorkehrungen schüttelt der frühere stellvertretende Gemeindebrandmeister (1975 bis 1981) aber nur mit dem Kopf. „Manchmal ist jemand mit seinem Beerdigungsanzug direkt zum Brand gefahren.“ Dies habe sich zum Glück verbessert – wie auch die Tatsache, dass die Kameraden damals ihre Uniformen noch selbst bezahlen mussten.

Kritisch in den 1950er und 1960er Jahren sei die geringe Mitgliederzahl gewesen. „Wir hatten immer zu wenig Leute“, sagt Werner Überwasser. Die beste Entscheidung, die die Dinklager Wehr in ihrer 100-jährigen Geschichte getroffen habe, sei die Gründung der Jugendfeuerwehr 1972 gewesen. Trotz Widerständen aus der Bevölkerung. Überwasser betont: Nachwuchsarbeit sei eminent wichtig. Sie war ihm als stellvertretender Jugendfeuerwehrwart auch immer ein persönliches Anliegen gewesen.

Die Feuerwehrfrau: Ihr Bruder ist Feuerwehrmann, Cousinen, Cousins und ihre Onkel sind es ebenfalls Brandbekämpfer – bei Sabrina Simon liegt das Feuerwehr-Gen in der Familie. „Ich bin da von klein auf mit groß geworden.“ Sie ist jetzt eine von sechs aktiven Kameradinnen, Betreuerin in der Jugendfeuerwehr und findet: „Wir Frauen werden hier super akzeptiert.“

Engagiert sich auch in der Jugendfeuerwehr: Sabrina Simon. Foto: BöckmannEngagiert sich auch in der Jugendfeuerwehr: Sabrina Simon. Foto: Böckmann

Das Mischverhältnis von Männern und Frauen mache auch „unheimlich viel aus“. Denn es gebe Aufgaben, die eben auch Frauen besser könnten als Männer – zum Beispiel die Kommunikation bei Einsätzen. „Wir haben da vielleicht ein wenig mehr Einfühlungsvermögen.“ Was die Männer bejahen.

Den Zusammenhalt in der Feuerwehr schätzt Sabrina Simon ungemein. Auch bei Einsätzen, die vielleicht nicht so schön gewesen seien, gebe es „immer einen Ansprechpartner, der einen auffängt“, sagt die 28-Jährige und erinnert sich dabei auch an einige prägende Einsätze.

Wie ihren ersten Einsatz bei ihrem größeren Brand, den ersten Verkehrsunfall mit einem Toten oder die unerträgliche Hitze beim Feuer auf dem Pferdehof in Wulfenau. "Ich brauche danach erst einmal Zeit, um den Adrenalinspiegel herunterzufahren", sagt Sabrina Simon. Ihr helfe dabei immer der wichtige Austausch mit ihrem Bruder Daniel Simon.

Der stellvertretende Stadtbrandmeister: Die Kameradschaft ist für Andre Schlotmann das entscheidende Qualitätsmerkmal der Wehr. „Ob jemand 90 Jahre alt oder 18 Jahre ist: Bei uns in Dinklage kann ich mich auf jeden verlassen. Wir ziehen alle an einem Strang“, freut sich der stellvertretende Stadtbrandmeister. Damit meint er nicht nur die Einsätze bei Bränden oder Unfällen, sondern auch den Einsatz bei den verschiedensten Aktionen (Weihnachtsbeleuchtung aufhängen, Tannenbäume abholen, Schützenfest schmücken).

Stellvertretender Stadtbrandmeister: Andre Schlotmann. Foto: BöckmannStellvertretender Stadtbrandmeister: Andre Schlotmann. Foto: Böckmann

„Wir haben eine gut ausgebildete, starke Truppe“, findet Schlotmann und blickt ebenfalls auf den herausfordernden Brand beim Pferdehof in Wulfenau, als er Einsatzleiter war. Natürlich gebe es dann auch mal das ein oder andere laute Wort, vielleicht könne auch das ein oder andere schieflaufen, am Ende sei aber niemand nachtragend.

Brandmeister Schlotmann, seit 1997 Mitglied der aktiven Wehr, hat in den vergangenen 25 Jahren einiges erlebt. Nach seinem allerersten Verkehrsunfall bedankte sich die gerettete Frau jahrzehntelang zu Weihnachten per Karte bei den Dinklager Kameraden. Der Brand der Geflügelschlachterei Nietfeld am 15. Mai 2004 in Schwege, der größte Einsatz seit Jahrzehnten in Dinklage, habe „ganz schön geschlaucht“.  „Sehr, sehr viel Spaß“ machten ihm die Einsätze mit der Kreisfeuerwehrbereitschaft.

Andre Schlotmann zieht den Hut vor allen Kameraden, die trotz der zunehmenden Ansprüche an die Feuerwehrarbeit ihre Freizeit opfern. Und: „Es ist gut, dass wir für jedes Fachgebiet ein, zwei Experten haben. Von A bis Z alles wissen zu müssen, so wie es früher der Fall war, das geht heute nicht mehr.“

Der Quereinsteiger: Kawa Hasan ist einer von drei Quereinsteigern in der Dinklager Feuerwehr. Sich in der Feuerwehr zu engagieren – das wollte er eigentlich schon immer. Dafür musste der 42-Jährige allerdings einige Hürden überspringen. Denn in seiner Heimat Syrien geht das nicht ehrenamtlich, sondern nur hauptberuflich. Als Kawa Hasan 2012 nach Deutschland kam, zog er zunächst einige Male um. 

Endlich in einer Feuerwehr angekommen: Kawa Hasan. Foto: BöckmannEndlich in einer Feuerwehr angekommen: Kawa Hasan. Foto: Böckmann

Feste Wurzeln schlug er dann aber ab 2017 in Dinklage. Er hütete er bei den Kreisliga-Fußballern des TV Dinklage II das Tor. Einer seiner Teamkameraden war Andre Möllers, der passenderweise ebenfalls Feuerwehrmann ist. Über diesen fand er Kontakt zur Dinklager Wehr.  Doch zunächst verhinderten fehlende Dokumente und Corona die ersten Lehrgänge. Doch dann habe er den damaligen Stadtbrandmeister Alfred Dinkelmann „so lange genervt“, alles in die Wege zu leiten. 

Erfolgreich. Denn seit August 2021 ist Kawa Hasan jetzt festes Mitglied in der Dinklager Feuerwehr. Er hat die ersten Grundlehrgänge bestanden und möchte sich permanent weiterbilden.

Der angehende Feuerwehrmann: Sein Vater Denis ist Mitglied der Dinklager Feuerwehr, dieser engagierte sich in der Kreisjugendfeuerwehr – also war für Sohn Max Germann früh klar, dass er auch in die Jugendfeuerwehr möchte. „Papa hat mich früher immer zu Aktionen mitgenommen, zum Beispiel zum Pfingstzeltlager. Ich habe dann direkt gemerkt, wie viel Spaß es machen kann, in der Gruppe zu arbeiten. Feuerwehr ist echte Teamarbeit“, erzählt der 16-Jährige, der zusammen mit Sebastian Witte übrigens Kreisjugendsprecher ist.

Noch in der Jugendfeuerwehr: Max Germann. Foto: BöckmannNoch in der Jugendfeuerwehr: Max Germann. Foto: Böckmann

Max Germann freut sich darauf, in Zukunft an den Diensten der aktiven Feuerwehr teilnehmen zu dürfen, um die Grundlagen der Feuerwehr (wie Löschangriffe) zu lernen. Gerade übt er mit seinen Kollegen ein- bis zweimal die Woche in Theorie und Praxis für die Leistungsspange, die höchste Auszeichnung für Mitglieder der  Jugendfeuerwehr.

Danke, OM für 10.000 Digital-Abos! Lesen Sie jetzt OM-Plus ein Jahr lang für nur 8,99€ / Monat und sparen Sie so bis zu 40%. Hier geht es zum Angebot.

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Die Dinklager Feuerwehr wird 100 Jahre alt: Fünf Kameraden schildern ihre Eindrücke - OM online