"Die agro-industrielle Landwirtschaft macht in erster Linie die Bauern kaputt"
Werner Bätzing hat ein Buch über die Geschichte und die Zukunft des Landlebens geschrieben. Dem Oldenburger Münsterland stellt er im Interview eine günstige Prognose aus.
Sie haben auf 250 Seiten über die Geschichte und die Zukunft des Landlebens nachgedacht. Haben Sie für unsere Leser gute oder schlechte Nachrichten?
Die Hauptnachricht ist: So wie es bisher gelaufen ist, kann es nicht weitergehen. Es braucht einen prinzipiellen Wechsel im Umgang mit dem ländlichen Raum. Aber ich sehe eine Reihe von positiven Entwicklungen, die einen solchen Wechsel ermöglichen könnten.
Was kann „so“ nicht weitergehen?
Wirtschaft und Gesellschaft sind heute stark auf städtische Strukturen konzentriert. Nur hoch spezialisierte und global vernetzte Formen des Wirtschaftens gelten als konkurrenzfähig. Wirtschaften im ländlichen Raum gerät ins Hintertreffen, weil es nicht hoch spezialisiert und nicht global verflochten ist. Deshalb konzentriert sich Wertschöpfung zunehmend in Metropolen. Das geht zu Lasten des ländlichen Raums.
In Ihrem Buch behaupten Sie, das Landleben des Jahres 1950 ähnele stärker dem des Mittelalters als dem heutigen Landleben. Was ist da passiert?
In den 1950er Jahren war das Dorf noch sehr stark von der Landwirtschaft geprägt und damit Wohn- und Arbeitsort zugleich. Technik und Maschinen waren noch unbekannt. Telefon und Zeitung gab es damals nur beim Pfarrer. Es gab auch keinen eigenständigen Freizeitbereich. Und die gesamte Kommunikation ist mündlich gelaufen.
Das hat sich anschließend radikal verändert. Seit den 1960er Jahren gibt es durch die Motorisierung eine räumliche Trennung von Wohn- und Arbeitsort. Jetzt pendeln die Menschen zur Arbeit, im Dorf wird nur noch gewohnt. Die persönliche Kommunikation wird durch Medien ersetzt, zuerst durch das Telefon. Das Gespräch mit dem Nachbarn wird ersetzt durch das Fernsehen, anfangs im Rahmen der Familie, später sieht dann jeder sein eigenes Programm.
Sie kritisieren scharf die Agrarindustrie. Sie bedrohe die Gesundheit der Menschen, mache sie heimatlos und beeinträchtige dadurch die psychische Stabilität. Das ist starker Tobak.
Die agro-industrielle Landwirtschaft macht in erster Linie die Bauern kaputt. Wir haben seit 1950 einen Rückgang von fast 90 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe. Diese Entwicklung ist politisch gewollt, um Lebensmittel sehr billig produzieren zu können. Und sie wird weitergehen, wenn es kein prinzipielles Umsteuern gibt.
Die großflächige und technikintensive Landnutzung zerstört die typische, jahrhundertealte kleinräumige Kulturlandschaft. Diese sehr großen Flächen dienen monofunktional nur noch einer intensiven Landwirtschaft. Dort will man nicht mehr spazieren gehen und sich erholen.
Wie getupft: Zwischen Neuenkirchen und Damme suchen Gänse Abkühlung im Schatten eines Baumes. Foto: Lammert
Und warum „heimatlos“?
Das sind Agrarwüsten, in denen der Mensch die Natur total dominiert. Hier verschwindet die Erfahrung, dass der Mensch Natur nie vollständig im Griff hat, was in der alten Kulturlandschaft stets gut sichtbar war, genauso wie ihre Prägung durch bäuerliche Arbeit. Dadurch fehlt den Menschen ein wichtiger Erfahrungsbereich: die Korrespondenz zwischen mir und meiner Umgebung.
Diese Korrespondenz gab es auch in den Städten, wo die Menschen sich in den Gebäuden und Plätzen wiedergefunden haben. Auch das geht heute verloren, wenn aus der Kernstadt nur noch Einkaufs- und Tourismuszentren werden. Dann geht der Zusammenhang zwischen der eigenen Lebenswelt sowie dem Raum in Stadt und Land verloren.
Welchen Grund zur Hoffnung gibt es aus Ihrer Sicht für das Landleben?
Etwa die Bewegung der Regionalprodukte. Dabei geht es um die Aufwertung und Neuproduktion regionaler Produkte, umweltverträglich und handwerklich. Ziel ist eine dezentrale Wertschöpfung. Wichtig ist dabei, dass Dinge vor Ort nicht nur produziert, sondern auch verarbeitet werden. Auch Logistik und Marketing für diese Produkte kann auf dem Land stattfinden.
Möbel vom Tischler vor Ort sind aber teurer als vom Möbelmarkt. Sollen Bürger Wohlstandsverluste hinnehmen?
Was Sie jetzt formulieren, ist eine klassische neoliberale Position, die ich nicht teile. Es käme zu einer Verlagerung der Wertschöpfung aus den Metropolen auf das Land. Die Gewinne von großen Produzenten wie Ikea fallen ja bisher vor allem in den Metropolen an. Profitieren würden sowohl kleine und mittlere Unternehmen zulasten großer Konzerne, als auch die Konsumenten dank langlebiger Qualitätsprodukte an Stelle von Wegwerfartikeln.
Das wäre aus meiner Sicht darüber hinaus auch volkswirtschaftlich wichtig, weil Metropolen derzeit eine enorme Überlastung erleben. Die Wirtschaft ist viel zu stark, die Nachfrage zu groß. Städte platzen aus allen Nähten, Miet- und Grundstückspreise gehen durch die Decke. Deshalb ist es nötig, das Land zu stärken um die Städte zu entlasten. Davon profitieren alle.
"Es wäre eigentlich Aufgabe der Politik, für die Landwirtschaft hier bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Das ist etwas, was die Bauern in ihren Protesten zurecht anmahnen, die Bauern sind praktisch die Leidtragenden, die keine ökonomische Zukunft für sich mehr sehen."Werner Bätzing
Wie stehen sie zu Bio-Produkten vom Discounter?
Bio-Produkte im Supermarkt werden unter enormem Preisdruck hergestellt. Wenn diese jetzt aus Kostengründen um die halbe Welt gefahren werden, widerspricht das eigentlich den Grundprinzipien der ökologischen Landwirtschaft. Die setzt ja auf regionale Wirtschaftskreisläufe und nicht auf globale Vernetzungen.
Ich bin auch der Meinung, dass die permanente Präsenz von Produkten zu jeder Jahreszeit mit den Grundprinzipien der Bio-Produktion nicht vereinbar ist. Die Natur gibt vor, welches Gemüse es zu welcher Jahreszeit gibt und welches nicht. Das wird von Bio-Produkten im Supermarkt, die aus der ganzen Welt stammen, unterlaufen.
Was folgt daraus?
Die Alternative wären Produkte, die ökologisch, regional und saisonal sind, die die Wertschöpfung vor Ort auf dem Land bereichern.
Schmucker Giebel: Wenn Traditionen nicht gepflegt werden, verkommen sie zur Folklore oder verfallen gänzlich. Foto: Ebert
Muss die Marktmacht der Lebensmittelketten gebrochen werden?
Ich glaube, dass es ein zentrales Problem der Landwirtschaft ist, dass sie auf beiden Seiten von Großstrukturen bedroht wird: Auf der Seite der Abnehmer sind das die Lebensmittelindustrie und der Einzelhandel, die beide sehr starke Konzernstrukturen haben.
Das Gleiche zeigt sich auf der anderen Seite, bei den Vorprodukten, also bei all dem, was der Landwirt heute von der chemischen Industrie an Dünger braucht; oder bei der Maschinenindustrie, etwa Traktoren. Das müsste geändert werden, aber das ist im Rahmen einer liberalen Wirtschaftsordnung nur schwer zu ändern.
Es wäre eigentlich Aufgabe der Politik, für die Landwirtschaft hier bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Das ist etwas, was die Bauern in ihren Protesten zurecht anmahnen, die Bauern sind praktisch die Leidtragenden, die keine ökonomische Zukunft für sich mehr sehen.
Für das Oldenburger Münsterland geben Sie teilweise eine günstige Prognose ab. Warum?
Neben dem Emsland ist das Oldenburger Münsterland die einzige ländliche Region Deutschlands mit einer positiven Geburtenbilanz. Die Bevölkerung wächst, und zwar durch Geburtenüberschuss und nicht durch Zuwanderung. Das ist ein Zeichen dafür, dass in Ihrer Region die Rahmenbedingungen für das Kinderkriegen gut sind. Oft wird die katholische Kirche mit ihrer Kinderbetreuung als Grund dafür genannt. Vielleicht ist auch eine entsprechend konservative Grundhaltung von Bedeutung ...
Kleine Räume: Traditionelle Landwirtschaft bot eine große Artenvielfalt. Wegkreuze markieren viele Kreuzungen in Südoldenburg. Foto: Ebert
Wieso ist die Bevölkerungsentwicklung so zentral für die Zukunft auf dem Land?
Das zentrale Problem des ländlichen Raumes ist, dass Infrastrukturen, also Läden, Banken, Ämter, Wasserversorgung, Busverkehr, Schulen und so weiter, weniger nachgefragt werden, wenn die Bevölkerung zurückgeht. Dadurch werden die Infrastrukturen – relativ gesehen – teurer. Dann werden sie ausgedünnt und es kommt eine Abwärtsspirale in Gang: Schlechtere Infrastrukturen motivieren Menschen dazu, wegzuziehen und das wiederum zieht eine weitere Ausdünnung der Angebote nach sich. Deshalb sind Bevölkerungszahlen immer ein zentraler Indikator für die Zukunft einer Region.
Wie sieht denn die Zukunft der Infrastruktur aus?
Auch hier haben wir die städtische Denkart: Je größer die Infrastrukturen an einem Ort sind, desto hochwertiger können sie sein. Beispiel Kreiskrankenhaus: Das hat keine besonders hochwertigen Angebote. Das Universitätsklinikum hingegen bietet die Spitze des Angebotes, auch für extrem seltene Krankheiten. Städtisches Denken heißt: Je mehr Menschen auf kleinstem Raum zusammenleben, desto größer, spezialisierter und effizienter können die Infrastrukturen sein.
Im ländlichen Raum aber haben wir viel zu geringe Bevölkerungsdichten und zu schlechte Erreichbarkeiten. Deshalb braucht es hier dezentrale und multifunktionale Infrastrukturen. Und für Spezialfälle muss das städtische Angebot trotzdem gut erreichbar sein.
Infos zum Buch:
Autor: Werner Bätzing
Titel: "Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform"