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Der Umgang mit Shitstorms und Cancel Culture

Kolumne: Die Generation Z zeigt's Ihnen – Die Diskussionen im Netz reichen von der Sensibilisierung für Ungerechtigkeiten zur moralischen Hexenjagd. Bei all der Aufruhr geht es doch um Eines.

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Wenn der Schauspieler Will Smith bei den Oscars einem anderen Prominenten ins Gesicht schlägt, die Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling transgenderfeindliche Tweets in die Welt setzt oder die Ärzte ihren eigenen Song „Elke“ nicht mehr live spielen wollen, sind sie wohl alle von der "Cancel Culture" betroffen. Doch was bedeutet das eigentlich? Ist es eine moralische Hexenjagd oder eher die Sensibilisierung für Ungerechtigkeiten?

Die Bezeichnung Cancel Culture kommt mittlerweile auch immer mehr in der deutschen Gesellschaft an. Menschen, Firmen oder Marken werden aufgrund provozierender und problematischer Aussagen – zumeist im Internet – angeprangert, boykottiert und oftmals auch attackiert. Dabei werden mit dem Begriff eigentlich immer verschiedene Probleme angesprochen: Im Fall Will Smith geht es darum, dass Konflikte nicht mit Gewalt gelöst werden sollten. Die Tweets von J. K. Rowling sind diskriminierend. Und der Ärzte-Song ist selbst aus der Sicht des Frontmanns frauenfeindlich und von Bodyshaming betroffen.  Befürworter sind der Meinung, dass so sozialer Fortschritt durch ein besseres Bewusstsein für Gerechtigkeit erreicht wird. Wenn also eine ganze Masse an Menschen sich in Widerstand übt, sollten die Betroffenen ihre Meinung vielleicht hinterfragen. 

Hingegen sehen Gegner der Cancel Culture die freie Meinungsäußerung in Gefahr. Der gesellschaftliche Diskurs verkümmere, sozialer Wandel werde gehemmt und die Toleranz sinke. Für Firmen und Künstler bedeutet der öffentliche Fehltritt manchmal den wirtschaftlichen Zusammenbruch, wie auch das Beispiel von Xavier Naidoos antisemitischen und verschwörungstheoretischen Aussagen verdeutlichen. Das Problem: Cancel Culture geht davon aus, dass der Mensch unfehlbar ist. Doch Fehltritte sind möglich und sollten nicht in jedem Fall zu einer öffentlichen Hinrichtung führen. 

"Wenn ein Musiker sich also wiederholt antisemitisch äußert und offensichtlich diese Meinung auch vertritt, ist es durchaus nachvollziehbar, wenn sich seine Konzerttickets nicht mehr verkaufen."Tobias Thomes

Diesem Problem wird durch das ähnliche Konzept "Call-Out-Culture" Abhilfe geschaffen. Der Begriff „Call Out“ (dt. „zur Rede stellen“) meint hier, dass Betroffene nach einer problematischen Aussage auf ihren Fehltritt hingewiesen werden. Es besteht im Gegensatz zur Cancel-Culture die Möglichkeit, sich zu informieren, aus den Fehlern zu lernen und sich zu entschuldigen.

Die Welt ist „messy“ (zu dt. dreckig, chaotisch), wie Barack Obama einst eigentlich sagte, um junge Menschen vor einer zu starken Polarisierung im Internet zu warnen. Und damit hat er vermutlich nicht ganz unrecht. Das Internet ist immer noch in seiner Entwicklung. 22.000 Youtuber haben über 1 Million Abonnenten. Sie sind teilweise urplötzlich zu Personen des öffentlichen Raums geworden, ohne sich der Wirkung, die sie auf ihre Community haben, bewusst zu sein. Bei jedem Fehltritt direkt einen Shitstorm zu entfachen, ist deshalb problematisch. Andernfalls sehe ich die freie Meinungsäußerung in Gefahr. Denn provokative Witze sollten weiterhin möglich sein, auch wenn sie für manche nur schwer auszuhalten sind. 

Das heißt aber nicht, dass Menschen nicht mehr mit Gegenwind rechnen müssen, wenn sie ihre Meinung öffentlich äußern. Wenn ein Musiker sich also wiederholt antisemitisch äußert und offensichtlich diese Meinung auch vertritt, ist es durchaus nachvollziehbar, wenn sich seine Konzerttickets nicht mehr verkaufen. In der Realität spüren die „Gecancelten“ meistens sowieso nur den gesellschaftlichen Diskurs. Rechtliche Konsequenzen gibt es fast nie, die Wirkung der Shitstorms flacht oft schnell ab. Solange die polarisierende Wirkung nicht Überhand nimmt und der gesellschaftliche Diskurs nicht ständig in wütenden Internet-Mobs ausartet, ist es am Ende schließlich jedem selbst überlassen, wie ein Fehltritt bewertet wird und ob man weiterhin das Konzert des Musikers besuchen möchte.

Wie eingangs erklärt, macht Cancel-Culture nämlich in erster Linie auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam. So sollte der Online-Aktivismus nicht einfach als Beschneidung der Redefreiheit gewertet werden. Die Ächtungskultur der "Call Outs" schafft Platz für gesellschaftliche Diskussionen, die – solange sie im Rahmen bleiben – zurecht Ungerechtigkeiten in den Mittelpunkt rücken. 

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