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Der liebe Nachbar – Freund oder Feind?

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Sie sind Fluch oder Segen: Nachbarn. Ich kenne beides. Der Fluch verfolgt mich noch in meinen Albträumen.

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Es ist eine einfache Rechnung: Wer wohnt, hat Nachbarn. Unsere Nachbarn können uns den letzten Nerv rauben, für Gesprächsstoff sorgen oder zu Freunden werden. In Mehrfamilienhäusern hat man besonders viele und manchmal sind sie auch einfach nur schräg. Während meiner Zeit in Hannover habe ich gleich mehrere dieser schrägen Typen kennengelernt.

Die Geisternachbarn zum Beispiel. Oder auch: die Unsichtbaren. Oft habe ich mich gefragt, wer eigentlich eine Etage unter uns wohnt. Gesehen oder gehört habe ich sie nie. Einziges Anzeichen für intelligentes Leben: Je nach Jahreszeit wechselten die Schuhe vor der Tür – von Winterboots zu Birkenstocks. Direkt neben uns wohnten leider die, die immer streiten. Meist abends ab 22 Uhr. Das Geschrei aus der Wohnung (in diesem Fall eine Mutter und ihr pubertierender Sohn) klang schlimmer als jede Trennungsszene bei GZSZ.

Dann gibt es noch die Kontrollettis. Sie kennen jeden Mieter mit Vor-, Zu-, und Instagram-Namen, wissen, ob du Müll trennst oder rufen die Hausverwaltung an, wenn ein Fahrrad länger als 15 Minuten im Hausflur steht. Sie sind die NSA deiner Nachbarschaft und du wirst ihnen nicht entkommen. Sobald du dich dem Haus näherst, wird dezent die Gardine zur Seite geschoben oder durch den Türspion gelinst. Mit Vorliebe hängen sie Zettel an die Haupteingangstür mit Warnhinweisen oder Anregungen, wie man Sachen besser machen könnte. 

"Die Kontrollettis kennen jeden Mieter mit Vor-, Zu-, und Instagram-Namen und wissen, ob du Müll trennst."Sandra Hoff

Diesen Typ Nachbar empfand ich am schlimmsten. Nennen wir ihn in meinem Fall "Wilhelm".  Nicht selten habe ich an der Tür gehorcht, um herauszufinden, ob sich Wilhelm irgendwo im Hausflur aufhält, um ihm bloß nicht zu begegnen. Sehr oft habe ich in Kauf genommen, zu spät zur Arbeit zu kommen, um nicht von ihm in Gespräche verwickelt zu werden, oder ich habe mich lautlos wie Tom Cruise in "Mission Impossible" an den Wänden entlanggeschlichen. Meist vergebens. Das Gruseligste, was er je zu mir gesagt hat: "Ach Frau Hoff, Sie haben ja gestern Abend noch bis spät abends am Schreibtisch gesessen. Mussten Sie so lange arbeiten?" Ähm. Unser Büro hatte keine Fenster. Woher konnte er das wissen? Die Frage beschäftigt mich noch immer, weswegen sich Wilhelm auch noch bis heute so manches Mal in meine Albträume schleicht. 

Seit drei Jahren leben wir nun ganz spießig (ich liebe spießig) in einer Siedlung auf dem Land. Keine Geisternachbarn, keine Kontrollettis und keine Streithähne mehr. Stattdessen Nachbarn, mit denen wir gemeinsam Störche aufstellen, wenn Babys geboren wurden, mit denen wir kränzen, wenn geheiratet wird oder mit denen wir an Neujahr von Haus zu Haus gehen, um die geschmückten Tannenbäume "anzubrüllen" (singen kann und darf man das einfach nicht nennen, das wäre eine Schande für jeden, der eine gute Stimme hat). Nachbarn, die ohne zu maulen immer und jederzeit Pakete annehmen, die aber auch nicht permanent auf der Matte stehen. Mit Kindern, die gemeinsam aufwachsen. Mit Frauen, die einen Stammtisch gründen. Mit Männern, die im Frühling und Sommer nur in den Garten gehen, weil sie insgeheim auf den 11-Uhr-Zug warten (für Unwissende: Das ist der Code für Bier). Kurz gesagt: eine Straße mit Nachbarn, in der die Welt noch in Ordnung ist. Spießig eben. Aber toll. 


Zur Person:

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