Der Johannistag ist nicht zu unterschätzen
Gästebuch: Der Johannistag markiert besondere Ereignisse im Jahr, findet mehrfach Platz in den Bauernregeln und wird durchaus als Entschuldigung für gewisse Triebe herangezogen.
Otto Höffmann | 22.06.2024
Gästebuch: Der Johannistag markiert besondere Ereignisse im Jahr, findet mehrfach Platz in den Bauernregeln und wird durchaus als Entschuldigung für gewisse Triebe herangezogen.
Otto Höffmann | 22.06.2024

„Der Charakter eines Menschen ruht auf der Persönlichkeit, nicht auf den Talenten.“ Als er das feststellte, war er in den besten Jahren. Ein gutes Stück an Zeit später, als Johann Wolfgang von Goethe stattliche 75 Jahre alt war, traf ihn die Liebe wie ein Blitz. Die knackige Ulrike von Levetzow war kaum 18 Jahre alt, als der alte Herr ihr völlig unadäquat verfiel. Das war auch damals schon, vor rund 200 Jahren, eine ungewöhnliche Leidenschaft, und auch damals schon eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Ulrike wollte den alten Knacker nicht, und so kam, was kommen musste: Trauer, Schmerz und Tod, in Elegien verarbeitet. Was hat die Tatsache, dass sich ein älterer Herr nochmals auf Freiersfüßen begibt, mit uns heute zu tun? Nun, dieses Wochenende ist ein besonderes. Es markiert eine Wende und den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Das wissen insbesondere die Spargelbauer des Oldenburger Münsterlandes. Denn nun gibt es in der Hochburg keinen Spargel mehr, jedenfalls keinen frischen. Die Saison ist vorbei. Und wie die Spargelbauern einmütig berichten, war es eine gute. Auch die Gastronomen hier im Cloppenburger Land äußern sich zufrieden. Was jetzt noch sprießt, sind andere Knospen. Am Montag ist Johanni. Der Johannistag am 24. Juni ist das traditionelle Mittsommerfest. Der Johannistag feiert die Geburt von Johannes dem Täufer, der im Christentum als letzter wichtiger Prophet vor Jesus Christus verehrt wird – genau 6 Monate vor Weihnachten, der Geburt Jesu. Für die Landwirtschaft ist der Tag von altersher ein Stichtag. Denn nach dem 21. Juni, der Sommersonnenwende, also Freitag, werden die Tage Tag für Tag kürzer. Für den Gärtner endet am Johannistag sowohl die Spargel- als auch die Rhabarberernte. „Stich den Spargel nie nach Johanni“, holpert der Reim eine alte Bauernweisheit. „Und dann gibt es noch den Johannistrieb. Der hat gleich zweierlei Bedeutung.“ Ganz besonders aktiv sind in den Nächten rund um den Johannistag die Glühwürmchen, auch Johannikäfer genannt, die in Wiesen, Gebüschen und an Waldrändern auf Partnersuche gehen und angeblich in der Johannisnacht am hellsten leuchten. Johanni ist wie die „Eisheiligen“ oder die „Schafskälte“ im Bauernkalender ein wichtiger Tag für die Bestimmung des Wetters. „Regnet’s am Johannistag, regnet es danach noch 14 Tag'“, lautet die eine Regel. Und „Bleibt es an Johanni trocken und warm, macht das den Bauern nicht arm“, lautet die andere. Und dann gibt es noch den Johannistrieb. Der hat gleich zweierlei Bedeutung. Die eine stammt eigentlich aus der Forstwirtschaft. Der Johannistrieb bezeichnet das zweite Austreiben mancher Holzgewächse, wie beispielsweise Eichen, Buchen oder Ahornarten, im Juni um Johanni herum. Aus ruhenden, eigentlich für die kommende Vegetationsperiode angelegten Knospen,sprießen neue frische Blätter, deutlich an der unterschiedlichen Färbung zu erkennen. Im übertragenen Sinne ist der Johannistrieb dagegen eine wohlmeinende Bezeichnung für die gesteigerte Sexualität älterer Frauen und Männer. Omas oder Opas wiederentfachte sexuelle Lust im Alter hat also mit dem heutigen Wochenende zu tun. Da kann der zweite Frühling mit Johannistrieb ab sofort auch den im Alter fortgeschrittenen Mitmenschen eine nochmals aufgeblühte Sexualität bescheren. Die Seniorinnen wie Senioren können nichts dafür: „Liegt an Johanni“, heißt es schulterzuckend. Ganz so, wie es einst dem guten Goethe erging. Besser also: Trotz dem Trieb und meide Leid!Zur Person
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