Denken ist Zeit, Zeit ist Angst
Kolumne: Jeder kennt Angst – oder macht sich zumindest einen Begriff daraus. Solange das der Fall ist, wirkt die Erinnerung stets auf die Gegenwart ein. Es sei denn, wir durchbrechen das Muster.
Max Meyer | 16.02.2026
Kolumne: Jeder kennt Angst – oder macht sich zumindest einen Begriff daraus. Solange das der Fall ist, wirkt die Erinnerung stets auf die Gegenwart ein. Es sei denn, wir durchbrechen das Muster.
Max Meyer | 16.02.2026

Angst ist ein der Menschheit gemeinsamer Zustand. Ob Sie arm oder reich, wissend oder unwissend, fleißig oder faul sind: Die tief verwurzelte Angst ist da. Sie ist der Boden, auf dem wir stehen. Das ist eine Tatsache, solange das Gehirn in dem Muster aus Angst gefangen ist. Was aber ist das Muster der Angst? Und können wir frei von ihr sein? Erkennt man sie als solche, wenn man welche hat? Wenn man Angst hat, kann man sie in dem Augenblick beschreiben, in dem man sie hat? Oder erfolgt die Beschreibung der Angst erst hinterher? „Hinterher“ ist Zeit. Angenommen, man hat Angst. Dann hat man Angst vor etwas, das man in der Vergangenheit getan hat und von dem man nicht möchte, dass es ein anderer erfährt. Oder es ist etwas in der Vergangenheit geschehen, das Angst macht. Aber: Gibt es eine Angst an sich? Nennt man es in der eigentlichen Angstsekunde Angst? Oder geschieht das erst nach dem Erlebten, wenn das Gehirn die Angsterlebnisse gespeichert hat – sofort, nachdem die Reaktion erfolgt ist? Dann sagt die Erinnerung: „Das ist Angst.“ So wirkt die Erinnerung immer auf die Gegenwart ein. „Angst entsteht also in der psychologischen Zeit. Sie braucht, wie die physische, Raum und Zeit, um sich zu entfalten übers Denken. Das heißt im Umkehrschluss: Denken ist Zeit, Zeit ist Angst.“ Was ist also Angst? Die Angst vor etwas, das geschah und nicht wieder geschehen soll, aber geschehen könnte. Die Wurzel der Angst steckt also in der Zeit – aber nicht in der Zeit, die wir an der Uhr ablesen können. Es ist die innere, psychologische Zeit, die uns in der natürlichen Zeit Erinnerungen an „Angst“ abspeichern und auf die Gegenwart und Zukunft projizieren lässt: „Ich könnte meine Stellung verlieren, Geld, meine Partnerin.“ Angst entsteht also in der psychologischen Zeit. Sie braucht, wie die physische, Raum und Zeit, um sich zu entfalten übers Denken. Das heißt im Umkehrschluss: Denken ist Zeit, Zeit ist Angst. Sie sitzen beim Zahnarzt, haben Schmerzen. Ihr Gehirn speichert das ab. Erinnert übertragen: Angst vorm Zahnarzt. Was bedeutet das für das Muster der Angst? Können wir es ablegen, wenn wir im Moment nicht einen Begriff aus ihr machen? Sehen Sie der Angst in der Angstsekunde ins Gesicht und fliehen Sie nicht mental vor ihr – sie bleibt sowieso bestehen. Wenn Sie der Tatsache, dass Angst ein gedanklicher Vorgang ist, volle Aufmerksamkeit schenken, dann hört Angst im psychologischen Sinn auf. Jiddu Krishnamurti sagte einst: „Angst existiert, solange wir uns ans Bekannte klammern. Sie beschreibt nicht die Furcht vorm Unbekannten, sondern den Verlust des Bekannten.“ Wenn das gedanklich Gespeicherte uns Angst macht, sollte es uns keine Angst bereiten, die Angst als das zu sehen, was sie ist: eine Erinnerung in Erwartung.Nur eine Erinnerung in Erwartung
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